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26. März 2005, 11:49 Uhr

Global Teamplayer

Im vergangenen Jahr war er Amerikas "Unternehmer des Jahres", jetzt will Dov Charney mit seiner ungewöhnlichen Firma auch in Europa durchstarten. Dabei verkauft American Apparel nicht nur hochwertige Klamotten.

Unkaputtbar: Was alle American-Apparel-Modelle vom Tank Top und Slip bis hin zum Sweatshirt eint, sind simple Schnitte und erstklassige Stoffe© Edzard Piltz

Manchmal erscheint eine Idee einfach nur deshalb verrückt, weil sie das, was alle anderen schon immer gemacht haben, infrage stellt. Dov Charney, 36, Gründer und Mastermind von American Apparel, hat kein Problem damit, dass er bis vor kurzem noch als "totaler Spinner" galt. Oberflächlich betrachtet gab es auch genug Gründe dafür. Allein seine Shops: mehr Kunstgalerie als Verkaufsraum. Die Preise: für dieses Ambiente überraschend moderat. Die T-Shirts von American Apparel haben weder Logo noch Aufdrucke, decken dafür aber eine außergewöhnliche Farbskala und Vielfalt an Schnitten ab.

Neben der Kasse steht ein Fernseher. Auf dem Bildschirm ist Charney zu sehen, der ohne weiteres der legendären 70er-Jahre-Fernsehserie "Starsky & Hutch" entsprungen sein könnte. In lässigem Plauderton erklärt er, dass dieser Laden für eine neue Generation des Kapitalismus stehe. Hemden, Sweatshirts, Unterwäsche und was es außer T-Shirts sonst noch gibt, seien garantiert "sweatshop-free" hergestellt, das heißt, nicht - wie in der Textilindustrie üblich - unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern wie Honduras oder Bangladesch produziert, sondern ausnahmslos in der angenehmen Loftatmosphäre der American-Apparel-Zentrale in Los Angeles. Die verwendete Baumwolle stamme überwiegend aus organischem Anbau, fügt Charney noch hinzu und liefert damit die Erklärung für die soften Stoffe und den perfekten Sitz: Der Rohstoff wird durch Kämmen auf lange, gleichmäßige Fäden reduziert, das Garn besteht aus 30 Fäden, statt der üblichen 18. Diese werden besonders eng verstrickt. Mit anderen Worten: "Amerikanische Kleidung", so die simple Übersetzung des Labels, bietet bezahlbare, qualitativ hochwertige, dem neuesten Style entsprechende Ware - das gute Gewissen gibt's gratis on top.

In den vergangenen sechs Monaten eröffnete die kalifornische Maschenware-Manufaktur Geschäfte in Berlin, Frankfurt und Düsseldorf, Hunderte weiterer Filialen in Europa sollen folgen. Der Umsatz hat sich vier Jahre in Folge verdoppelt, 2005 sind 160 Millionen Dollar angepeilt. Eigenen Angaben zufolge ist American Apparel der größte T-Shirt-Hersteller der USA, was nicht zuletzt an Kunden wie der Designerin Donna Karan liegt, die die Top-Ware in großen Stückzahlen einkauft, um ihr eigenes Logo darauf zu drucken. Die Gesamt-T-Shirt-Produktion liegt laut Charney mittlerweile bei einer Million Stück pro Woche, die Zahl der American-Apparel-Mitarbeiter sei kontinuierlich von 3000 im vergangenen September auf 4000 im Januar 2005 gestiegen.

Vor sechs Jahren gründete Dov Charney die T-Shirt-Manufaktur auf einer halben Etage eines leer stehenden Lagerhauses. Der Spross einer Intellektuellen-Familie aus Kanada - der Vater ist ein namhafter Architekt, die Mutter eine bekannte Malerin - gab mit neun Jahren eine Zeitung heraus, die Ungerechtigkeiten anprangerte. Später schmuggelte er im großen Stil T-Shirts der Marke "Hanes" über die Grenze, damals absolut en vogue, aber in seiner Heimat nicht erhältlich. Seine Vision war von Anfang an klar: Er wollte wirtschaftlichen und sozialen Erfolg vereinen. Outsourcing ist bei ihm tabu: Vom Stofflager bis zum Versand ist alles unter einem Dach und einer Geschäftsführung.

Längst hat sich das Unternehmen auf 4350 Quadratmeter ausgebreitet, und vor ein paar Tagen wurde der Mietvertrag für das Gebäude nebenan unterschrieben. Am Eingang begrüßt ein ergrauter, breit grinsender Pförtner in Jeans und T-Shirt die Besucher. Er verwaltet auch die Liste für die Jobinteressenten. Mehr als zwanzig haben sich an diesem Morgen schon eingetragen, insgesamt warten mehr als tausend. Der uralte Aufzug hievt sich ächzend nach oben.

Überall herrscht eine extrem entspannte Arbeitsatmosphäre. Große Fenster, endlose Flächen. Neben dem Treppenhaus stehen altmodische rote Telefone. Die Angestellten dürfen sie in den Pausen für Telefonate nutzen. An einem Cola-Automaten lehnen Mountainbikes. Als der öffentliche Nahverkehr streikte, wurden 50 Stück angeschafft. Es gibt Duschen und Klassenräume, Massagen und Yoga-Kurse. Dieses Arbeitsklima, eine Mischung aus Kunsthochschule, Kreativagentur und Softwareschmiede, ist das genaue Gegenteil dessen, was in dieser Branche sonst üblich ist. Und die Sozialleistungen liegen zumindest weit über dem US-Durchschnitt: Krankenversicherung ist Pflicht, die Mitarbeiter müssen nur 20 Prozent im Monat beisteuern, und wenn ein Bewerber kein Konto besitzt, weil er als nicht kreditwürdig gilt, übernimmt die Firma die Bürgschaft. Der eigentliche Clou ist allerdings das Teamwork der Näher. Die Zusammensetzung der neunköpfigen Mannschaften ist genau ausbalanciert.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 10/2005

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Frankfurt: Kaiserstraße 23, 60311 Frankfurt/M., Tel.: 069/24 40 49 95

Mehr Infos im Internet www.americanapparel.net

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