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30. Mai 2005, 10:41 Uhr

"Die Mode leidet unter dem Zuviel"

Vor vier Jahren verkaufte er seine Marke an eine Luxusholding, jetzt ist "Cerruti 1881" pleite. Nino Cerruti zieht eine bittere Branchenbilanz.

Nino Cerruti auf der Berlinale© DPA

Herr Cerruti, vor vier Jahren verkauften Sie Ihr Modehaus an eine Luxusholding, die Labels sammelte wie Briefmarken. Mittlerweile verhandelt die Finpart-Gruppe über den Verkauf von "Cerruti 1881". Ist es schlau gewesen, den eigenen Namen zu verkaufen?

Nein, es ist dumm gewesen - aber nicht von mir, sondern von der Finpart. Denn die hat sehr viel Geld für meinen Namen bezahlt, und nun ist die Marke Cerruti verpfändet worden.

Finpart steckt in akuten Finanznöten, ein Mailänder Insolvenzgericht hat in der vergangenen Woche entschieden, der Luxusholding noch einmal Aufschub bis Anfang Juni zu geben: Muss bis dahin ein Käufer für Cerruti gefunden sein?

Vielleicht wird Cerruti an eine belgische Investmentgesellschaft verkauft, vielleicht wird aber auch gar kein Käufer gefunden. Mir tut es vor allen Dingen um die Leute leid, die in den vergangenen Jahren ihre Arbeit verloren haben. Aber ich darf diese Dinge eigentlich nicht kommentieren.

Es gibt Gerüchte: Sie wollen Ihre Marke gemeinsam mit Diego Della Valle, dem Inhaber von Tod's, zurückkaufen.

Da ist nichts dran. Wenn Della Valle etwas kaufen will, dann muss er sich mit niemandem zusammentun.

Und Sie?

Nein, nein. Ich habe mein Modehaus damals nicht nur abgegeben, weil es Meinungsverschiedenheiten zwischen der Finpart und mir in punkto Markenausbau und Qualitätssicherung gab. Ein wesentlicher Grund für meinen Rückzug war die Mode an sich. Wo finden Sie sonst so viel Oberflächlichkeit, Egozentrik, so viel Lärm um nichts? Eine derartige Ignoranz?

Sie meinen: Früher war die Modewelt Heimstatt intellektueller Menschenfreunde?

Wenn ein Phänomen so lange so erfolgreich funktioniert wie die Mode, dann ermutigt das jede Menge Leute, es auch mal zu versuchen. Die Mode leidet unter dem Zuviel und den Zuvielen. Der Anteil der begabten Leute ist drastisch gesunken.

Warum verfolgen Sie trotzdem noch immer, was sich bei den Mailänder Schauen tut?

Das muss ich, denn in meiner Weberei in Biella entstehen ja Textilien, die zu Mode werden. Nicht nur in der Bekleidungsindustrie, neuerdings auch in der Wohn- und Designbranche. Wir haben im vorigen Jahr die Marke Baleri gekauft.

Unter den europäischen Stoffherstellern herrscht Panik - wie viel Angst haben Sie vor der Billigkonkurrenz aus Asien?

Die Stimmung in Italien ist gedrückt. Denn die Chinesen sind noch schneller mit hochwertigen Textilien auf den Markt gekommen, als alle befürchtet haben. Ich bleibe dennoch optimistisch: Unsere Textilindustrie besitzt ein hohes Potenzial und viel Kreativität.

Bei Cerruti wurden die Kreativen seit Ihrem Weggang so schnell getauscht wie Druckerpatronen.

Und auf sehr grobe Weise. Doch wie soll ein Designer für ein Haus arbeiten, dessen Manager offenbar keine Strategie entwickeln können?

Was sind große Designernamen noch wert?

Wer einem Produkt Seele einzuhauchen vermag, ist immer unverzichtbar. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass das Phänomen des Personenkults aus unserer Kultur verschwindet. In der Modewelt sind mal die Models die Superstars, mal die Designer, zurzeit sind es die Schauspieler, die ihre Kleider tragen. Wir brauchen unsere Helden, um sie in den Himmel heben zu können, und wir wollen selber Helden werden. Das sind "Must haves" unseres Gesellschaftslebens.

Weshalb wurden Sie zum Modeschöpfer?

Seit ich zehn war, ließ mein Vater mich einen Monat pro Jahr in seiner Fabrik arbeiten; er starb, als ich 20 war, und als ältester Sohn übernahm ich den Familienbetrieb, obwohl ich andere Ambitionen hatte. Ein Ausgleich war es, als ich später mit Freunden den "L'Espresso" herausgab, eine Zeitschrift mit kultivierter progressiver Weltsicht - ich wäre nämlich lieber Journalist geworden.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 21/2005

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