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Models sind wie Zahnbürsten: Gute Vermarktung schafft Begehrlichkeiten

Ein Model ist keine Waschmaschine? In puncto Marketing irgendwie doch. Ein Produkt, das verkauft werden muss. Kunden, bei denen Begehrlichkeiten geweckt werden sollen. Ein schmaler Grat, wenn das Produkt dein eigener Körper ist.

Von Marie von den Benken

stern-Stimme Marie von den Benken

Das amerikanische Model Bella Hadid ist derzeit gefragt wie kaum eine andere - auch dank geschickter Eigen-PR

Ein ist ein Produkt. Ware. Für einen vorher ausgemachten Preis wird eine Dienstleistung erbracht. Wie jedes Produkt braucht auch ein Model gutes Marketing. Das Geschäft läuft nicht viel anders als der Verkauf von Waschmaschinen. Das Produkt kann noch so gut sein – ohne Marketing kennt es niemand. Anders als bei Waschmaschinen allerdings hat ein Model selten Marketingbudgets, eine Marketingabteilung oder eine Werbeagentur im Rücken. Wie betreibt man also Eigenwerbung? Wie präsentiert man sein Produkt, sich selber, ohne TV-Spots, Anzeigen und Google AdWords-Kampagnen?

Deine Modelagentur alleine macht diesen nicht. Natürlich, dort ist man bemüht, seine Mädchen bei so vielen Jobs wie möglich unterzubringen. Aber kassiert wird pro Job. Einfach gesagt: Wenn die Agentur fünf Mädchen vorschlagen soll, wird eine davon wahrscheinlich den Job bekommen. Welche das ist, spielt für die Agentur eine eher untergeordnete Rolle. Sie kassiert so oder so. Was hat man also für Werkzeuge, sich ins Rampenlicht potenzieller Kunden zu stellen? Eigentlich – und da ist man mittlerweile ja zumindest schon etwas weiter, als man es 2003 war, als ich angefangen habe – gibt es nur Instagram.

Instagram ersetzt Set-Card

Diese Plattform nutzen Models wie ein Portfolio ihres Lebens und ihres Jobs. Sie kreieren in der Welt der Selfie-Quadrate eine Mischung aus lustigen Spaß-Fotos von Partys, Strandurlauben, Citytrips. Diese möglichst mit anderen Models, um eine feste Zugehörigkeit zum erfolgreichen Inner-Circle zu transportieren. Dazu kommen Backstage-Schnappschüsse von Jobs und Shootings. Das generiert viele Follower, macht Models nebenbei zu Influencern und wirkt auf potenzielle Kunden authentisch und interessant. Die Visitenkarte eines Models ist heute weniger die Set-Card als viel mehr ihr  Instagram-Account.

Neben der Frage "Wie bekomme ich neue Kunden?", stellt sich jedem Model aber natürlich auch die Frage: "Wie behalte ich bestehende Kunden?" Womit wir wieder bei der Waschmaschine wären. Dem Model als reines Produkt. In jedem Ratgeber über Kundenbindung steht es unter "1x1 des Marketings". Teilzeit-Vertriebsexperten, die ihren 50 Facebook-Followern für 500 Euro vollmundig "Wie werde ich erfolgreich im Verkauf"-Webseminare anbieten, predigen: Es ist schwer, einen Kunden zu gewinnen. Aber es ist noch viel schwerer, einen Kunden zu behalten. Das gilt für Models genau so wie für Zahnbürsten.

Und damit steht man vor einer der größten Herausforderungen der Karriere. Wie geht man mit Kunden um? Anders als bei der Waschmaschine ist man nämlich Produkt und Ansprechpartner in Personalunion. Dein Körper ist dein Arbeitsgerät. Es würde kein Kunde auf die Idee kommen, abends mit seiner Waschmaschine essen zu gehen. Mit seinem Model aber schon. Solche Situationen sind Alltag.


Business-Dinner oder Date?

Als Beispiel: Viele Produktionen gehen über mehrere Tage. Die Folge: Team, Models, Fotograf und Kunde sind nicht nur am Set, sondern zumeist auch im Hotel zusammen. Es ist eine logische Konsequenz, dass dadurch Momente entstehen, die man als Model (das gleichzeitig das Produkt ist, das seinem Kunden bestmöglich präsentiert und in bester Erinnerung bleiben soll) bewerten muss. Eines der typischsten Szenarien ist das berühmte Team-Dinner. Der Kunde lädt zum Abendessen ein. Man ist zusammen in einer fremden Stadt, arbeitet gemeinsam an einer Kampagne. Das schweißt zusammen. Sollte man denken. Marketingleiter und Geschäftsführer von Kunden jedenfalls denken das in neun von zehn Fällen. Es heißt also jeden Abend: Erst mal gemütlich Essen gehen und anschließend noch ein wenig an der Hotelbar philosophieren. Und wie man vielleicht schon vermutet, ist die Vokabel "philosophieren" nicht selten nur eine wenig subtile Umschreibung für "anbaggern". Es ist mir bewusst, dass das erst mal ziemlich nach Klischee klingt. Und klar, große Unternehmen wie H&M oder Esprit sind extrem professionell aufgestellt und zwielichtige, unangenehme Begegnungen dieser Art erlebt man als Model dort niemals.

