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2. September 2008, 18:35 Uhr

Wenn Erwachsene Ritter spielen

Schwert, Dudelsack und glühendes Eisen - Erwachsene spielen Ritter, Räuber, Hexen oder Schmied. Das Mittelalter bewegt die Massen: Mehr als 4000 Veranstaltungen finden alleine in diesem Jahr statt, Tendenz steigend. Was bewegt moderne Menschen, jedes Wochenende in eine andere Zeit zu flüchten? Von Johannes Gernert

Ritter der Neuzeit: "Wenn du kein Mammut jagen kannst, gehst du am Wochenende halt mit dem Schwert auf Kumpels los"© Michael Urban/DDP

Am Abend haben sie den Göttern des Lichts Met und Brot geopfert. Dazu haben sie Honigwein in die Spree gegossen und auf die Ufererde. Im Feuer knisterten die Scheite, und das dunkle Flusswasser glitzerte silbern. Sie baten um Gesundheit und Wohlergehen. Es war der 21. Juni des Jahres 2008. Sommersonnenwende.

Am Nachmittag des folgenden Tages scheint die Sonne auf Marco Wehners verschwitzte lange Haare, den geflochteten Bart, auf seinen Schmiedeofen und die Segeltuchplanen des Wikinger-Lagers. Gerade haben sie gekämpft. In der Mitte des Festplatzes, direkt vor der Bühne, haben sie sich mit ihren Schwertern gegenseitig auf die runden Schilde und auf die Helme geschlagen, bis am Ende fast alle reglos am Boden lagen. Die Zuschauer haben geklatscht und gejohlt.

"Es wird immer mehr, keine Frage"

Sie nennen sich Sohlheim-Sippe. Im Sommer sind sie mit der Show und ihren Handwerks-Ständen fast jedes Wochenende auf irgendeinem Mittelaltermarkt unterwegs. Es entstehen ständig neue. Auch dieses "Sonnwend" auf der Berliner Spreeinsel findet erst zum zweiten Mal statt. Mehr als 4000 Veranstaltungen verzeichne das Fachmagazin "Karfunkel" in diesem Jahr, sagt dessen Herausgeber Michael Wolf. Festivals, Ritterturniere, Märkte, Stadtfeste. Vor drei Jahren waren es noch halb so viele. "Es wird immer mehr", so Wolf, "das ist inflationär, keine Frage." Mitte der 90er Jahre spielte die Band In Extremo mit Trommel, Laute und Dudelsack noch auf den kleinen Bühnen diverser Mittelaltermärkte. Im Mai ist sie zum ersten Mal auf Platz eins der Charts vorgestoßen.

Das Mittelalter bewegt die Massen. Nicht nur Marco Wehner packt jedes Wochenende seine Schilde, Speerspitzen und Segeltuchplanen ein und fährt stundenlang durch Deutschland. An Burgen, Schlössern und auf Dorfplätzen treffen sich Hunderte Gleichgesinnte. Zusammen reisen sie an einen anderen Ort - und in eine andere Zeit.

Wehner ist 37, hat als Schlosser, Maler und Dachdecker gearbeitet und vor einigen Jahren zum ersten Mal ein Mittelalterfestival besucht. Ihm gefiel die Atmosphäre. Er wollte auch jemanden darstellen, der vor über 1000 Jahren gelebt hat. Er habe sich die Wikinger ausgesucht, weil die ihre Toten oft mit Waffen beerdigt haben, sagt er. Da gab es Funde. Da konnte man sich an etwas orientieren. Er wollte möglichst exakt so aussehen, wie die Menschen damals. Er begann zu lesen, nachzuschlagen. Er stieß auf Waffen, Götter, Opfer. Er ließ sich den Bart wachsen. Wehner stammt aus Sachsen, er sagt: "Der Stolz vom Wikinger war sei' Boart." Jetzt ist sein Bart auch sein Stolz.

