Tokios Jugend hat den Konsum zur Kunstform erklärt. Hemmungslos experimentiert sie mit Stil und Outfit, mit neuer Technik und bizarrem Design. Trendscouts aus aller Welt schauen ihr dabei zu - um sich mit der Zukunft vertraut zu machen Von Janis Vougioukas

Plateau, Rüschen, Rasta: Auf den Straßen von Tokios Hip-Viertel Shibuya führt die urbane Jugend ihre Outfits spazieren© Paolo Patrizi
Ein Mädchen tritt aus der Umkleidekabine, es trägt einen lila Minirock, der gerade das Nötigste bedeckt, darunter schwarze Strapse und Stiefel mit hohen Absätzen. In der Boutique bricht Jubel aus. Verkäuferinnen klatschen in die Hände, kreischen, hüpfen auf das Mädchen zu und tanzen zu dröhnender HipHop-Musik. Es ist, als sei ein Popstar hinter dem Vorhang hervorgetreten. Das Mädchen schaut erst unsicher, dann strahlt es vor Freude über den Zuspruch.
Mit dem Kirschblütenfest Ende März ist der Frühling nach Tokio gekommen. Die Sonne scheint, in der Schule sind Ferien. Und ganz Japan kauft die neueste Sommermode. Die Verkäuferinnen in der Shopping Mall 109 in Tokios Stadtteil Shibuya verstehen es besonders gut, ihre jungen Kundinnen mit Komplimenten und Applaus zu überzeugen - und zum Kauf zu animieren.
Einkaufen ist für japanische Teenager nicht bloß eine Freizeitbeschäftigung. Konsum ist Kunst - und niemand beherrscht sie so gut wie die mode- und trendverliebte Jugend in Tokio. Für viele internationale Modekonzerne und Topdesigner ist die japanische Hauptstadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern inzwischen zu einer der wichtigsten Bühnen geworden. Gleichbedeutend mit New York und Paris gehört Tokio zu den großen Modezentren der Welt. Immer häufiger entstehen hier Stilrichtungen, Produkte und Modekulturen, die ganze Branchen prägen - vom Girlie-Look bis zu Strumpfhosen aus der Sprühdose.

Laufsteg: Wer sich im In-Viertel Shibuya auf die Straße traut, muss schon was zu bieten haben. Wenigstens lange Haare und Coolness© Paolo Patrizi
Das Zentrum des Stadtteils Shibuya ist ein riesiger rechteckiger Betonplatz vor der U-Bahn-Station. Die Spiegelfassaden der Shoppingzentren ragen aus dem Boden, angestrahlt mit übergroßen Werbefilmen wie im Autokino. Reklameschriftzüge leuchten bunt auf Dächern und über Eingängen. Musik dröhnt, Tausende Menschen laufen umher: Die U-Bahn-Station Shibuya ist der Treffpunkt der Tokioter Jugend. An keinem anderen Ort der Stadt stapeln sich in den Hochhäusern so viele Boutiquen. Am Morgen bestimmen die Anzüge und Kostüme der Büroarbeiter die Farbe der Straße. Jetzt, am Nachmittag, hat die Jugend Shibuya übernommen und die schwarzweiße Monotonie in eine bunte Parade verwandelt. Es ist eine Welt aus Lack, Haartönung, Glitzer, Kunstperlen, grellem Make-up und hohen Absätzen. Tokios Jugend liebt modische Experimente, und in Shibuya ist die Straße ihr Laufsteg.
Nur wenige kennen sich in diesem grellen Durcheinander so gut aus wie der Deutsche Sven Kilian-Nakamura. Vor 15 Jahren entdeckte der hoch gewachsene 36-Jährige seine Liebe zu Asien. Er kam als Hippie nach Tokio und verkaufte T-Shirts auf den Straßenmärkten. Seit viereinhalb Jahren arbeitet er hier als Trenddetektiv für die Firma "Cscout" und die Berliner "Trend-Akademie". Sein Arbeitsplatz sind die Straßen von Shibuya, zu seinen Kunden gehören Firmen wie Siemens und BMW. Für sie sucht er nach der Zukunft. "Die Japaner sind viel produkt- und modehungriger als die Menschen im Westen", sagt Kilian. Junge Japaner etwa kauften sich alle drei Monate ein neues Handy, "so können neue Trends leichter entstehen."
Viele Technikprodukte wie Handys, Digitalkameras oder Computerspiele bekommen auf dem japanischen Markt nur wenige Wochen Zeit, um sich zu bewähren. Die Unternehmen probieren neue Modelle in kleinen Stückzahlen aus und beobachten, wie sie sich verkaufen. So habe, erzählt Kilian, der Unterhaltungselektronikhersteller Sega sein "Homestar Planetarium", ein professionelles Planetarium fürs Wohnzimmer, nur in einer Mini-Auflage in die Läden gebracht - woraufhin es monatelang ausverkauft war. Jetzt soll die Sternen-Show auch ins Ausland gehen.
Kilian schlendert durch die Seitenstraßen. An einem Plakat mit Getränkewerbung bleibt er stehen und fotografiert es mit seinem Handy. Gerade hat er ein Projekt für eine große Brauerei abgeschlossen. Zwei deutsche Manager kamen nach Tokio, um Ideen für den Biermarkt in Deutschland zu sammeln. Fünf Tage zog er mit seinen Kunden durch Supermärkte und Getränkehandlungen. Kilians Ware sind Inspirationen aus dem zukunftsverliebten Japan. Er organisiert Führungen für durchreisende Topmanager, schreibt Berichte und Präsentationen mit den Informationen und Bildern, die er auf der Straße gesammelt hat. Kein Modekonzern, keine Firma mit Design- oder Trendprodukten kann es sich leisten, Japan zu ignorieren.
"Vor allem Technik- und Lifestyle-Entwicklungen kommen aus Japan - in allen Bereichen, von Handys und Design bis zu Spielen und Ernährung", sagt Kilian. Vieles davon gelangt erst viel später nach Europa. Als das Computerküken Tamagotchi Mitte der Neunziger den Westen eroberte, war es in Japan fast schon wieder ausgestorben. Als Karl Lagerfeld in Tokio eine Boutique eröffnete, soll er auf den Straßen von Shibuya Tausende Fotos gemacht haben, um sich für neue Kollektionen zu inspirieren.
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