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Diese Kleider könnten Schule machen

Einheitslook statt Markenwahn: Die Idee wird immer populärer. Denn eine Schuluniform kann die Gemeinschaft stärken - wenn sie denn gefällt. Junge deutsche Modedesigner haben exklusiv für den stern neue Modelle entworfen

Eine der Hausmarken von H&M heißt L.O.G.G. (Label Of Graded Goods). In wohlhabenden Hamburger Wohnvierteln werden die vier Buchstaben so entschlüsselt: "Leider ohne Geld geboren". Max, der in Othmarschen aufs Gymnasium geht, sagt: "Bei uns definiert man sich über die Klamotten." Früher war Max ein Bonze, jetzt sieht er sich selbst als Styler und trägt bevorzugt Markenklamotten. Sechs weitere Kategorien gibt es an seiner Schule: die Gangster, die Skater, die Prolls, die Punks, die Alternativen und die Looser. Leute, die gar nichts aus sich machen, sind in Max' Augen Langweiler.

Viele Eltern dagegen wären froh, wenn der Markenwahn, der häufig bereits in der Grundschule beginnt, endlich aufhörte. Die Lösung könnten Schuluniformen sein - wobei Befürworter dieser Idee lieber von "einheitlicher Schulkleidung" sprechen, weil ihnen Uniform zu sehr nach Drill und Zwang klingt. 52 Prozent der Eltern sind für die Einführung von Schulkleidung, so das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des stern.

Der modebewusste Max aus Hamburg fände Schuluniformen "irgendwie cool". Im Februar wird er für fünf Monate zum Schüleraustausch nach Neuseeland reisen - und dort jeden Tag einen grauen Anzug mit Krawatte tragen müssen. Im Gegensatz zu Deutschland haben Schuluniformen in Großbritannien und den einst britischen Kolonien Indien, Australien und Neuseeland eine lange Tradition. Auch in Japan, Vietnam, Südkorea und in vielen Ländern Südamerikas erkennt man Schüler an ihrer Uniform. In den USA herrscht an vielen Schulen ebenfalls ein Dresscode. Für eine begrenzte Zeit könnte Max es sich durchaus vorstellen, im Blazer zur Schule zu gehen - aber immer? Da trägt er doch lieber seine eigenen Klamotten. "In der Schule soll die Kleidung schließlich vor allem Spaß machen", sagt er.

Aber könnte es nicht auch Schulkleidung geben, die Kindern und Jugendlichen gefällt? Der stern hat junge Designerinnen deutscher Modeschulen gebeten, das Thema einmal frei zu interpretieren und neue Looks für den Schulalltag zu entwerfen. Die Ergebnisse fielen höchst unterschiedlich aus: von praktischer Jeanskleidung über farbenfrohe Sweatshirt-Kombis, klassische Streifenlooks bis zu ausgefallenen Fake-Leder-Stücken mit vielen Accessoires reichten die Entwürfe. Selbst die punkigen Outfits von Jelena Mijalkovic, die auf den ersten Blick eher wenig schultauglich wirken, sind wohldurchdacht. Die 23-jährige Absolventin der Modeschule Esmod in München hat sich bei ihren Entwürfen für Grundschüler an traditionellen Uniformschnitten und Materialien aus Großbritannien und den USA orientiert; abnehmbare Nadeln, Anstecker und Ketten ermöglichen es, die Stücke wahlweise schlicht oder schrill zu tragen.

Die 23-jährige Modedesignerin Inga Schaale aus Hamburg wurde als Kind oft gehänselt, weil sie die "falschen" Sachen trug. Daher befürwortet auch sie die Einführung von Schulkleidung. Für ihre Entwürfe wählte sie die hanseatischen Farben Marine, Beige und Weiß. Die achtjährige Lucie, eines der stern-"Models", war begeistert: "Ich finde die Streifen schick, auch die Turnschuhe mag ich." Lucie steht auf Dunkelblau, anders als viele Mädchen ihrer Grundschule.

Weil sie es satt hatte, dass ihr Klassenzimmer Tag für Tag zum Laufsteg wurde, führte Karin Brose vor sechs Jahren an der Haupt- und Realschule in Hamburg-Sinstorf Einheitskleidung ein - zum ersten Mal an einer staatlichen Schule in Deutschland. Das Fazit der Lehrerin heute: "Seit alle Schüler eine Farbe tragen, ist die Atmosphäre im Klassenzimmer deutlich ruhiger." Es stärke das Wir-Gefühl, die Schüler könnten sich besser konzentrieren, und sie fehlten seltener, weil sie sich insgesamt wohler in der Schule fühlen. Das belegt auch eine Studie von Oliver Dickhäuser. Der Psychologieprofessor hat die Schule in Sinstorf mit einer Schule ohne Kleiderordnung verglichen. Er kommt zu dem Ergebnis: "Schulkleidung verbessert den Zusammenhalt und die Lernzielorientierung." Jetzt untersucht Dickhäuser, ob durch den Einheitslook auch die Leistungen besser werden, wie es Lehrerin Brose bei ihren Schülern beobachtet hat.