Wunschidentität aus einfacheren Zeiten

Clemens Richter hat für das, was Marco Wehner und all die anderen bärtigen Langhaarigen jedes Wochenende tun, eine recht einfache Erklärung. Richter hat sich für sein Buch "Mittelalter leben - heute" intensiv mit der Szene befasst. Die Faszination, sagt er, liege vor allem darin, dass die heutige Zeit sehr unübersichtlich wirke, die damalige vielen dagegen "einfacher, klarer und strukturierter" vorkomme. Von heute aus betrachtet.

In ihren Wunschidentitäten der Edelmänner, Ritter, Zauberer, Hexen oder Bauern fänden die Leute "eine selbstbestimmtere Rolle". Selbstbestimmter "als das, was ihnen die Gesellschaft der Gegenwart bietet." Marco Wehner formuliert es noch klarer: "Im Beruf macht man das, was der Chef sagt. Jetzt mache ich das, was ich machen will." Das Schmieden und Schwertkämpfen ist sein Hauptberuf geworden.

Wenn er ein Stück Eisen ins Feuer hält, bis es glüht, es mit dem Hammer zu einer Speerspitze schlägt und diese anschließend zu den anderen auf den Holztisch legt, mussten zwischendurch nicht Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge die einzelnen Bestandteile seines Produkts über Ozeane und Berge hinweg transportieren, damit es irgendwann fertig zusammengesetzt werden kann. Er hat es alles selbst in der Hand. Das ist es, was Richter mit klaren Strukturen meint. Deshalb, glaubt er, arbeiten so viele dieser Mittelalter-Leute mit Leder, Holz oder Ton und stellen einfache Handwerker dar.

