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Infernalischer Körperschmuck

Nach zart kommt's hart: Mit Totenkopfmotiven löst die Neuauflage der Rockermode den Romantik-Trend ab. Amerikanische Christen sind entsetzt, Hollywood ist begeistert.

Von Susanne Kaloff

Harmloser waren sie nie: Totenschädel sind plötzlich überall, auf T-Shirts, Taschen, Pullovern, Handschuhen, Uhren und Schmuck - und sind so zu einer Art Smiley des 21. Jahrhunderts geworden. Wer sie trägt, will nicht mehr gefährlich aussehen wie die Punks der späten Siebziger, sondern will sich einreihen, das Rebellische spielerisch zitieren.

Valerie Steele vom New Yorker Fashion Institute of Technology sieht im Totenkopftrend eine Reaktion auf die zarte Eleganz, welche die Mode in den vergangenen Jahren beherrscht hat: "Designer stürzen sich wieder auf etwas, das härter ist." Rock'n'Roll ist wieder da - und da kommt selbst Säuglingsmode nicht ohne Totenkopf aus.

Tico Torres, der Schlagzeuger von Bon Jovi, hat mit "Rock Star Baby" eine Kollektion für "Mamas & Papas and Kids" auf den Markt gebracht, inklusive Trinkflasche und Schnuller mit schwarzem Totenkopf. Das Baby-Shirt in Größe 3 - 6 mit Schädel und dem Aufdruck "bad, bad medicine" ist Monate ausverkauft.

Makabres Symbol der Saison

Das makabre Symbol der Saison passe übrigens auch zur derzeitigen Stimmung angesichts von Terroranschlägen weltweit, sagt Tom Binns aus Venice Beach, der in Amerika gerade zum Schmuckdesigner des Jahres gekürt wurde. Seine aktuelle Kollektion, Ketten, Ringe und Armbänder mit schwarzen Steinen und silbernen Schädeln, nennt er: "Hell's Angels treffen Marilyn Monroe".

Der Trend zum Tod sorgt mitunter für höllische Aufregung: Vor allem der Totenkopf mit einem umgedrehten Kreuz auf der Stirn, das Logo der schwedischen Jeansmarke "Cheap Monday", erhitzt manche Gemüter. Amerikanische Christen fühlen sich davon provoziert, sie sehen in dem Symbol einen Angriff auf das Christentum und eine Aufforderung zum Satanismus.

"Nur über meine Leiche"

Orjan Andersson, Markenchef der satanischen Hosen, kann darüber nur lachen, glaubt weder an Gott noch Teufel: "Ich bin mehr daran interessiert, dass das Logo gut aussieht!" Unter dem Totenkopf stehen die schwedischen Worte: "Över min döda kropp" - was so viel heißt wie: "Nur über meine Leiche". In Europa hat die Röhrenjeans von "Cheap Monday" keine Absatzschwierigkeiten: Mehr als 250.000 der günstigen 50-Euro-Jeans wurden bisher verkauft.

In Kalifornien fordert Pastor Joe Schimmel von der "Blessed Hope Chapel" gläubige Christen zum Boykott auf: "Lasst uns beten, dass der Erfolg, den Satan den Cheap-Monday-Jeans gibt, fehlschlägt, lasst uns dafür beten, dass sie schnell aus den Regalen der Händler verschwinden." Für Ungläubige hat der besorgte Pastor auf der Homepage noch eine Videodokumentation mit dem Titel: "Sie haben ihre Seelen an den Rock and Roll verkauft" vorbereitet.

Sex, Drugs and Rock'n'Roll

Bei Ebay wird zu diesem Thema nicht mit Seelen, sondern mit Schals gehandelt. Das Objekt der Begierde ist ein Totenkopfschal des britischen Modedesigners Alexander McQueen für 230 Euro, die kleinere Version kann man mit ein wenig Glück für knapp 160 Euro ersteigern. Kate Moss und Sienna Miller haben natürlich längst einen. Auch die Gesäßtasche von "Rock and Republic"-Jeans ziert neuerdings ein gold- oder wahlweise silberfarben gestickter Totenkopf. Das Krönchen, ehemaliges Erkennungszeichen des Labels, hatte wohl zu wenig Sex, Drugs und vor allem Rock'n'Roll.

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