Schwert, Dudelsack und glühendes Eisen - Erwachsene spielen Ritter, Räuber, Hexen oder Schmied. Das Mittelalter bewegt die Massen: Mehr als 4000 Veranstaltungen finden alleine in diesem Jahr statt, Tendenz steigend. Was bewegt moderne Menschen, jedes Wochenende in eine andere Zeit zu flüchten? Von Johannes Gernert

Ritter der Neuzeit: "Wenn du kein Mammut jagen kannst, gehst du am Wochenende halt mit dem Schwert auf Kumpels los"© Michael Urban/DDP
Am Abend haben sie den Göttern des Lichts Met und Brot geopfert. Dazu haben sie Honigwein in die Spree gegossen und auf die Ufererde. Im Feuer knisterten die Scheite, und das dunkle Flusswasser glitzerte silbern. Sie baten um Gesundheit und Wohlergehen. Es war der 21. Juni des Jahres 2008. Sommersonnenwende.
Am Nachmittag des folgenden Tages scheint die Sonne auf Marco Wehners verschwitzte lange Haare, den geflochteten Bart, auf seinen Schmiedeofen und die Segeltuchplanen des Wikinger-Lagers. Gerade haben sie gekämpft. In der Mitte des Festplatzes, direkt vor der Bühne, haben sie sich mit ihren Schwertern gegenseitig auf die runden Schilde und auf die Helme geschlagen, bis am Ende fast alle reglos am Boden lagen. Die Zuschauer haben geklatscht und gejohlt.
Sie nennen sich Sohlheim-Sippe. Im Sommer sind sie mit der Show und ihren Handwerks-Ständen fast jedes Wochenende auf irgendeinem Mittelaltermarkt unterwegs. Es entstehen ständig neue. Auch dieses "Sonnwend" auf der Berliner Spreeinsel findet erst zum zweiten Mal statt. Mehr als 4000 Veranstaltungen verzeichne das Fachmagazin "Karfunkel" in diesem Jahr, sagt dessen Herausgeber Michael Wolf. Festivals, Ritterturniere, Märkte, Stadtfeste. Vor drei Jahren waren es noch halb so viele. "Es wird immer mehr", so Wolf, "das ist inflationär, keine Frage." Mitte der 90er Jahre spielte die Band In Extremo mit Trommel, Laute und Dudelsack noch auf den kleinen Bühnen diverser Mittelaltermärkte. Im Mai ist sie zum ersten Mal auf Platz eins der Charts vorgestoßen.
Das Mittelalter bewegt die Massen. Nicht nur Marco Wehner packt jedes Wochenende seine Schilde, Speerspitzen und Segeltuchplanen ein und fährt stundenlang durch Deutschland. An Burgen, Schlössern und auf Dorfplätzen treffen sich Hunderte Gleichgesinnte. Zusammen reisen sie an einen anderen Ort - und in eine andere Zeit.
Wehner ist 37, hat als Schlosser, Maler und Dachdecker gearbeitet und vor einigen Jahren zum ersten Mal ein Mittelalterfestival besucht. Ihm gefiel die Atmosphäre. Er wollte auch jemanden darstellen, der vor über 1000 Jahren gelebt hat. Er habe sich die Wikinger ausgesucht, weil die ihre Toten oft mit Waffen beerdigt haben, sagt er. Da gab es Funde. Da konnte man sich an etwas orientieren. Er wollte möglichst exakt so aussehen, wie die Menschen damals. Er begann zu lesen, nachzuschlagen. Er stieß auf Waffen, Götter, Opfer. Er ließ sich den Bart wachsen. Wehner stammt aus Sachsen, er sagt: "Der Stolz vom Wikinger war sei' Boart." Jetzt ist sein Bart auch sein Stolz.
Clemens Richter hat für das, was Marco Wehner und all die anderen bärtigen Langhaarigen jedes Wochenende tun, eine recht einfache Erklärung. Richter hat sich für sein Buch "Mittelalter leben - heute" intensiv mit der Szene befasst. Die Faszination, sagt er, liege vor allem darin, dass die heutige Zeit sehr unübersichtlich wirke, die damalige vielen dagegen "einfacher, klarer und strukturierter" vorkomme. Von heute aus betrachtet.
In ihren Wunschidentitäten der Edelmänner, Ritter, Zauberer, Hexen oder Bauern fänden die Leute "eine selbstbestimmtere Rolle". Selbstbestimmter "als das, was ihnen die Gesellschaft der Gegenwart bietet." Marco Wehner formuliert es noch klarer: "Im Beruf macht man das, was der Chef sagt. Jetzt mache ich das, was ich machen will." Das Schmieden und Schwertkämpfen ist sein Hauptberuf geworden.
Wenn er ein Stück Eisen ins Feuer hält, bis es glüht, es mit dem Hammer zu einer Speerspitze schlägt und diese anschließend zu den anderen auf den Holztisch legt, mussten zwischendurch nicht Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge die einzelnen Bestandteile seines Produkts über Ozeane und Berge hinweg transportieren, damit es irgendwann fertig zusammengesetzt werden kann. Er hat es alles selbst in der Hand. Das ist es, was Richter mit klaren Strukturen meint. Deshalb, glaubt er, arbeiten so viele dieser Mittelalter-Leute mit Leder, Holz oder Ton und stellen einfache Handwerker dar.