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Verzicht ist en vogue

In Zeiten der Krise gilt Sparsamkeit als neue Tugend - auch in der erfolgsverwöhnten Modebranche. Von Verzicht mag dort jedoch niemand reden. Stattdessen rufen Modeblogger und Trendforscher eine neues Vorbild aus: die Recessionista.

Von Julia Mäurer

Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda haben das Bild entscheidend geprägt. Die Protagonistinnen der Erfolgsserie "Sex and the City" konnten sich alles erlauben, alles ausprobieren - alles kaufen. Die vier New Yorkerinnen verkörperten das, was in der Modebranche alle Fashionistas nennen. Modeverrückte, trendbewusste Frauen, die gern und jederzeit Geld für Kleidung ausgeben - und sei es ein halbes Monatsgehalt für eine Handtasche. Der neue Ring wurde zum Frühstück serviert, auf dem Heimweg gab's ein schickes Paar Pumps, und der Tag endete im sündhafte teuren Cocktailkleid. Das Leben dieser Modemädchen war, so schien es zumindest, ein unkontrollierter, nie enden wollender Shopping-Traum.

Der Traum ist geplatzt. Seit weltweit an den Börsen die Kurse in den Keller krachten, hat das unschöne Wort Krise auch in der erfolgsverwöhnten Modebranche Einzug gehalten. Modekonzerne wie Escada und Hugo Boss korrigierten ihre Gewinnerwartungen für 2009 nach unten. Bei großen Luxusmarken wie Armani, Louis Vuitton, Prada und Versace will man sich zu Umsatz- und Gewinnprognosen für 2009 nicht äußern. "Kein Kommentar", lautet die ebenso einheitliche wie knappe Ansage, wenn es um konkrete Zahlen geht. "Ich fürchte, das Jahr 2009 wird für alle Beteiligten der Modebranche hart werden", sagte Bruno Sälzer, Vorstandschef von Escada, in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Designerin Vivienne Westwood rief bei den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen sogar zum Selbstnähen statt Shoppen auf. "Putzt Euch heraus in diesen harten Zeiten", so die exzentrische britische Modemacherin. "Es ist schick, seine Lieblingsklamotten zu tragen, bis sie eine Patina ansetzen oder auseinanderfallen." Wie tiefgreifend die Veränderungen wirklich ausfallen, wird sich wohl erst im kommenden Jahr zeigen.

Eines steht jetzt schon fest: Von Verzicht will in der Modebranche niemand reden. Das ist uncool. Die Fashionista ist nicht verschwunden. Sie heißt jetzt nur anders: Recessionista. Eine Wortschöpfung aus den Begriffen "Recession" und "Fashionista", die es so auch in der Wirtschaftssprache gibt. Dort meint Recessionista eine Person, die eine Rezession vorhersagt. Die Wirtschaftskrise ist bereits da, und das ökonomische Vokabular in die Modebranche eingekehrt. Modeblogs wie style.com, Zeitungen wie die "New York Times", die britische "Times" und das "Time"-Magazin propagieren den "reccession chic" und finden damit eine harmlose Umschreibung einer ernsthaften Situation, glaubt der Sprachforscher Paul McFedries. "Es klingt doch netter zu sagen, 'Ich bin eine Recessionista' als 'Ich kann mir das nicht mehr leisten'", so McFedries gegenüber der "New York Times".

Sparen ja, schlecht gekleidet nein

Sparen ist zum Lifestyle geworden. Vorbei die Zeiten, in denen jedes Kleid, jede Tasche oder jeder Schuh, den Designer und Modemagazine zum Must Have der Saison ausriefen, ohne mit der Wimper zu zucken gekauft wurde. Statt unkontrolliert Geld auszugeben, stöbert die Recessionista in günstigeren Läden nach Designer-Schnäppchen. Denn ihre liebste Beschäftigung - Shoppen - will sie trotz Krise nicht aufgeben. "Cheap and chic" lautet die Losung der neuen Mode-Vorbilder. Sparen ja, schlecht gekleidet nein. In Zeiten der Krise geht es schlichtweg darum, ein Zeichen zu setzen. Ich habe das Geld, also gebe ich es aus - nach diesem Motto funktionierte das Shopping-Verhalten der "Sex-and-the-City"-Frauen. Ich könnte es mir zwar leisten, aber ich brauche es nicht unbedingt, denkt die Recessionista.

Es geht nicht um das Sparen müssen, sondern um das Sparen wollen. Was sich geändert hat, ist die Kaufeinstellung. Daher sorgte der Konsumrausch von Sarah Palin in den USA für Unmut. Die Politikerin kleidete sich auf Kosten ihrer Partei neu ein und verprasste mal eben 150.000 Dollar. Vorbildlich hingegen die neue First Lady Michelle Obama. Sie trägt Designerkleidung, ja, gibt aber auch zu, ihre Kleidung gelegentlich in einem günstigen Online-Shop zu ordern.

Neu ist dieser Trend des "recession chic" jedoch nicht. Bereits Ende der Achtziger Jahre erschütterte eine Aktienkrise die New Yorker Börse. Das war die Geburtstunde günstiger Zweitlinien wie Versus des Labels Versace oder DKNY, der Designerin Donna Karan. Die wurde ihre teuren Edel-Klamotten nicht mehr los und erfand daraufhin günstigere Mode, an der sie bis heute blendend verdient.

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