Kamera, Laptop und ein gutes Auge - mehr brauchen Street-Style-Blogger nicht für ihre Arbeit. Sie berichten oft schneller und aktueller als Modebibeln wie "Vogue" und "Harper's Bazaar" - und ihr Einfluss auf die Modeindustrie wächst. Von Viola Keeve

Modenschauen ziehen modebewusste Menschen an - wie hier bei der Louis-Vuitton-Show in Paris - und bieten perfekte Arbeitsbedingungen für Street-Style-Blogger© Caroline Ventezou/AFP
Sie nennen sich "pregnant goldfish" (in Montreal), "glamcanyon" (in London) oder "StilinBerlin": Street-Style-Blogger aus aller Welt fangen den Look der Menschen auf der Straße ein, nicht den, den Hochglanzmagazine vorgeben. Sie demokratisieren die elitäre Welt der Mode. Sie leben von der Eitelkeit und Experimentierfreude der Großstädter, ihrem ungehemmten Wunsch nach Selbstinszenierung und Abgrenzung - und dem ihrer Beobachter.
In der "globalen Anthologie der fantastisch aussehenden Menschen", schreibt Virginia Heffernan, die Medienkolumnistin des "New York Times Magazines", bewege man sich browsend durch die angesagten Viertel von Tel Aviv, Moskau, Stockholm, Sydney, Berlin oder London. "Style-Arena" aus Tokio etwa zeigt Mode der Trendsetter nach Stadtteilen geordnet - vom hippen Künstlerviertel Harajuku, dem Zentrum der Punks und Gothic Lolitas, bis zum gediegenen Einkaufs-Eldorado Ginza.
Und was lehren all diese Blogs über Mode? Alles ist erlaubt, alles möglich. Ob Tirolerhut oder Aladdinhose, ob Taubengrau oder Karomuster in Gelb-Schwarz als Sherlock-Holmes-Cape zu schwarzen Glanzleggings und alten Stiefeln: Was gefällt, wird nachgeahmt. Selbst Designer wie Dries van Noten oder die Kreativteams von Ralph Lauren oder Paul Smith sind erklärte Fans der Street-Style-Blogger. Manche Blogger sind selbst zur Marke geworden wie der ehemalige Showroom-Besitzer Scott Schuman vom "Sartorialist" aus New York. 2008 erschien ein Buch mit seinen Fotos, außerdem fotografierte der gelernte Kostümbildner für die US-Modemarke Gant. 60.000 Besucher klicken täglich seine Seite an. Das "Time Magazine" zählt ihn im Designbereich zu den hundert einflussreichsten Menschen.
Ähnlichen Kultstatus in der Mode-Blogosphäre haben sonst nur der frühere Werbetexter Yvan Rodic (Face Hunter) aus London und die Illustratorin Garance Doré aus Paris erreicht. Sie alle suchen nach urbaner Eleganz. Für die meisten anderen Stiljäger im Netz dagegen gilt: Je bunter und schräger ein Outfit, desto willkommener: Schließlich geht es vor allem um "Mix'n'Match", um mutiges, originelles Kombinieren von Kleidung, eher mit Fundstücken vom Flohmarkt, weniger um teure Marken.
"Ich fotografiere, was ich individuell finde, meist Vintage- und Designer-Klamotten", sagt Katja Hentschel. Die 27-jährige Fotografin und Psychologin ist gerade zurück nach Berlin gezogen. Für ihren Blog "glamcanyon" hat sie seit Mai 2007 das Londoner Nachtleben beobachtet und einmal im Monat "glam as you can"-Parties organisiert. Für die Mode-Pirsch braucht sie nicht viel, außer Kamera, Laptop - und Geduld. Bloggen heißt in erster Linie: an den richtigen Plätzen herumstehen, warten, abdrücken und die besten Looks ins Netz stellen.
"Das war gerade Glamcanyon-Style", erklärt Hentschel, "jung, frisch, kaputte Strumpfhose und Schleifchen im Haar. Die besten Outfits kosten oft nicht mehr als zehn Euro." Inzwischen kann sie vom Bloggen leben, von Fotoaufträgen für Modemarken wie Converse, für die "Sunday Times" oder das "Vice Magazine". Der Converse-Job kam über "Cracker your wardrobe", das erste Print-Magazin aus Südkorea, das Street-Style aus aller Welt zeigt, regelmäßig auch ihre Fotos.
Modeblogs sind kreativer, persönlicher und humorvoller als etablierte Fashion-Bibeln wie die "Vogue". Ihr Charme des Authentischen besteht darin, dass sie oft engagierte Amateure und Quereinsteiger betreiben, PR-Berater, Fotografen, Galeristen, Illustratoren, Trendscouts oder Modedesigner, manche studieren noch oder machen erst Abitur: Bloggen ist für viele von ihnen mehr als nur belanglose Nischenplauderei, digitale Meinungsmache, sondern eher virtuelle Bewerbung, strategischer Karrierekick.
"Immer mehr Blogger trifft man heute bei den wichtigsten Modeschauen, viele werden sogar gezielt von der Industrie eingeladen", sagt Gunnar Hämmerle, 37, aus München. Der Filmwissenschaftler wollte 2006 mit seinem Bruder nur eine Plattform schaffen, auf die Menschen Fotos von sich und Freunden stellen konnten. Daraus wurde schnell der Blog "styleclicker". Inzwischen hat Hämmerle schon für die Modelabels Levi's und Reebok fotografiert und schreibt für die Internetseiten der Zeitschriften "GQ", "Vogue" und "Glamour".