Der Aufstieg des selbstgehäkelten String-Tangas

8. Juli 2008, 10:30 Uhr

Junge Designer und Kreative in den USA und Deutschland entdecken den Trend der Handarbeit. Dass die Ergebnisse sommertauglich sind, davon konnte man sich in Berlin jetzt überzeugen. Im "Itzy Bitzy Store" präsentierten Kunststudentinnen sexy Häkelbikinis. Und nicht nur dort ist Selbermachen in. Von Christian Weiß

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Häkeln, Stricken, Handarbeit

Models im Häkelbikini - der Sommertrend©

Schon seit Jahrhunderten häkeln die Frauen des 5000-Seelen Dorfes Koniakow im polnischen Bergland. Mit Tischdecken, Servietten und Blusen konnte das Haushaltseinkommen aufgebessert werden. Die junge Dorfbewohnerin Wiola Juroszek revolutionierte 2005 die Tradition und häkelte den ersten String-Tanga. Eigentlich sollte es nur ein Hochzeitsgeschenk werden. Aber immer mehr fragten nach dem Muster. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten der verführerischen Teile zwischen traditionellen Deckchen und Blusen auf dem Ladentisch landeten. Sogar aus dem fernen Japan und aus Dubai kamen Anfragen. In der Heimat sprach man von einem "Skandal" – schließlich ließ sich Karol Wojtyla, besser bekannt als Johannes Paul II., noch bis kurz vor seinem Tod die traditionelle Koniakówer Spitze nach Rom schicken.

Das Slip-Eldorado

Nachdem bald aber unter anderem die "New York Times" einen Artikel mit der Überschrift "Veruschka's Secret" veröffentlicht hatte, bekam die Unterwäsche aus Koniakow weltweit immer mehr Anhängerinnen. Inzwischen kommen Aufträge aus den USA, Kanada, der Schweiz, England, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten. 25 Euro oder 60 Zloty kostet der Tanga-Klassiker "Naj", ein weißes Klöppelnichts aus bester ägyptischer Baumwolle. Vor Ort sind die "stringis" günstiger. Im Dorf kosten sie nur die Hälfte, 30 Zloty - so viel wie eine Flasche Wodka im Krämerladen an der Post.

Unter der Bezeichnung "Koni-Art" floriert die Marke im Internet und findet immer mehr Nachahmer. Pfefferminzgrün ist der Trendton, Ideen holt man sich in Modemagazinen wie "Viva". Nun kommt der Trend über den Umweg USA nach Europa zurück.

In Polen hingegen gingen Stadträte, traditionelle Vereine und sogar die Kirche auf die Barrikaden. Helena Kamieniarz ist seit 20 Jahren Zensorin der der heimischen Häkelzunft und Vorsitzende des Vereins der Volkskunsthandwerker der Region. "Die sündigen Slips spalten das Dorf", sagt die rüstige Frau - "in Traditionalisten, die um den Ruf der schlesischen Spitze fürchten, und den Rest, der im Dienst der Erotik häkelt". Sie hat sogar den Pfarrer um einen Kirchenbann der Abtrünnigen gebeten. Doch in Zeiten mit großer Arbeitslosigkeit und Landflucht zählen die blanken Zahlen. Und die sprechen für die Slips, Tangas und Unterhosen. "Das ist auch ein Weg, das Handwerk zu bewahren", sagen die Befürworter.

Berlins flauschiger Bikinitrend

Auch Eva Swoboda und Anna Berger, Studentinnen an der Kunsthochschule Weißensee, haben über das Häkeln nachgedacht. Eigentlich eine alte Kulturtechnik, leider vom Aussterben bedroht. Womöglich hängt das mit dem biederen Image zusammen, das Stricken und Häkeln hierzulande noch hat. Vielleicht nicht mehr lange. Häkelbikinis im Retro-Stil haben das Zeug zur trendigen Sommerbekleidung für junge Frauen – das zeigte der Erfolg der polnischen String-Mode.

Also hieß es, sich auf die Suche nach Häklerinnen der alten Schule machen. Sie schalteten Anzeigen in Berliner Wochenblättern. Siebzehn ältere Damen meldeten sich. Doch die Berlinerinnen laufen nicht nur dem Trend hinterher - "wir wollen auch den Kontakt zwischen Jung und Alt fördern“, sagt Eva Swoboda. Da die Bikinis nicht mehr wie früher aus Baumwolle, sondern aus Kunstfasergarn gehäkelt werden, leiern sie nicht aus und trocknen schnell. "Itzy Bitzy" nannten die beiden ihr Projekt passenderweise - die Sommermode soll zum Hit werden.

Handarbeit.com

So können Stricken, Häkeln und Nähen nun bald auch bei uns ihr Großmutter-Image verlieren. In den USA ist Handarbeit bereits das Hobby der Stunde. Pfiffige Designerinnen aus Deutschland haben das schon im letzten Jahr erkannt und eroberten von New York aus mit "BurdaStyle.com" das junge Publikum. Statt von altmodischen Strick-Gesellschaften ist jetzt die Rede von "Näh-Community", "Open-Source-Schnittmuster" oder "Strick-Bloggerinnen". Mit 33.000 registrierten Nutzern schreibt die Seite Rekordzahlen auf dem Gebiet der im Internet vernetzten Handarbeitsszene.

Das Prinzip scheint alt, aber im Gewand der Zukunft. Pro Monat laden die Besucher der Internetseite über 360.000 Schnittmuster. Die beiden Gründerinnen Nora Abousteit und Benedikta von Karaisl nähten sogar schon den Jacken-Entwurf einer Hobby-Näherin für Naomi Campbell um. Die Motivation hinter der Idee: "Wir wollen junge Menschen wieder für das Handwerk begeistern", sagen beide. Kreativität und jugendliches Auftreten soll das Häkeln wieder trendig machen. Nachwuchsdesigner können die Plattformen auch für kommerzielle Zwecke nutzen und ihre eigenen Produkte weltweit zeigen und anbieten.

Selbermachen ersetzt besonders in den USA die zum Teil seelenlose Massenware. Das angesagt Fernsehformat heißt dort nicht "Germany's next Topmodel" sondern "Project Runway". Dort zeigen Nachwuchsdesigner der Moderatorin Heidi Klum dann Woche für Woche, was Models anziehen sollten. Aus Stoffballen werden Laufstegkreationen. Der Trend des bewussten Konsumierens spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Recyceln oder Selbstschneidern und Nähen bekommen immer neue Fans.

Das Internetkaufhaus "etsy" und die Zeitschriften "Make" oder "Craft" sind Plattformen für eine große Gruppe von Menschen geworden, denen das Selbermachen nicht nur als Konsumverweigerung gilt, sondern die auch den kreativen Prozess dabei zu schätzen weiß. Auch hierzulande geht das Web-Kaufhaus "DaWanda" einen ähnlichen Schritt und zieht immer mehr junge Designer auf ihre Seite.

Die Vorurteile gegenüber der scheinbar altertümlichen Handarbeit werden über Bord geworfen. Dass Stricken oder Häkeln nicht mehr nur eine Öko- oder Oma-Sache ist, zeigt nicht nur die Sommermode aus Berlin deutlich.

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