Allerdings wird ein Dresscode offenbar nur akzeptiert, wenn die Schüler bei der Auswahl mitreden dürfen. "Die Stücke sollten sich an der aktuellen Mode orientieren, zum Beispiel bei den Schnitten", sagt die Hamburger Lehrerin. "Zu trendig dürfen sie aber auch nicht sein, weil sie dann zu häufig ausgetauscht werden müssten."

Das Oberteil an ihrer Schule ist dunkelblau mit weißem Streifen, die Schüler können zwischen Sweatshirt, Polohemd oder Pullover wählen; insgesamt gibt es über 30 verschiedene Modelle. Hose oder Rock sind Privatsache. Die Grundausstattung kostet rund 90 Euro, bedürftige Eltern werden vom Schulverein unterstützt. Inzwischen kommen 80 Prozent der Schüler in Dunkelblau zum Unterricht, auch Lehrerin Brose.

An der Grund- und Hauptschule Birkenallee in Uetersen, Schleswig-Holstein, geht es bunter zu: Jede Klasse kann sich ihren Dress selbst aussuchen, 15 Oberteile in allen Farben werden angeboten. Auch hier trägt die Einheitsklamotten nur, wer es will - was bei einem Viertel der Schüler regelmäßig der Fall ist, schätzt Schulleiter Klaus Rex. Vor allem die jüngeren Kinder greifen zum Schul-Shirt, berichtet er, die Jugendlichen hingegen kommen lieber in ihren eigenen Sachen.

In Friesenheim nahe Offenburg feierten die Schüler der Haupt- und Realschule die neue Kollektion ihrer Schulkleidung gleich mit einer Modenschau. Die Farben der Saison: Rot, Blau, Grau, Schwarz und Rosa. "Der Renner ist eindeutig Schwarz", sagt Lehrerin Karin Kesselburg. Häufig kaufen sich ältere Schüler auch ein Hemd oder eine Bluse mit Schullogo, Modelle, die eigentlich nur für die Lehrer entworfen wurden. "Die Schüler gehen darin zum Vorstellungsgespräch, bei den Arbeitgebern kommt das sehr gut an", sagt Karin Kesselburg. Jetzt überlegt der Modeausschuss, ob es auch noch Accessoires wie Schlüsselbänder, Taschen oder Tücher mit Schullogo geben soll.

Viele Politiker, vor allem aus der Union, unterstützen die Idee einer einheitlichen Schulkleidung. Schulministerin Barbara Sommer (CDU) aus Nordrhein-Westfalen sagt: "Der Vorteil könnte sein: Alle wären gleich angezogen, niemand liefe mehr bauchfrei herum, und niemand provozierte den anderen mit seiner Kleidung." Im neuen NRW-Schulgesetz wird Schulkleidung ausdrücklich empfohlen. Auch Edmund Stoiber (CSU) sähe die bayerischen Schüler gern im einheitlichen Erscheinungsbild - das es bisher allerdings nur an der Realschule Haag in Oberbayern gibt. Vorreiter ist die Hansestadt Hamburg: An zwölf Schulen wird bereits Einheitslook getragen. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) befürwortet dies: "Wenn einheitliche Schulkleidung zur Identifizierung mit der Schule beiträgt und Symbol einer Gemeinschaft aller am Schulleben Beteiligten ist, dann ist das zu begrüßen. Falls Schulkleidung darüber hinaus dem verbreiteten Markenwahn entgegenwirkt, umso besser", sagt sie.

Eine bundesweite Regelung wird es allerdings nicht geben, denn Schulpolitik ist Ländersache. Die 16 Bildungsminister wiederum dürfen Schulkleidung nicht verordnen, ebenso wenig die Schulleiter. Das wäre ein Verstoß gegen die "freie Entfaltung der Persönlichkeit" nach Artikel 2 des Grundgesetzes. Schüler, Eltern und Lehrer müssen sich freiwillig für den Einheitslook entschließen. Bisher haben sie es an etwa 40 Schulen in Deutschland getan, schätzt Lehrerin Brose, die täglich Schulen in dieser Frage berät. Häufig würden Eltern die Initiative ergreifen. "Die Zeit ist reif. Weil die Eltern es nicht mehr aushalten und die Portemonnaies leerer werden."

Modedesignerin Meike Boltes glaubt zwar nicht, dass die Kluft zwischen Arm und Reich durch Schulkleidung unsichtbar wird. Die 21-Jährige von der Akademie Modedesign (AMD) in Hamburg hat das Outfit für die beiden Gymnasiasten Olivia und Max entworfen. Aber Schuluniformen hätten andere Vorteile - auch diesen: "Sie verkürzen die vertrödelte Zeit am Morgen, wenn man mal wieder nicht weiß, was man anziehen soll." Das kennt Olivia nur zu gut. Jeden Morgen steht die 16-Jährige mindestens 20 Minuten vor ihrem Kleiderschrank und probiert verschiedene Outfits. Schulkleidung, meint sie, wäre daher ganz praktisch. Beim grauen Sweater mit rotem Streifen von Meike Boltes musste sie nicht lange überlegen. Er gefiel ihr so gut, dass sie ihn am liebsten behalten hätte.

Catrin Boldebuck/print

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