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Fell aus deutschem Wald

Pelzmode ist in diesem Winter plötzlich wieder Trend. Obendrein bietet ein Berliner Designer Rotfuchs für Umweltbewusste - kann das Tragen von Tierfellen politisch korrekt sein?

Von Stefanie Wilke

Die Sache war eigentlich klar: Pelz trägt man nicht. Was also ist von einer jungen Frau zu halten, die beim Einkaufsbummel in der noblen Berliner Friedrichstraße einen Rotfuchskragen samt Kopf, Augen und Pfötchen trägt? Ist sie eine gewissenlose Modetussi? Nein, sie ist eine Naturschützerin. So zumindest sieht es Nikolas Gleber, Gründer des neuen Labels "Friendly Fur - Happy Nature". Was so viel sagt wie: freundlicher Pelz, glückliche Natur. Nikolas Gleber ist der Typ Mann, den man bei kultivierten Abendgesellschaften gern als Tischnachbarn hat; er sieht gut aus, hat tadellose Manieren, er ist ein wortgewandter Unterhalter. In der Frankfurter Allee in Berlin befindet sich die Kreativwerkstatt des 32-Jährigen, eine geräumige Wohnung in einem der sozialistischen Arbeiterpaläste. Hier hängen, auf einem Kleiderständer aufgereiht, die Kollektionsteile von "Friendly Fur - Happy Nature": Muffs, Hüfttaschen, Kragen und Kappen aus Rotfuchsfell.

Gleber sitzt auf einem weißen Ledersessel und streichelt das Model "Sport Fuchs", einen Kragen ohne Kopf, den der modische Herr auf dem Weg vom Pilates-Training zum Auto um den verschwitzten Hals tragen soll. Der Pelz für den Kragen stammt von Rotfüchsen, die in Deutschland ökologisch korrekt erlegt wurden. Schätzungen zufolge sind es 600.000 Tiere im Jahr, die wegen des Populationsüberschusses von Jägern getötet werden - bislang wurden die Tiere meist verscharrt. Solche Füchse kauft Gleber von einem Forstbetrieb. Sein Label hat er als Marke schützen lassen, es prangt neongrün an den Stücken seiner kostspieligen Accessoire-Kollektion, die derzeit online zu bestellen ist und bald in ausgewählten Geschäften angeboten wird. Gleber sagt, er biete "urban design wear" aus "Traditionsmaterial".

Sehnsucht nach Luxus wächst

Er hat einen guten Zeitpunkt erwischt für sein Konzept. Derzeit feiert Pelzmode eine unverhoffte Wiederkehr. In etlichen Modezeitschriften werden Pelzkreationen so selbstverständlich gezeigt wie Jeans. Modehäuser wie Fendi, Versace, Louis Vuitton schicken reihenweise Models in Pelzen über den Laufsteg. Die Firma Boss bietet als Wohnaccessoire eine Decke aus Silberfuchs für 9999 Euro an. In den teuren Einkaufsvierteln der Städte tragen Frauen lässig Pelzjacken und Fellwesten oder Pelzapplikationen an Stiefeln oder Accessoires. Knapp eine Milliarde Euro Umsatz meldete das Deutsche Pelz-Institut für das Jahr 2007, was nach einer kleinen Umsatzdelle im Jahr 2003 stabile Geschäfte signalisiert. Mehr als 400 Designer zählt die IFTF (International Fur Trade Federation), die in ihren Kollektionen Felle von Zuchtoder Wildtieren verarbeiten.

Weil die Damen bei allem Glamour sich nicht schämen wollen für ihren Fetisch, soll das vor einiger Zeit eingeführte OA-Label (Origin Assured) des IFTF-Verbandes dem Konsumenten versichern, dass das Produkt aus einem Land stammt, in dem Tierschutzgesetze oder entsprechende Verordnungen in Kraft sind. Zu diesen Ländern zählen Schweden, Norwegen, Finnland, Kanada und die USA, nicht aber China, das von der IFTF aufgefordert wird, sich den Gesetzen in der Zucht anzupassen. Gewaltige Stückzahlen werden aus China gemeldet; so wurden dort allein 2008 13 Millionen Nerze für den Pelzhandel getötet. Sind die Zeiten schlecht, wächst die Sehnsucht nach Luxus, behauptet Wolf Wolfgang Joop. Der Modemacher verwendet in seiner Herbst/Winter-Kollektion von Wunderkind Pelz - sparsam, aber selbstverständlich. Weil es die Kundinnen wünschen. Sagt Joop. Klar ist aber auch: Mit Pelz lassen sich üppige Margen erzielen.

