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8. November 2007, 15:53 Uhr

Die Zeichen der Zeit

Zwei Zeiger für Stunden und Minuten sind die bekannteste Methode der Zeitanzeige. Und für manche die Langweiligste. Deshalb erfinden Uhrmacher immer wieder neue Anzeigensysteme, die an Infotainment erinnern und nicht selten haarscharf an Spielerei entlang driften. Von Thomas Byczkowski

Raten Sie mal, wie viel Uhr es ist? Richtig, 3 Uhr 17. Wer die "201" aus der Schweizer Uhrenschmiede "Urwerk" verstanden hat, erkennt die Zeit auf den ersten Blick© Urwerk

Die meisten lernen die Uhrzeit an einem Zifferblatt, auf dem Stunden- und Minutenzeiger ihre Runden drehen. "Diese Zeitanzeige hat sich durchgesetzt, weil sie viel einfacher zu begreifen ist als die digitale", sagt Ruedi Külling, Grafikdesigner und Kopf hinter der schweizerischen Design-Marke Xemex. Für ihn ist sie das Ergebnis der 500-jährigen Evolution der Uhr. Seit man bei der Sonnenuhr die Bewegung des Schattens um einen Stab beobachtete, haben die Menschen an solchen Kreisbewegungen die Zeit abgelesen.

Aber die Uhrmacher haben die Anzeige immer wieder überdacht und zu verbessern versucht. Die Darstellung der Zeit mit Zahlen ist seit den japanischen Digitaluhren der Achtziger Jahre die bekannteste Modifikation. Für wissenschaftliche Präzisionsuhren wurde dagegen die Regulator-Anzeige entwickelt. Dabei laufen Stunde, Minute und Sekunde in einzelnen Zifferblättern. Der Vorteil: Alle Zeiger sind zu erkennen, weil sie sich nicht gegenseitig überlappen können.

Vom Sultan inspiriert

Es gibt aber auch völlig andere Lösungen: Etwa die retrograden Anzeigen, bei denen der Zeiger nach einer bestimmten Kreisstrecke zurückspringt. Oder Dezimalanzeigen, in denen Stunde, Zehnminuten und Minuten jeweils mit einem Strich gezählt werden. Oder gar Zifferblätter, die nur die Stunde anzeigen. Allerdings sind solche Anzeigen nicht immer einleuchtend oder leicht abzulesen. Im Gegenteil: Der Pfad zwischen Spielerei und Nutzwert ist schmal. So hatte Gerald Genta, der Erfinder der retrograden Modifikation, zuerst gar nicht an eine Zeitanzeige gedacht. Vielmehr wünschte sich der Sultan von Brunei für ein Golfturnier eine Uhr mit einer Besonderheit. Genta installierte einen Golfspieler auf dem Zifferblatt, der zu jeder vollen Stunde seinen Schläger im Halbkreis schwang. Aus dieser Idee entwickelte er später die besagte retrograde Anzeige.

Der 76jährige Schweizer, der über Jahrzehnte die Uhrenszene als Gestalter dominiert und für Audemars Piguet, IWC, Patek Philippe und Bulgari gearbeitet hat, findet es langweilig, "wenn sich die Zeiger immer nur im selben Tempo über die Runden schleppen". Wie aufregend dagegen sei es, wenn ein Zeiger plötzlich zurückspringt, "wie ein Peitschenschlag, damit der Zuschauer aufwacht", sagt Genta.

Ausgefallenes für 100.000 Euro

Felix Baumgartner, ein unabhängiger Uhrmacher, achtet dagegen bei seinen Uhren darauf, dass die Anzeige vor allem eines ist: benutzerfreundlich. Urwerk heißt die Firma des Schweizers, die Zeitmesser mit drei drehbaren Würfeln herstellt, die wie Satelliten um ein Zentrum kreisen. Dabei ziehen sie ähnlich einem Zeiger über einen Kreisausschnitt mit Minutenskala und geben so die Zeit an. Auf jedem der Würfel sind Stundenziffern graviert und wenn einer bei 60 Minuten die Minutenanzeige verlässt, kommt der nächste für die folgende Stunde.

