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Naomi Campbell - das ewige Supermodel

Sie war eine Kulturrevolution und wurde zur Institution: Seit drei Jahrzehnten bringt Naomi Campbell Kleider zum Leuchten - erfolgreicher und beständiger als jedes Supermodel der Welt. Nun feiert ein opulenter Bildband die 45-Jährige.

Von Jochen Siemens

Naomi Campbell

1994 veröffentlichte Naomi Campbell ein Album mit dem Titel "Baby Woman". Daraus stammen unter anderem die Single-Auskopplungen "Love and Tears" und "I Want to Live". Für letztere ließ sich Campbell von Ellen von Unwerth fotografieren. Das Motiv diente als CD-Cover.

Wir haben uns einmal unterhalten, Naomi Campbell und ich. In Paris. Sie in einem Stuhl, ihr Blick auf einen Laptop gerichtet, am Ohr ein Smartphone, eine Frau montierte gerade auf ihren Kopf eine von den vielen Perücken, die zu Naomis Fundus gehören, und aus den Lautsprechern dröhnte Musik. Ausgeruhte Unterhaltungen gehen eigentlich anders. Aber es war Naomis Art der Unterhaltung, sie beherrscht Zweikanal. Sah mich an und sprach am Telefon mit jemandem in New York, sah auf ihre Mails und sprach mit mir. Immer abwechselnd. Sie war höflich, wie es alle Models sind, und gab mir zur Begrüßung die Hand. Eine schlanke Hand mit langen Fingern und mit einer erstaunlich trockenen, lederigen Innenfläche, fast wie der Griff einer alten Aktentasche.

Ihr Gesicht zeigt die Spuren ihres Lebens

Das passte zu ihrer Stimme, die genauso trocken und brüchig war, und auch zu ihrem Gesicht, das, aus der Nähe und ohne Make-up besehen, viele Spuren ihres Lebens zeigte. Bei einer Unterhaltung mit Naomi Campbell ist immer die Bühne, also das Happening, das Erlebnis und weniger das Gesagte. Topmodels leben von dem, was Designer und Fotografen aus ihnen machen. Und so schaute Naomi, wenn man sie etwas fragte, auf die Kleider, die vor ihr lagen, und auf die Fotografin Ellen von Unwerth, die am Licht bastelte. Sie schaute, als sei das alles die Antwort auf alle Fragen. Das ist es ja auch. Bei Naomi Campbell. "Mein Spaß bei der Arbeit ist, zu sehen, wie mich Fotografen immer wieder neu erfinden", sagte sie einmal und beschrieb damit ihr Leben als das einer Frau, die es seit 30 Jahren fast ausschließlich als Erfindung und Erscheinung gibt. Eine fortwährende Kreation, hinter der die eigentliche Naomi Campbell ein Rätsel bleibt. Wenn es sie denn überhaupt gibt, die tatsächliche Naomi. Vielleicht ist sie längst ihre eigene Kreation geworden.

Naomi Campbell ist jetzt 45 Jahre alt, eine Zahl, die man beim Anblick ihrer Bilder sofort wieder vergisst, denn da deutet nichts auf gelebte Jahre hin. Andere Models ihrer Liga haben sich vom Laufsteg zurückgezogen und versuchen, in ausschwingendem Ruhm und erwachsener Schönheit ein Leben nach der Karriere zu führen. Naomi nicht, sie erscheint wie ein Perpetuum mobile, das sich von Fotos und der Luft der Laufstege ernährt – und das sich aus dem Mythos Naomi speist. Sie kann nichts anderes, als diese Naomi zu sein. Das mag man für ein Gefängnis halten. Aber auch für eine Leistung.

Erstes schwarzes Model auf der französischen "Vogue"

Denn sie ist das schwarze Model in einer Welt teurer, reicher und mächtiger Weißer. Es gab vor ihr auch schwarze Models, meistens von stiller Schönheit wie Iman, heute die Witwe von David Bowie. Aber mit Naomi Campbell kam in den 80er Jahren eine, die nicht wieder wegwollte. Die Tochter einer jamaikanischen Balletttänzerin wurde mit 15 in London entdeckt, und auf die Frage, ob sie sich ein Leben vor der Kamera vorstellen könne, kam ein lautes "Jaaa". 1986 wurde sie zum ersten Mal für die Mode fotografiert; sie war das erste farbige Model auf dem Cover der französischen "Vogue", keine hat die High-Fashion-Welt so für andere Hautfarben aufgebrochen wie sie.

Naomi Campbell

"Naomi Campbell" von Josh Baker. 496 Seiten mit Begleitband (368 Seiten). Cover-Art von Allen Jones. Taschen Verlag, 1500 Euro.


www.taschen.com

So gesehen blättert der Leser durch eine Kulturrevolution, wenn er die vielen Bilder des sehr mächtigen Naomi-Buchs betrachtet, das jetzt erscheint. Es sind Bilder von den besten Fotografen der Welt, und es ist Modegeschichte, dargestellt von einem Model, das sich wie kaum ein anderes hineinbiegen und verwandeln konnte. Und wollte.

"Die schwarze Bardot, eine afrikanische Marilyn"

Campbells langer, schmaler und dunkler Körper wurde zu einer Projektionsfläche und Modelliermasse, aus der Herb Ritts Skulpturen formte und Peter Lindbergh mythische Figuren. "Sie ist die schwarze Bardot, eine afrikanische Marilyn. Ein Blumenkind im Körper einer Karrierefrau", schrieb die "Vanity Fair".

Auch die Popkultur verlangte nach Naomi: Michael Jackson holte sie für sein Video "In The Closet", mit anderen Models trat sie in George Michaels "Freedom" auf. Der Höhepunkt war ihr Erscheinen in Madonnas Porno-Pop-Buch "Sex", fotografiert von Steven Meisel. Bemerkenswert an der nackten Naomi war immer, dass ihr Körper mehr an Mode als an Sex denken ließ - ihre Grenzüberschreitungen wirkten stylish.

Politik interessiert Naomi Campbell nicht

Aber so ein Leben zehrt. Jeden Tag, 30 Jahre lang, das fotografische Material wechselnder Fashion-Strömungen, mal guter und mal spinnerter Fotografen-Einfälle und herumgereichter Jetset-Darling der Mächtigen zu sein, hinterlässt eine seelische Monokultur. Dementsprechend scheinen Campbells Erzählungen im Buch wie ein Bericht aus der geschlossenen Anstalt Fashion, in der nur selten der Wind der Wirklichkeit weht. Campbell unterteilt die Abschnitte ihres Lebens in die Abfolge ihrer Erfinder. Fotografen, Designer, Modelfreundinnen – das komplette Personal der Supermodeljahre läuft in ihrem Text herum. Und weil, wie Naomi sagt, sie sich nicht für Politik interessiert, ist auch ihre Begegnung mit Wladimir Putin nicht mehr als ein Treffen mit "einem mächtigen Mann. Ich habe mich immer dafür interessiert, mächtige Menschen zu treffen."

Man erkennt die hohen Mauern, hinter denen Luxus und Macht sich eingerichtet haben. Sie lernte Nelson Mandela kennen und schätzen, so schreibt sie. Und er habe eine Vorliebe für die bunten Hemden von Versace gehabt. Das kann nur Naomi auffallen. Wem sonst wäre das wichtig?

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