Arten- und Naturschützer warnen vor Folgen

Karl Lagerfeld verabscheut Kampagnen gegen den Gebrauch von Pelzen und verkündet: "Solange wir Fleisch essen, können wir uns nicht über Pelze beschweren." Eine neue Gedankenlosigkeit ist zu spüren, die Kampagnen von Tierschützern wie Peta (People for the Ethical Treatment of Animals) haben an Kraft verloren - was noch vor Jahren Aufsehen erregte, wird von manchen Beobachtern als nervig wahrgenommen. Und jetzt erscheint auch noch einer wie Nikolas Gleber, der ausgerechnet die Peta-Tierrechtler bei der Kollektionspräsentation seines "Friendly Furs" gern dabei hätte. "Die Aktivisten von der Peta sind herzlich willkommen, hoffentlich machen sie ordentlich Rabatz, eine bessere Publicity kann ich mir nicht vorstellen."

Die Tierschützer finden das gar nicht lustig. Verbrauchertäuschung sei das, wettert Tanja Wiemann von der Peta Deutschland. Und fordert staatliche Kontrollen für das Berliner Label - weil der Pelz eines in freier Wildbahn gefangenen Tieres dieselbe inakzeptable Botschaft aussende wie das Fell eines Zuchttieres: dass es völlig in Ordnung sei, Tiere zu quälen und zu töten, um sich mit deren Fellen zu schmücken. Kämpferisch wie eh und je zieht die Organisation gegen den neuen Pelztrend zu Felde: Giorgio Armani schimpfte sie im November "Pinocchio", weil der sein Gelübde gegen Pelz Lügen gestraft und in seiner aktuellen Kollektion einen Babyschneeanzug mit Pelzbesatz gezeigt hatte. Die Geschwister Mary-Kate und Ashley Olsen titulierten sie für deren Modekollektion "Row" als "Pelz-Schlampen". Dass ein Label wie "Friendly Fur - Happy Nature" das Tragen von Pelzen ausgerechnet bei Menschen mit Umweltbewusstsein salonfähig machen soll, sehen auch gemäßigter auftretende Arten- und Naturschützer kritisch. Volker Homes vom WWF toleriert Glebers Konzept zwar, warnt aber vor den möglichen Folgen. Im Zuge des Pelzrevivals könnten Arten wie Ozelot oder Schneeleopard erneut bedroht werden.

Der Verbraucher entscheidet

"Die Verwendung von Fellen ist im Kern eine Gewissensfrage, also eine individuelle Entscheidung", sagt Magnus Herrmann vom Naturschutzbund Nabu. Sei das Tragen von Pelzen jedoch erst wieder gesellschaftlich anerkannt, könnte das Konkurrieren um die wertvollsten Felle der nächste Schritt sein, mahnt er. "Flugs stehen die geschäftlichen Interessen wieder vor dem Artenschutz, der Wilderei wird so Tür und Tor geöffnet." In der Pelzbranche geht es ohnehin nicht kuschelig zu, da ist das Revierdenken so ausgeprägt wie in der freien Wildbahn: Konkurrenz wird argwöhnisch beschnuppert. Der Vorreiter des vermeintlich korrekten Pelzes sitzt in München Schwabing und heißt Nicolai von Loringhoven. Seit 40 Jahren verwendet der 74-Jährige für seine Mode nur Felle, die von der Organisation WWF als unbedenklich eingestuft werden. Gemeint sind Arten wie der Rotfuchs in Australien oder der Fuchskusu in Neuseeland, wegen seines Appetits auch die "Kettensäge im Pelz" genannt. Nicolai von Loringhoven gilt in der Branche als Querulant, auch weil er gegen die Pelztierzucht wettert. Bereits in den 70er Jahren trat er aus dem Deutschen Pelzverband aus, just als die ersten Tierschützer das Tragen von Pelz in Verruf brachten.

Die Geschäftsführerin des Deutschen Pelz-Instituts Susanne Kolb-Wachtel mag sich weder über den Berliner noch über den Münchner Herrn im Gehege freuen. Kolb-Wachtel pflegt die Auffassung, dass es einer Frau schnurz sei, ob der Pelz einen Ökoanstrich besitze: "Sie will beim Kauf ein Pfützchen auf der Zunge kriegen." Das Pfützchen hat Nikolas Gleber nicht im Sinn. Er will nicht Gattinnen bedienen, sondern die urbane Creme: Kunstfreunde, Leute, die seine Stücke als Designobjekte schätzen. Für die Snobs ist sein Entwurf der "Après-Ski Fox Champagne Bag" gedacht, einer Tragetasche für die Champagnerflasche. Das "Jet-Fox Neck Cussion", ein aufblasbares Nackenkissen, hat Gleber für Reiseprofis entworfen, die Hüfttasche "Foxy Belt Bag" für den umweltbewussten Radfahrer in deutschen Großstädten.

Die "Friendly Fur"-Kollektion ist weit entfernt von der Tradition, mit wuchtigen Pelzen Status zu demonstrieren. Im Gegenteil. Nikolas Gleber lehnt Überfluss und Verschwendung prinzipiell ab, jedes Fellfitzel der Füchse wird für seine limitierten Objekte verwendet, schließlich respektiert er die Tiere. Gleber sagt, er wolle niemanden provozieren. Ob die Idee vom freundlichen Fuchs nur für ein Modemärchen taugt, entscheidet am Ende der Verbraucher.

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