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6. Juni 2007, 12:00 Uhr

Die Rückkehr der dicken Hose

Er war faul, er konnte nicht zeichnen, er wollte raus: 20 Jahre später besucht Michael Michalsky wieder sein Heimatdorf - als Designer mit Auftraggebern wie Tchibo und mit großen Plänen. Heute kommt seine erste Kollektion für den Kaffee-Röster in die Läden. Von Mareile Grimm

Zurück in der Pampa: Michalsky an einer Bushaltestelle zwischen Meddewade und Bad Oldesloe© Christian Kerber

"So, ihr kennt mich also nicht? Ihr kennt mich besser, als ihr denkt!" Spöttisch blickt Michael Michalsky auf eine Gruppe Achtklässler herab, die unbeholfen und lustlos an Gipsblöcken herumkratzen. "Eine Skulptur entsteht aus unendlich vielen Umrissen", hat die Lehrerin an die Wandtafel geschrieben. Doch Henry Moore und sein Kunstverständnis interessiert die Schüler an diesem Montagmorgen nicht halb so sehr wie der merkwürdige Typ mit den tief sitzenden Jeans und den Brillis im Ohrläppchen. "Du da drüben, dein Sweatshirt habe ich designt", doziert der mit großer Geste und durchdringender Stimme, "und hier vorn, der Turnschuh ist von mir. Ach, und den Rucksack da hinten habe ich mir auch ausgedacht. Na ja, ich hatte schon bessere Ideen." Noch immer blicken die Schüler etwas skeptisch auf den kahl geschorenen Hünen, der sich in ihrem Zeichensaal in Mackerpose setzt. Erst als das Stichwort Adidas fällt und Michalsky erklärt, dass er elf Jahre lang für das Design des Sportartikelherstellers verantwortlich war, ist das Eis gebrochen. Die 13-Jährigen wollen alles wissen über die HipHop-Stars wie Missy Elliott, die Michalsky zu Kooperationen bewegt hat, und die Sportgrößen wie David Beckham, die er ausgestattet hat. Dass auch er früher Schüler am Theodor-Mommsen- Gymnasium in Bad Oldesloe war, wussten sie nicht. "Cool", sagt einer, "aus dem gleichen Kaff wie wir und so ’ne große Nummer."

20 Jahre ist das jetzt her. Seitdem hat den heute 39-Jährigen wenig in seine alte Heimat zurückgezogen. "Ich hasse die Provinz", sagt er, "aber sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin." Die Idee, noch einmal herzukommen, an die Orte, die ihn geprägt, zu den Menschen, die ihn begleitet haben, findet er "strange, aber auch supaa geil". Michalsky spricht tatsächlich so, ein krudes Denglisch, gespickt mit reichlich PR-Vokabeln und im Zungenschlag eines Hamburger Werftarbeiters. Er schwadroniert unaufhörlich und über mehrere Oktaven hinweg, aber so sei nun mal seine Personality, sagt er. "What you see is what you get." Als "Misfit von Meddewade" habe er sich in seiner Jugend gefühlt, als Außenseiter des 788-Seelen-Dorfes in Schleswig-Holstein. Der "ultimative Kick-off" für seine Designerkarriere sei eine Modegeschichte im stern gewesen. Surrealistische Kreationen gab es da 1983 zu sehen, Duschbrausen auf Abendkleidern, Schraubenschlüssel als Ohrgehänge. Entworfen hatte das Karl Lagerfeld. An diesem Tag hat Michalsky beschlossen, irgendwann mal das "most glamourous fashion office von Deutschland" zu führen, die heißeste Modefirma der Republik.

Nicht im Verborgenen bleiben

Seine eigene Marke hat er nun, ab Juli wird die erste "Michalsky"-Kollektion in wenigen deutschen Läden hängen. Nebenbei entwirft er mit seinem Team noch Taschen für die Münchner Koffermarke MCM, Firmenbekleidung für Audi und unter dem Namen Mitch & Co. die ersten Designerklamotten im Textilangebot von Tchibo. Ihnen wird man in diesem Sommer häufiger begegnen als der Linie, für die Michalsky mit seinem eigenen Namen steht, doch diesmal hat der Macher hinter der Massenmode dafür gesorgt, dass er mit seiner Personality nicht im Verborgenen bleibt, wie zuletzt bei Adidas.

