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22. Februar 2006, 12:09 Uhr

Haut Couture

Die neue Freikörperkultur in der Mode: Im "Nude-Look" aus Seide und transparenten Stoffen wirken die Kleider in diesem Sommer wie eine zweite Haut.

(v. l. n. r.) Lisa: Hose und Top, Ensemble v. Talbot Runhof; Sandaletten v. Chanel; Hanneli: Kleid v. Costume National; Mai Lien: Spitzenkleid v. John Galliano; Natascha: Kleid v. Paco Rabanne; Sandaletten v. Boss; Nina: Sling-Pumps v. John Galliano© Karel Kühne

Ein Jahrhundertsommer? Schweiß drauf! Mal sind sie groß, mal sind sie größer, diese Superlativsommer. Doch der nächste Sommer wird, egal, wie viele Sonnenstunden er uns bringt, ein Sommer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Wie? So: Mehrere Jahrtausende nach Schließung des Garten Eden haben es die Schöpfer vollbracht, Mode zu entwerfen, in der eine Frau angezogen wie nackt wirkt. Angezogen. Wie nackt! Andersrum geht auch gut: Nackt. Wie angezogen!

Man sieht es zwar, doch glaubt es kaum, zarte Haut auf weichem Flaum. Wer sich auf diesen Reim keinen Vers machen kann, möge sich auf den vorherigen Seiten bitte noch mal genau umschauen. Siehe da: Haut Couture. Sollte hier jemand ein "e" nach "Haut" vermissen, ist er noch nicht reif für diese Mode.

Zum besseren Verständnis des Gesehenen: Großdesigner wie Karl Lagerfeld, Donatella Versace oder auch the wild and only John Galliano haben etwas kreiert, das es bisher nur im Sprachgebrauch gab, nämlich das Eva-Kostüm. Eine Frau in diesem Kostüm ist also an- und ausgezogen zugleich.

Hanneli (liegend): Kleid von Luisa Beccaria, ca. 1900 Euro; Sandalen von Tod's, um 320 Euro; Nina: Strickjacke von Chanel, ca. 1620 Euro© Karel Kühne

Sollte das Eva-Kostüm nicht in die Modegeschichte eingehen wie etwa das kleine Schwarze von Coco Chanel oder der Damen-Smoking von Yves Saint Laurent, dann, verehrte Kritiker, kann uns die ganze Modegeschichte mal gern haben.

Schließlich wird mit dem Eva-Kostüm die Frau wieder so gefeiert, wie es sich gehört - als gefallener Engel. Und sobald der gefallene Engel den Boden vor seiner Haustür betritt, wird aus der Welt ein Garten Eden, in dem zusammenwächst, was zusammengehört: Form und Format. Unterbewusstsein und Überschwang. Eros und Liebe. Laster und Tugend.

Vielschichtiger kann wohl keine Frau auftreten, die das alles unter eine Haut kriegt. Mehr noch: die ähnlich dem Verpackungskünstler Christo ihren Tempel sichtbar macht, indem sie ihn verhüllt. Diese Frau braucht keine Freikörperkultur, sie hat eine eigene körperliche Freiheit gefunden und übersetzt FKK spätestens ab Sommeranfang mit: "Für kluge Körper". Und ab dann ist der größte Vorteil, zwei Augen zu besitzen, dass man den klugen Körpern beim Gehen, Sitzen, Stehen zuschauen kann.

Was sehen wir? Unnackte, die - anders als der Durchschnittsmensch - ihre Haut zu Markte tragen, ohne sich zu verkaufen. Ihre Sommerkleider sind aus 100 Prozent Gesprächsstoff gefertigt, nicht weniger, vor allem auch: nicht mehr. Man möchte ihnen zurufen: "Nie mehr mehr!"

Allein durch sie, die Unnackten, kündigt sich ein Ausnahmesommer an mit erhöhter gefühlter Temperatur. Wenn Frauen dann vor dem Kleiderschrank stehen und feststellen: "Ich habe nichts anzuziehen!", klingt das nicht verzweifelt oder gar vorwurfsvoll. Wir müssen sie uns als fröhliche Menschen vorstellen. Ihr Befund könnte der Schlüsselsatz des Sommers werden.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 8/2006

Elke Reinhold
 
 
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