Das Gerangel um Windmühlen und beste Plätze

2. Oktober 2012, 19:29 Uhr

Wer ist da? Wer darf rein? Während bei Saint-Laurent-Designer Hedi Slimane die Gästeliste für Gesprächsstoff sorgte, wehte bei Karl Lagerfeld ein ganz frischer Wind. Eindrücke von der Modewoche. Von Christine Zerwes, Paris

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Karl Lagerfeld vom Winde verweht? 13 Windräder standen bei seiner Schau auf dem Laufsteg. Ein politisches Statement sollte das aber nicht sein.©

Windräder überall – langsam drehen sie sich über den Köpfen der Gäste, die nach und nach eintreffen und erstaunt nach oben blicken. Nein, das ist keine Landschaft in Brandenburg oder Niedersachsen und die Menschen sind auch nicht gekommen, um über erneuerbare Energien oder die angebliche Verschandelung der Landschaft durch Windkraft zu diskutieren. Sie sind hier, im Pariser Grand Palais, um die neue Sommermode von Chanel zu bewundern.

Draußen vor dem Belle-Epoche-Palast, der einst für die Weltausstellung im Jahr 1900 gebaut wurde, hat sich eine Menschentraube gebildet. Journalisten, Einkäufer, Stammkunden drängen sich mit den Einladungskarten in der Hand durch die Menge. Andere sind gekommen, um einfach dabei zu sein, auch, wenn sie ohne Einladung vor der Tür bleiben müssen. Schon die Nähe zu Chanel scheint ihnen zu genügen; sie haben sich extra auffällig angezogen, um von einem der unzähligen Streetstyle-Fotografen geknipst zu werden. Ein junger Mann mit dunklen Locken, wallendem Mantel und Handschuhe aus schwarzer Spitze posiert stolz für die iPhone-Kamera einer Frau, die ihn um ein Foto gebeten hat. Auf seinem Kopf trägt er einen durchsichtigen Plastik-Helm mit Flügelchen an beiden Seiten. Andere hoffen einen Blick auf einen prominenten Chanel-Gast zu werfen, Jennifer Lopez zum Beispiel, die im kurzen Rüschenkleid und mit ihrer kleinen Tochter kommt.

Modenschauen und Modepartys sind wie exklusive Clubs, in die alle hineinwollen, aber nur wenige dürfen. Der begehrteste Club in diesen Tagen während der Pariser Modewoche war wohl die erste Show von Hedi Slimane für das französische Modehaus Saint Laurent. Sie fand am Abend vor der Chanel-Schau statt und jeder wollte hin. "Hast Du eine Karte für Saint Laurent", war eine der meistgestellten Fragen. Sehr oft wurde sie mit einem "Nein" beantwortet.

Die Sitzordnung des Monsieur Slimane

Monsieur Slimane, der nach einigen Jahren Design-Abstinenz nun für Saint Laurent entwirft, setzte in die ersten Reihen vor allem seine VIP-Freunde –Vivienne Westwood, Alber Elbaz, Kate Moss, Selma Hayek – und verbannte einige Journalisten, die es gewohnt sind vorn zu sitzen, in die zweite oder dritte Reihe. Die Redakteurin von Le Monde musste stehen, Cathy Horyn von der New York Times war gar nicht erst eingeladen. Laut Horyn lag das daran, dass Slimane noch immer beleidigt ist, weil sie 2004 einmal geschrieben hatte, die schmale Silhouette, für die Hedi Slimane als Dior-Homme-Designer berühmt wurde, sei von Entwürfen des Designers Raf Simons beeinflusst gewesen. Slimane bestehe aber darauf, dass er diese Idee als erster hatte. Eine Welt, die sich so sehr mit Schönheit beschäftigt, ist eben eitel und schnell beleidigt.

Slimanes Kollektion schließlich polarisierte; Selma Hayek fand sie "wunderbar", andere sahen darin ein Mix aus allem, ohne klare Linie. Der Designer versuchte die DNA des Saint-Laurent-Stils neu zu interpretieren: transparente Stoffe, 70er Jahre Gipsy-Kleider, Smokings, aber mit einem Hauch LA-Rock und – na klar – schmale Schnitte.

Lagerfelds Kampf mit den Windmühlen

Ein berühmter Slimane-Fan, der früher stets in den schmalen Anzügen in der ersten Reihe saß, war übrigens nicht da: Karl Lagerfeld. Er bereitete lieber sein Windrad-Spektakel vor. Und das hat sich gelohnt, seine Inszenierung verzauberte die Mode-Crew. Abgesehen von den 13 Windräder, die Lagerfeld zur Präsentation aufstellen ließ, war auch die Beschichtung des Bodens passend gewählt: Ein blau-silber-glänzendes Gitter-Muster, das aussah wie Solarzellen. Das Thema des Bühnenbildes war klar – erneuerbare Energien. In einigen Entwürfen, die die Models dann zu Live-Musik der Chromatics über den Laufsteg trugen, sah man diese Gitterstruktur wieder; etwa in einem glitzernden schulterfreien Kleid oder als kurzes Tweedjäckchen. Die Windräder tauchten als Plastikapplikationen auf Kleidern auf, wie Spielwindräder für Kinder.

Wollte Karl Lagerfeld etwa zum Klimaschutz aufrufen? Wohl eher nicht; die Show sollte nicht politisch sein, hieß es danach am Rande des Laufstegs. Für Lagerfeld ist das Thema mehr ästhetische Spielerei als umweltpolitische Botschaft. Dennoch: Wieder einmal hat er den Zeitgeist perfekt getroffen – so wie schon vor zwei Jahren, bei der Präsentation seiner Herbstkollektion 2010, als die Models durch schmelzende Eisberge schritten.

Wen die Probleme unserer Zeit nicht völlig kalt lassen, der fühlte sich in dieser Welt der schönen Oberfläche heute zumindest mal kurz zum Nachdenken angeregt. Und zwar über etwas anderes als darüber, ob man nun rein darf oder doch draußen bleiben muss.

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