"Ganz ehrlich? Ich bin verblüfft, dass aus dem so ein berühmter Modemacher geworden ist", sagt Walter Kunau, 74, pensionierter Oberstudienrat am Theodor- Mommsen-Gymnasium. 1987 hatte er den Abiturienten Michalsky in Kunst geprüft und für seine gelungene Interpretation des Oskar-Schlemmer-Bildes "Bauhaustreppe" mit 15 Punkten belohnt - Eins plus. Abgesehen von dieser bemerkenswerten Einzelleistung sei Michalsky zwar ein Individualist, aber nicht sonderlich begabt gewesen. "Ein gewisses höheres Maß an Selbstvertrauen", so Kunau, "das konnte ich bei ihm allerdings schon früh ausmachen." "Ach was", sagt Michalsky später, "der fand mich doof und ich ihn auch." Erniedrigt habe er sich gefühlt, als Kunau einmal vor der versammelten Klasse seine Modezeichnungen verrissen hatte. Leute wie Kunau hätten ihn hart gemacht, sagt er. Hätten in ihm den Willen wachsen lassen, aus der Pampa abzuhauen, es allen zu zeigen. Michalsky mustert den alten Herrn. Was empfindet er bei so einer Begegnung? Mitleid? Genugtuung? Sein Blick verrät Gleichgültigkeit, während er den Arm um die Lehrerschulter legt, fürs Foto, null Problemo, immer gern. Der Hobbymaler Kunau lässt sein Buch da, "60 Bilder aus 60 Jahren" mit Widmung für den ehemaligen Schüler Michael. Es arbeitet in Michalsky, das ist deutlich zu spüren, aber eine Bemerkung verkneift er sich. Er kann das inzwischen, er hat gelernt, dass es ohne eine gewisse Diplomatie nicht geht im Geschäftsleben. Und das hier heute ist ein Geschäftstermin in Sachen Eigen-PR, Michalskys Spezialdisziplin.

Zehn Fragen an Michael Michalsky Tchibos Hausmarke war bisher TCM. Haben Sie selbst TCM-Waren zu Hause? Ja, einen Spargeltopf, die elektrische Pfeffermühle und den Eierkocher.

Was hat Sie an der Zusammenarbeit mit Tchibo gereizt? Tchibo hat ein breites Filialnetz und zugleich einen supererfolgreichen Internetzweig, über den die Produkte vertrieben werden. Außerdem schätze ich die hohen Qualitätsansprüche die Tchibo an all seine Produkte anlegt.

Haben Sie keine Angst vor einem Imageschaden nach der Zusammenarbeit mit einem Kaffee-Hersteller? Nein, sonst hätte ich es wohl kaum gemacht. Außerdem stellt "Mitch&Co." ja eine separate Marke dar und gehört eben nicht zu TCM.

Welche Rahmenbedingungen hat Tchibo Ihnen für die Kollektion gestellt? Man hat mir absolute kreative Freiheit gelassen, was die Gestaltung des Produkts, den Auftritt der Marke, die Werbung und auch die Verpackung betrifft. Auch auf die Preisgestaltung hatte ich Einfluss, ich will, dass Topqualität zu günstigen Preisen verkauft wird.

Wird es bei einer einmalige Zusammenarbeit bleiben oder soll die Marke "Mitch&Co." fester Bestandteil des Tchibo-Sortiments werden? Derzeit sind drei bis vier "Mitch&Co"-Kollektionen pro Jahr geplant.

Wer ist Zielgruppe der Kollektion? Unsere Zielgruppe sind die 15- bis 25-Jährigen - und alle, die eine coole, junge Attitude haben.

Welches ist Ihr Lieblingsteil von "Mitch&Co."? Alle! Ich habe ja nur 30 Teile gemacht - die 30, die ich richtig finde.

Die Kampagne erinnert an das Image des US-Unternehmens "Abercrombie&Fitch". War die Ähnlichkeit gewollt? Nein, war sie nicht. Das einzige, das beide Marken verbindet, sind die Aufnahmen in schwarz-weiß. Aber damit wollten wir uns von der restlichen Tchibo-Werbung absetzen.

Es gibt ja derzeit kaum ein Mode-Unternehmen, das nicht mit einem Promi kooperiert. Was halten Sie von diesem Trend? Ich finde das langsam langweilig. Ich betrachte mich nicht als Promi, sondern als professionellen Designer mit vielen Jahren Berufserfahrung.

Interview: Claudia Pientka

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