Auffallen? Bloß nicht! Man könnte meinen, es herrsche Uniformzwang im Bundestag, so lustlos und unscheinbar wie sich deutsche Politikerinnen kleiden. Doch wer regieren will, darf sich nicht im Tarnanzug verstecken. Von Claudia Pientka

Angela Merkel trägt oft und gern Hosenanzug und avancierte damit zum Stilvorbild deutscher Politikerinnen© Franka Bruns/AP
"Er sieht einfach besser aus", erklärte Peer Steinbrück den Umstand, dass 60 Prozent der SPD-Wähler die Arbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg als außerordentlich positiv bewerten. Wie unrecht der Finanzminister mit seiner Analyse in der vergangenen Anne-Will-Sendung doch hatte: Guttenberg mag ein paar Jährchen jünger sein als Steinbrück - aber besser aussehen? Mitnichten. Der Bundeswirtschaftsminister zieht sich einfach besser an! Als einer der wenigen deutschen Politiker hat er erkannt, womit seine Kollegen hadern: Kleider machen Leute - und auch Politiker. Leider wissen das vor allem die deutschen Politikerinnen nicht.
Kürzlich fragte die Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" Modehändler, welche deutschen Spitzenpolitiker am besten angezogen seien. Nach Guttenberg, Westerwelle und Köhler belegte von der Leyen Platz fünf, Merkel den siebten Platz - dann kam lange keine Frau mehr. Die Modeexperten kritisierten vor allem die langweiligen Outfits der Politiker, ihre schlecht sitzenden Anzüge, das kaum vorhandene Farbgefühl und die geschmacklosen Krawatten. Bis auf die Binder trifft jeder Kritikpunkt besonders auf die Damen zu. Ob Schmidt oder Schavan, Künast oder Nahles - betrachtet man die weiblichen Abgeordneten, könnte man meinen, es gebe eine Art Bundestagsuniform bestehend aus Bügelfaltenhose, Drei- oder Vierknopfblazer und Loafer. Als wäre Angela Merkel zum Stilvorbild avanciert.
Als sich Frank-Walter Steinmeiers Kompetenzteam mit elf Frauen erstmals der Presse präsentierte, wählten die Damen Outfits, deren Botschaft ausstrahlte: Auffallen? Bloß nicht! Hosenanzüge in grau oder beige, gelegentlich mal ein buntes Oberteil, nur drei Politikerinnen wagten sich in einen Rock, wobei das bodenlange Ungetüm von Carola Reimann auch keine vorteilhafte Ausnahme war.
Es ist verblüffend: Deutsche Politikerinnen fürchten Röcke und Kleider wie die FDP den Kündigungsschutz. Wann immer eine der Damen vor die Kameras tritt - sie trägt Hosen. Und schlecht sitzende Blazer noch dazu. Die Genossinnen verhüllen ihre weiblichen Attribute, als könnten sie dadurch männliche Kompetenz erlangen. "Die Kleidung weiblicher Politiker wird von Medien und Öffentlichkeit immer noch stärker interpretiert als die der Männer", sagt Elke Griese vom Deutschen Modeinstitut. "Der Hosenanzug dient ihnen als Rüstung und soll Deutungen erschweren." Zudem brauche es auch mehr Souveränität und Kompetenz, um auch in weiblicher Kleidung in einer Männerdomäne zu bestehen. Muss eine Politikerin gut aussehen? Nein. Aber in einer Zeit, wo politisches Einerlei herrscht, goutiert der Wähler jeden Versuch, hervorzustechen - und sei es optisch.