Allerdings hat nur ein Bruchteil der Mädchen, die ihren Lebensunterhalt als Model verdienen, das Glück, ausschließlich für hochprofessionelle Top-Marken zu arbeiten. Kaum ein Mädchen in der Branche kann es sich leisten, Jobs aus der zweiten oder dritten Attraktivitäts-Kategorie abzulehnen. Womit wir wieder am Anfang wären. Wie reagiert man professionell auf Avancen seitens des Kunden, ohne seine Chancen auf Folgejobs zu gefährden?

Der Kunde isst auch mit

Ich möchte nicht überdramatisieren: Es geht dabei nicht um die Frage, wie man sich einem halb erzwungenen Sexabenteuer mit seinem Auftraggeber entziehen kann. In diesen kriminellen Bereich geht es in den seltensten Fällen. Unangenehme Situationen entstehen, vor allem für sehr junge Mädchen, aber oftmals schon auf einem viel seichteren Level. Plötzlich ist das Dinner mit dem Team ein Dinner zu zweit. Nur Model und Kunde. Daran ist erst mal nichts Verwerfliches. Auch Waschmaschinen-Verkäufer gehen mit ihren Großkunden essen. In der häufigsten Konstellation "Mädchen versus Kunde" wird es aber schnell zwiespältig.

Was passiert, wenn man sich jovial ein Dessert teilen soll? Wenn dazu Sprüche kommen wie "so wunderbar, wie du aussiehst, isst du doch ganz sicher kein Dessert alleine?" Wenn der Abend dann mit einem kleinen Spaziergang zurück zum Hotel abgerundet werden soll? Wenn es draußen kalt ist und der Kunde besorgt sein Sakko über deine Schultern legt? Wenn man sich plötzlich duzt und vielleicht doch noch vor dem Schlafengehen in der Hotelbar einen Champagner trinken sollte, weil man sich doch so gut versteht und das eine tolle Kampagne wird? Ist das dann noch professionell vom Kunden? Vor dem Hintergrund, dass man ein paar Stunden vorher am Set noch für ihn vor der Kamera stand, womöglich sogar halbnackt in freizügigen Outfits, ist es zumindest mal etwas eigentümlich. Läuft sowas noch unter "Socializing" oder ist es schon eine Art Flirten? Oder vielleicht sogar die Botschaft "wenn du beim nächsten Mal wieder dabei sein möchtest, solltest du dich etwas netter und offener verhalten"? Daran sind viele Mädchen zerbrochen. Diesen Balanceakt zu schaffen, ist oftmals eine der größten Herausforderungen für New Faces im Business.

Modelfalle Socializing

Ich weiß, dass es auf der Welt schlimmere Probleme gibt. Dennoch habe ich es unzählige Male selber erlebt und später noch viel häufiger von den ganz jungen Kolleginnen gehört. Fragen Sie doch einfach mal irgendein Model, das Sie kennen. Jedes wird eine solche Konstellation beschreiben können. Man kann als Model in so einer Situation nur verlieren. Ist man offen, lustig, nett, charmant, heißt es: Da musst du dich auch nicht wundern, ist doch klar, dass der Kunde denkt, du findest ihn interessant. Ist man dagegen abwartend oder sogar desinteressiert, heißt es: Da musst du dich auch nicht wundern, ist doch klar, dass der Kunde denkt, du bist eine undankbare Zicke. So oder so, es gibt im Modeling beim Thema Selbstvermarktung Situationen, die dich überfordern können. Am Ende muss man damit klar kommen und seinen eigenen Weg finden. Oder den Job wechseln.

Die Komplexität eines Jobs vor der Fotokamera geht nämlich, das wird viele verwundern, darüber hinaus, einfach für ein paar Momente gut auszusehen und sich ansonsten eben halbwegs in Shape zu halten. Das Thema Selbstvermarktung ist eines davon. Das Leben als Model hat nicht nur Champagner-Seiten. Apropos kein Champagner. Nächste Woche berichte ich über die Karrierechancen von Céline Bethmann. Céline wer? Genau. Sie hat letzte Woche "Germany's Next Topmodel" gewonnen.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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