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Eduard-Josef (03.09.2008, 19:59 Uhr)
Nur ein paar Anmerkungen
Nach einigem Überlegen und Zögern habe ich mich dann doch dazu entschieden einen Kommentar zu dem Artikel als auch zu den vorangegangenen Kommentare zu schreiben. Nicht zuletzt deswegen, weil ich von anderen Mitgliedern der so genannten Mittelalterszene (so genannten A-Anhänger und solchen, welche sich nicht ohne weiteres in die hier geschilderten Klischees einordnen lassen), darum gebeten wurde.
Zu dem Artikel ist nur zu sagen, dass er wirklich, freundlich ausgedrückt, sehr oberflächlich recherchiert ist. Sowohl vom Stern und auch vom verfassenden Journalisten bin ich bessere Artikel gewöhnt. Seit ich Ende Juli erfuhr, dass im Stern ein Artikel über mittelalterliche Darstellungen erscheinen würde, freute ich mich eigentlich auf diesen, weil ich hoffte, das nun endlich mal ein Bericht erfolgen würde, welcher sich dezidiert mit diesem Thema beschäftigen würde. Leider wurden meine Hoffnungen enttäuscht.
Aber auch die Kommentare spiegeln meiner Meinung nach nicht das wieder, wodurch sich die Szene der mittelalterlichen Darsteller mittlerweile auszeichnet.
Somit kann ich auch nicht mit den Darstellungen des Users Maxer unbedingt konform gehen. Der hier geschilderte Grabenkampf zwischen den ,ursprünglich sich selber so nennenden A-Anhängern,(als selbst gewählte Abgrenzung zu den in ihren Augen minderwertigen anderen historischen Darstellern) und den übrigen Darstellern die sich ernsthaft mit dem Thema Mittelalter beschäftigen, nimmt zum Glück auch in unserem Lande langsam ab und wir haben schon fast die Toleranz erreicht, wie sie in den übrigen Ländern in denen es schließlich dieses Hobby auch gib, schon lange herrscht. Auch die Animositäten zur so genannten Historien- LARP und Fantasyszene gehören weitestgehend der Vergangenheit an und werden meist nur künstlich hochgepuscht. Vielmehr entwickelt sich alles mehr in die Richtung des gegenseitigen Akzeptieren, da eine jede Spielart ihre Berechtigung hat. Solange nicht Etikettenschwindel betrieben wird.
Immer mehr historisch interessierte Gruppen lassen sich deswegen auch bewusst nichtmehr in die Kategorien A, GroMi (grobe Mittelalterliche Darstellung) oder Marktlager pressen. Auch deswegen, weil es überhaupt keine einheitlichen Richtlinien/Definitionen für die einzelnen Bereich gibt. Alleine die unterschiedlichen Auffassung bei Verfechtern der A-Philosophie zeigen, dass die Übergänge hier fließend sind. Als Beispiel: Ist ein Kleidungsstück noch A, wenn es zwar mit der Hand genäht wurde, die Nadel aber eine moderne Nähnadel war, dieses aber dem Kleidungsstück hinterher nicht mehr anzusehen ist(dieser/ähnlicher Streit füllte ganze Seiten von Foren und zeigt die Unmöglichkeit einer Definition).
Etliche Gruppen werden im übrigen von anderen Mitgliedern der Szene der A-Fraktion zugeschrieben, obwohl sie sich selber überhaupt nicht darin sehen. So bekommen z.B. wir Angebote zu Museumsmärkten, obwohl wir uns definitiv nicht zur A-Fraktion zählen, sondern für uns nur in Anspruch nehmen eine stimmige, historische Darstellung zu betreiben.
Somit kann man also festhalten, dass es einerseits Gruppen gibt, die sich mit dem historischen Mittelalter befassen, und solche die sich mit dem Bereich Fantasy beschäftigen.
Somit ist die Definition A-Papst auch kein Schimpfwort der Marktszene (die es im übrigen so garnicht gibt) für Leute die sich wirklich für die Geschichte/Kleidung/Sachkultur des Mittelalters interessieren und das auch umsetzen. Vielmehr ist es die Bezeichnung die einen Menschen beschreibt, der dogmatisch an seiner Auffassung festhält, keine andere Meinung neben sich duldet und ein Alleinvertretungsrecht für sich in Anspruch nimmt darüber zu entscheiden was richtig und falsch, gut oder schlecht ist. Ganz in der historischen Tradition des Papstes. Und dieser Begriff wird auch so von den meisten Angehörigen der gesammten Szene gebraucht und verstanden, also selbst von Angehörigen der sog. A-Fraktion.
Somit stimmt es auch nicht ganz, dass auf sogenannten Mittelaltermärkten, dem Interessierten Besucher kein Einblick in die Geschichte ermöglicht wird. Auf vielen dieser Märkte bauen Gruppen auf die durchaus ein hohes Maß an historischer Darstellung betreiben. Sie bauen einfach dort auf, weil sie Spaß daran haben ihr Hobby zu präsentieren. Im übrigen kann jede Veranstaltung nur an der Geschichte kratzen. Jedenfalls solange es nicht gelingt die alte Vegetation herzustellen, alte original Tierrassen aus dem Hut zu zaubern und natürlich sämtliche Sanitäranlagen abzubauen und durch Fäkaliengruben zu ersetzen.