Weil sich dieses Schauspiel nur im unteren Drittel des Zifferblatts abspielt, braucht man den Arm zum Ablesen kaum zu drehen. "Nach kurzer Eingewöhnung kann man die Zeit mit einem Einzehntel-Sekunden-Blick erfassen, weil man nur eine Zahl sieht und die Anzeige viel langsamer läuft als bei normalen Uhren. Das Kommen und Gehen der Stunden gibt ein ganz anderes Zeitgefühl", sagt Baumgartner. Wer aber nicht die etwa 100.000 Euro für eines seiner Modelle übrig hat, der muss weiterhin nach dem althergebrachten Zeitgefühl leben.

Von Thomas Byczkowski
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
MPusch (09.11.2007, 09:04 Uhr)
Zeit abschätzen
Wenn ich auf meine Uhr sehe, geht es mir nicht nur darum, nur festzustellen, wie spät es ist. Eigentlich will ich vielmehr wissen, wie viel Zeit mir noch bleibt. Zum Beispiel will ich den Abstand zwischen der aktuellen Zeigerstellung und der Stellung für "Feierabend" abschätzen. Das läuft ähnlich ab, wie wenn ein Buschläufer den Sonnenstand abliest -- kein präzises Ablesen und Rechnen, sondern die Feststellung, wie weit der Stundenzeiger im rechten Bogen gekommen ist, wenn beispielsweise der Feierabend unten bei der sechs erreicht wird.
Dadurch, dass ich meine Arbeit recht gut kenne, weiß ich dann intuitiv, wie viel ich noch etwa schaffen kann.
Eine Anzeige, welche keine Möglichkeit bietet, sich die Zeit in Form von Strecken oder Kreisabschnitten bildlich vorzustellen, wird immer einen zusätzlichen Gedankenschritt brauchen, um aus der angezeigten Uhrzeit die Schlussfolgerung für die jeweilige Situation zu ziehen.
MPusch
Aussiepaul (09.11.2007, 04:20 Uhr)
Analog vs Digital
Soto,
es stimmt, du musst nur die Zahl (bestehend aus Ziffern) ablesen. Dein Gehirn erkennt nur eine Zahl.
Ob es die Tageszeit ist in Stunden und Minuten, oder ein Preis in (welcher?) Währung, oder eine Geschwindigkeit in km/h oder mph, oder eine Seite in einem Katalog, oder, oder, weiß es nicht. Das musst du deinem Gehirn erklären, und erst dann weißt du wie spät es ist.
Und das ist später, als wenn du auf eine Uhr mit Zeigern blickst, und sofort weißt, was die Stunde geschlagen hat.
Paul
sotospeak (08.11.2007, 23:11 Uhr)
Einfacher zu begreifen?
Warum die Zeigeranzeige einfacher zu begreifen ist als eine Digitalanzeige erschließt sich mir nicht. Bei einer Digitalanzeige gibt es nichts zu begreifen oder zu lernen. Man muss nur die Zahlen ablesen. Die gleiche Notation (HH:MM) wird ja überall verwendet, insbesondere bei Fahrplänen. Wer behauptet, das sei schwieriger als ein Ziffernblatt mit Zeigern, für den können wir ja Fahrpläne mit Ziffernblättern machen. Mal sehen, wie das klappt. Es ist doch offensichtlich, dass das lächerlich ist. Natürlich muss der Herr Külling so eine Unwahrheit behaupten, weil er ja schließlich Uhren mit Zeigern verkaufen will. Sowohl die Anzeigeart wie auch der Betrieb (mechanisch) sind aber obsolet. Neben den unverbesserlichen Tradionalisten, die alles neue ablehnen, gibt es ja auch noch die Angeber, die meinen, solche Uhren wäres was besseres und die Opportunisten, die sowieso jeden Quatsch mitmachen. Nur so ist zu erklären, warum die Digitalanzeige in der Minderheit ist. In der Tat gibt es ja leider auch nur noch einen großen Hersteller auf den man sich hier verlassen kann. Alle anderen drehen unaufhörlich an ihren Zeigern. Noch schwachsinnigere Formen der Zeigerei machen die Situation natürlich auch nicht besser.
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