Schon früh experimentierte der Modemacher Paul Smith mit Farbe. Was ihm heftige Beschimpfungen einbrachte. Er kann aber auch selbst austeilen - etwa gegen stillose Politiker. Von Dirk van Versendaal

Paul Smith in seinem Büro: Das Chaos in den Regalen spiegele das Innere seines Kopfs wider, sagt der britische Designer, der vor acht Jahren zum Ritter geschlagen wurde© Frederike Helwig
Als junger Bursche in Nottingham. Ein Mann hielt mich auf der Straße an und brüllte: "Ich habe im Krieg für dich gekämpft, und du siehst aus wie ein verdammtes Mädchen!" Ich empfand das als Kompliment. Ich trug damals eine lilafarbene Jacke und Samthosen und schulterlange Haare. Später war es ein zartrosafarbener Anzug über roten Stiefeln aus Pythonleder, der mir einige hässliche Schimpfnamen bescherte.
Nie zu jung, nie zu schrill, nie zu viel! Verwenden Sie Farbe als ein Satzzeichen. Nehmen Sie einen farbigen Schlips, Schal oder Gürtel. Ich trage heute zum Beispiel ein Paar knallgelb gestreifte Strümpfe.
Sehen Sie sich den Schlachtenfilm "Kagemusha" von Akira Kurosawa an: Sie freuen sich mit, wenn in all das Ocker und Armeegrün plötzlich Fahnen in einem fantastischen Rot platzen. Wer lange unter Wolken lebt, der sehnt sich nach dem Himmelblau.
Halt, halt, halt. Ich habe niemals als modischer Berater gearbeitet.
Dafür kann doch ich nichts! Er schickte jemanden in meinen Laden in der Floral Street, der nahm 20 Anzüge und 40 Hemden mit, brachte drei Viertel davon wieder zurück, bezahlte und ging. Meine Kontakte zur Politik rühren aus den Versuchen, mehrere Politikergenerationen von der Wichtigkeit des Designs zu überzeugen. Es fing an mit Margaret Thatcher, deren konservative Regierung damals jegliches Interesse an Design und Mode vermissen ließ. In der Regel ging es in unseren Gesprächen um die Modernisierung von Maschinenparks, um Steuererleichterungen und den Nutzen guten Designs im Alltagsleben. Ich habe immer gesagt, Kreativität kann Arbeitsplätze schaffen.
Es war reine Zeitvergeudung. Ich bin so unwichtig.
Ich war schon froh, wenn ich mal einen Politiker dazu brachte, ein paar Minuten konzentriert zuzuhören. Am schlimmsten war Michael Heseltine, Umwelt- und Verteidigungsminister unter Thatcher. Er ließ mich 40 Minuten warten und gab mir dann eine Viertelstunde. Sein entzückender letzter Satz an mich war: "Nun aber zurück zu ernsthaften Geschäften!"
Ich habe ihn nicht geschlagen.
Ja, wir waren acht Leute aus unterschiedlichen Industrien, und nach und nach gewöhnten wir uns daran, von der Politik als Marionetten benutzt zu werden. Um jung und cool zu erscheinen, umgaben Politiker sich gern mit angesagten Musikern und Modedesignern. Vor allem in der Regierungszeit Blairs. Seit 15 Jahren ist die Welt der Politik voll von Egos, Gier und Heuchelei. Kurz gesagt: voll von Bullshit.
Manche Berufe ziehen einen bestimmten Menschenschlag an. Es gibt Leute, die es faszinierend finden, Zeitungen vollzuschreiben oder Kleider zu schneidern oder anderen in die Münder zu schauen. Ich danke allen Zahnärzten, sie machen einen wunderbaren Job. Ich frage mich aber: Was für ein Mensch muss man sein, um den Beruf des Politikers zu ergreifen?
Nun, Politiker scheinen allesamt eine sehr hohe Meinung von sich zu haben, ein ungeheures Selbstbewusstsein. Dabei wissen sie kaum etwas vom Leben. Nehmen Sie Barack Obama: Er ist selten gereist, er ist nicht welterfahren, er hat niemals ein Unternehmen geführt. Aber er ist redegewandter und charismatischer als sein Gegenüber McCain. Unserem jetzigen Premierminister bin ich dreimal begegnet, und ich muss sagen: Von Angesicht zu Angesicht kommt Gordon Brown sehr viel besser rüber als bei seinen öffentlichen Auftritten. In der Politik scheint Charisma dummerweise ein wichtigerer Faktor zu sein als Intelligenz und Erfahrung.
Farbe ist optimistisch, ist freundlich, Farbe ist schön an einem grauen Tag. Aber Angela Merkel ist eine ziemlich große Lady, und starke Farben machen einen größer und breiter, als man eigentlich ist. Wenn sie zu den gedeckten Farben greift, haut das besser hin. Aprikot und Rosa stehen ihr gut.
Vielleicht soll es die Alpha-Bullen im Parlament aufregen? Das Rot der Kleidung schmeichelt dem Teint und lässt die Haut frisch und lebhaft aussehen. Blasse Töne wie Ecru oder Limonengelb saugen die Farbe aus dem Gesicht, besonders bei blassen Europäern. Schon in meiner Zeit als Verkäufer in meinen eigenen Läden habe ich gelernt, dass die Ehefrauen es nicht bunt genug, die Männer es nicht unauffällig genug haben können. Ich war Zeuge schlimmer Wortgefechte.
Schwule Männer sind mutig und experimentell, das stimmt. Die anderen sind eher argwöhnisch, behutsam, vielen fehlt die Frau und Beraterin an ihrer Seite.
Ich staune selbst manchmal.
Pauline wollte. Sie ist religiös. Um ehrlich zu sein, wollte ich nie heiraten. Das hat wohl mit meiner Jungenhaftigkeit zu tun, mit dem Gefühl, frei sein zu wollen. Deshalb nenne ich Pauline nie meine Frau. Sie ist immer noch meine Freundin. Ich will mich nicht plötzlich uralt fühlen.
All das Zeugs habe ich in nur acht Jahren angesammelt. Es spiegelt das Innere meines Kopfes wieder. Immerhin der Tisch ist frei, denn eines Tages drohte meine Assistentin Colette, mich zur Arbeit aufs Dach zu verbannen. Hier sei kein Platz mehr für mich. Das hat mir einen Schreck versetzt.
Ganz einfach. Sie hat das Haus, und ich habe ein Zimmer darin. Sie können sich vorstellen, wie es dort aussieht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2008
Zur Person Der Streifenmann Sir Paul Brierley Smith, 62, ist der erfolgreichste Modedesigner Großbritanniens. Seit er 1976 seine erste Kollektion in Paris zeigte, unterminiert er die britische Traditionsschneiderei mit exzentrischen Einfällen, etwa mit eingefärbtem Harris-Tweed, bunten Streifenstoffen, farbigem Innenfutter. Smith nahm dabei den Männern die Angst vor der Farbe in der Mode. Seine Kollektionen hängen in 1900 Geschäften in 35 Ländern und machen einen Jahresumsatz von rund 350 Millionen Pfund. 60 Prozent seines Unternehmens gehören ihm, den Rest hält sein japanischer Lizenznehmer Itochu.