Zum Kommentar vom User Silbador fällt mir ja fast schon garnichts mehr ein. Solange es keine ernsthafte soziologische, wissenschaftliche Studie über die Gründe für das Hobby Mittelalterdarstellung gibt, akzeptiere ich die dargelegten Gründe zwar als eigene Meinung des Schreibers, allerdings ohne fundierte Aussagekraft. Um gleich weiteren allgemeinen Vorurteilen über uns „Mittelalterverrückte“ vorzubeugen. Nein, wir wohnen nicht immer in Zelten. Nein, wir wollen nicht im Mittelalter leben! Wir schätzen die Errungenschaften des 21.Jh sehr wohl. Ja, die allermeisten von uns gehen einem ganz normalen Job nach, oft sogar einem der einem Spaß macht. Nein, wir laufen privat in der Regel nicht in Gewandung herum. Im übrigen ist anzumerken dass die überwiegende Mehrheit der hier als "Anhängern der Mittelaltersverherrlichung" bezeichneten Menschen das Mittelalter nicht verherrlichen und durchaus ein sehr profundes historisches Wissen haben, aus welchem sich meist eben dieses Hobby entwickelt.
Zu der Aussage Zitat: "Stattdessen gigt es Ritterstpiele und Schweinebraten für jeden und abends geht es dann in ungezieferfreie Nachtlager ...
Burschenherrlichkeite im 21. Jahrhundert (...)" Zitat Ende, kann ich nur festhalten, dass dieses mit historischer Mittelalterdarstellung so irgendwie nichts bis garnichts zu tun hat.
Das liest sich so ein bisschen als wenn Attila der Hunnenkönig die Menschenrechte erklären würde.
Aber ich gestehe natürlich jedem seine eigene Meinung, über seine Mitmenschen, zu.
Maxer (02.09.2008, 21:22 Uhr)
Schade, aber...
...leider nicht umfassend genug recherchiert.
Living History wird hier ohne weiteres mit (Fantasy)-Mittelalter-Markt-Darstellungen in einen Topf geworfen. Beide haben aber ungefähr so viel miteinander zu tun wie ein Fahrrad mit einem Pferd: man kann sich draufsetzen und sich fortbewegen, das wars aber schon.
Ziel der Living History ist es eine vergangene Epoche, im Falle dieses Artikels das Mittelalter, zu begreifen und Dritten zu vermitteln: beides findet aber bei den handelsüblichen Mittelaltermärkten nicht statt, auch das genannte "Fachmagazin" (Szenemagazin währe treffender) "Karfunkel" tut das eher weniger. Denn, wie im Artikel geschrieben: "Überall spielen Darsteller den Besuchern vor allem deren eigene Mittelalter-Fantasien vor". Genau darum aber geht es bei Living Historie nicht, dort geht es darum zu begreifen und zu vermitteln wie es wirklich war, nicht wie man es gern gehabt hätte.
Leider verstehen diesen Unterschied auch viele Aktive auf Mittelaltermärkten nicht und werfen Living History mit dem dortigen Fantasy-Mittelalter in einen Topf. Living Historians findet man im Allgemeinen eher in Museumsdörfern als auf Märkten: beide Szenen vertragen sich auch nicht wirklich gut, da den "A-Päpsten" (übrigens ein Schimpfwort der Marktszene für Leute die sich wirklich für die Geschichte/Kleidung/Sachkultur des Mittelalters interessieren und das auch umsetzen) der Mißbrauch des Begriffs "Mittelalter" für Fantasy sauer aufstößt.
Living History hat auch nichts mit LARP, das traditionell eher im Fantasy-Bereich zu verorten ist zu tun (siehe Infokasten 'Die Szene'). Das sind zwei verschiedene Hobbies.
Sehr schade: nicht zusammengehörige Dinge werden vermatscht, es wird nicht zu Ende recherchiert: Hauptsache es kommt ein marktschreierischer Artikel über abgedrehte Typen raus: oder was war die Intension?
Silbador (02.09.2008, 20:53 Uhr)
Der Mensch wünscht zu verstehen
Im Mittelalter war alles einfacher - der Eine war Oben, der Andere unten. Das war überschaubar.
Heutzutage blickt man eigentlich kaum mehr durch - Warum bekommt der X eine Millionenabfindung, warum wird der Y wegen Steuerhinterziehung angeklagt und warum habe ich keine Chance aus meiner "Lebensschublade" zu entkommen?
Zugegeben, die heutige Zeit ist sehr komplex, auf einen Nenner gebracht, werden derzeit die Reichen reicher und die Armen ärmer - was hat das Mittelalter dem entgegenzusetzen?
Nun zunächst einmal die zeitliche Distanz, grob gerechnet, liegt das Mittelalter gut 500 Jahre in der Vergangenheit, lange genug, vieles zu verklären. Die positiven Dinge dieser Epoche werden wiederbelebt, die negativen vernachlässigt oder zumindest verharmlost. Von den Anhängern der Mittelaltersverherrlichung macht sich kaum einer bewusst, dass er selbst ganz unten auf der Rangliste gestanden hätte und seinen Alltag mit ca. 12 Stunden Arbeit zugebracht hätte, seine persönlichen Rechte so gut wie nicht vorhanden gewesen wären und die medizinische Versorgung desatrös gewesen wäre.
Stattdessen gigt es Ritterstpiele und Schweinebraten für jeden und abends geht es dann in ungezieferfreie Nachtlager ...
Burschenherrlichkeite im 21. Jahrhundert - warum eigentlich nicht - das tatsächliche Leben ist trist genug, ab zu muss was anderes her, wie schon Billy Joel sang: "Sometime A Fantasy".
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