6. Februar 2007, 14:58 Uhr

Alles wird Hut!

Er verpasst jedem Promi den passenden Deckel: Der Designer Philip Treacy verrät, weshalb Hutträger die interessanteren Menschen sind - und was er bei der Queen krönen durfte.

Ausschweifend: Das Model Alek Wek präsentierte 2001 in Paris den Hut "Roter Komet"©

Wie finden Sie meinen Hut, Mister Treacy?

Es ist ein Hut, das ist schon mal gut. Keiner von meinen zwar, ein Borsalino, aber trotzdem sehr schön.

Ich habe ihn extra für Sie aufgesetzt, Sie, den bekanntesten Hutdesigner der Welt - den Mann, der entscheidet, was auf den Kopf von Camilla Parker Bowles kommt, wenn sie zu den Ascot-Pferderennen geht; den Mann, an den sich Marilyn Manson, Madonna, David Bowie und Mary J. Blige wenden, wenn sie etwas zum Aufsetzen brauchen. Mit dem Hut bin ich zu Ihrem Atelier in London gelaufen, und ich muss Ihnen sagen: Nie wieder!

Warum das denn?

Weil selbst die Engländer einen mittlerweile anstarren wie einen Freak, wenn man Hut trägt. Kann es sein, dass der Hut tot ist?

Nun, das möchte ich nicht hoffen, da wäre ich ja arbeitslos. Ich kann Ihnen aber versichern: Der Hut ist so lebendig wie eh und je, und dass Sie auf dem Weg hierher angestarrt wurden, ist der beste Beweis dafür.

So?

Die Menschen lieben Hüte, und sie lieben Menschen, die Hüte tragen. Das war immer so und wird immer so bleiben. Menschen, die Hüte tragen, sind interessant. Man hielt Sie für einen Popstar, für ein Mitglied von Oasis oder den Babyshambles. Für jemanden, über dessen Liebesaffären man in der Zeitung liest.

Das ist sehr schmeichelhaft, aber haben Sie sich auf der Straße mal umgeschaut? Die Leute tragen alles Mögliche auf dem Kopf, Baseballkappen, Wollmützen, Kapuzen - bloß keine Hüte.

Wer sagt Ihnen denn, dass das keine Hüte sind?

Eine labbrige Kapuze, die an einem verwaschenen Pullover hängt, ist ein Hut?

Selbstverständlich. Ich trage sie selbst gern, produziere sie auch, diese Kapuzenpullover.

Eine Wollmütze ist ein Hut? Ein Turban ist ein Hut?

Natürlich!

Die Taliban gehen als distinguierte Hutträger durch?

Ja! All diese Dinge sind Hüte. Man trägt sie auf dem Kopf, sie rahmen das Gesicht, sie sorgen dafür, dass man sich ein wenig besser fühlt. Das sind die Aufgaben eines Hutes. Womit Sie allerdings recht haben, ist, dass sich die Bedeutung des Hutes in den vergangenen 40, 50 Jahren stark verändert hat. War er früher ein Symbol für Konformität, steht er heute eher für Rebellion.

Wie kam das?

In den Fünfzigern gehörte ein Hut zur Standardausrüstung eines Mannes. Ging man nach draußen, zog man sich einen Hut auf. Als sich in den Sechzigern die Jugend gegen ihre Eltern wehrte, ersetzten sie den Hut durch lange Haare und Stirnbänder. Heute ist ein guter Hut wieder ein Modestatement, eine Aussage, eine Anti-Uniform. Trägst du Hut, sagst du: Ich mag mich, und ihr alle sollt es sehen.

Gemessen daran muss sich die Stylistin Isabella Blow, die Sie Ihre Muse nennen, sehr mögen: In der Ausstellung "When Philip Met Isabella", die kommende Woche im NRW-Forum in Düsseldorf eröffnet, sind Hüte zu sehen, die Sie für sie entworfen haben - in Form von Schlössern, Schiffen, Orchideen, Kakteen ... Trägt Frau Blow diese Hüte wirklich, oder stehen sie vor allem auf Ausstellungen herum?

Sie trägt sie tatsächlich. Sie trägt "Rosa Scheibe", "Origami", "Schiff" und "Grüne Orchidee" in der U-Bahn, beim Einkaufen oder wenn sie abends ausgeht. Isabella ist die perfekte Hutfrau.

Was braucht die perfekte Hutfrau?

Vor allem Stil - innerlichen und äußerlichen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Sie meinen, Isabella kann ein Schiff auf dem Kopf tragen, ohne dass es angestrengt wirkt?

Ganz genau. Sie trägt ein Schiff auf dem Kopf, ohne auszustrahlen: Hallo, alle mal herschauen, ich trage hier gerade ein Schiff auf dem Kopf!

Ist sie darum Ihre beste Freundin - weil sie so cool ist? Weil sie Alexander McQueen kennt, Modechefin des Society-Magazins "Tatler" ist, die Firmen Swarovski und Lacoste berät?

Sie ist meine beste Freundin, weil man sie genau so eben nicht charakterisieren kann. Man genügt ihr nicht, wenn man beschreibt, an was sie arbeitet, wo sie herkommt, wie sie aussieht. Isabella muss erlebt werden. Sie hat eine Präsenz, die ich, seitdem ich sie vor 18 Jahren zum ersten Mal in der Redaktion des "Tatler" traf, nie wieder bei einem Menschen erlebt habe. Sie ist einer dieser Engel, die vom Himmel hinabgeschickt werden, um die Menschen hübscher, besser, schlauer zu machen.

Und der Engel befahl Ihnen, die Dekonstruktion des Huts immer weiter zu betreiben, fast bis hin zur Auflösung - zu Feder- und Drahtgebinden, die kaum noch etwas Stoffliches haben. Wie viel können Sie noch abziehen vom Hut, ohne dass er ganz verschwindet und reine Skulptur wird?

Solange Sie es aufsetzen können, ist es ein Hut.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 06/2007

Viele, viele Hüte ... ... im Museum Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt vom 6. 2.-9. 4. 07 die Ausstellung "When Philip Met Isabella". Präsentiert werden alle Hüte, die Treacy bislang für Isabella Blow erschaffen hat.
Öffnungszeiten: Di.-So. 11-20 Uhr, Fr. bis 24 Uhr

... bei stern.de Unter www.stern.de/treacy finden sich noch mehr Hut-Kreationen von Philip Treacy.

... im Buch Der Ausstellungskatalog versammelt auf 80 Seiten die Exponate in wild-bunten Inszenierungen.
19,50 Euro

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