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Trendlos in Mailand

Auf der Fashion Week in Mailand ist in diesem Jahr eher weniger Bahnbrechendes zu bestaunen. Aufsehen erregt in erster Linie die Schuhmode. Auf diesem Gebiet sind die Italiener schlicht unschlagbar.

Von Dirk van Versendaal

  Jil Sander wurde für ihre neue Kollektion gefeiert, "als wäre sie nie fortgewesen"

Jil Sander wurde für ihre neue Kollektion gefeiert, "als wäre sie nie fortgewesen"

Allen Moden gemeinsam ist bekanntlich die Tatsache, dass ihre ersten und ihre letzten Vertreter ulkig bis saukomisch sind.
 Wie soll man es also deuten, wenn es ulkige und saukomische Kollektionen bei den Mailänder Modeschauen für Frühjahr und Sommer 2013 nicht mehr zu sehen gibt? Als Mangel an Fantasie? Nein, deren Fluss kann über drei oder vier Saisons nicht plötzlich kollektiv versiegen. Als Mangel an Wagemut? Schon eher. In der schlimmsten Not betreiben die Italiener ihre Mode humorlos konsequent als Business-Modell und betrachten riskante Entwürfe als Störfaktor. In der Branche geht die Angst um: An die 7000 Arbeitsplätze sind im vergangen Jahr in der Textil- und Modebranche in und um Mailand herum verloren gegangen.

Was dort nun über die Laufstege geht, erregt das Interesse der Einkäufer nur mäßig. Von ein paar Trendboutiquen mal abgesehen, haben die "buyer" ihr Budget nämlich zu geschätzten drei Vierteln in Vor- und Hauptkollektionen, für "Cruise-Collections" und "Resort"-Linien gesteckt, bevor sie zu den Schauen anreisten. Dort wurde ihnen - zumindest in Mailand und zuvor in New York - ein Mischmasch vorgesetzt, den auf nachhaltige Trends zu reduzieren witzlos wäre.

Alles geht – solange es eben nicht saukomisch ist. In Mailand präsentierten die Designer sich abwechslungsreicher denn je – oder beliebig wie nie, je nach Standpunkt. Es gab hoch taillierte Röckchen zu sehen, taillenlose Umhänge, Geschlitztes, Fließendes, Blumiges, wolkig Ausgewaschenes; Lingerie wurde bei Versace gezeigt, Streetwear neben Couture gab's überall zu sehen, die Vierziger (Bottega Veneta), die Fünfziger (Dolce & Gabbana), die Sixties (Moschino) und die Siebziger (Gucci); Asien (Etro), Afrika (Krizia), Indochina (Pucci) und Japan (überall ein bisschen), Bauhaus (Marni) und Picasso (Aquilano.Rimondi), Schwarz-Weiß-Kontraste, digitale Drucke und Echtpelze für den Sommer jetzt sogar bei Prada. "Pelze", glaubt jedenfalls Miuccia Prada, "sind ein Symbol für die vielen Möglichkeiten, die es gibt. So vieles wird heute verboten. Träume und Nostalgie und Niedlichkeiten." Aha. Was aber können die armen Nerze dafür?

Das größte Aufsehen fürs Schuhwerk

Nein, es ist nicht die Oberbekleidung, die in Mailand Aufsehen erregt, es ist das Schuhwerk. Laut Prognosen von Altagamma, dem italienischen Verband der Hersteller von Luxusgütern, wird das weltweite Wachstum im Bereich Bekleidung bei 6,5 Prozent liegen, bei Lederwaren, Schuhen und Accessoires sogar um die 10 Prozent. Bei sinkender Nachfrage im Inland verzeichnen die italienischen Schuhhersteller ein sensationelles Exportgeschäft, das in den ersten fünf Monaten des Jahres in China um 76 Prozent zulegte, in Hongkong um 35 Prozent, in Japan um 16 Prozent.

Was die Schuhe angeht, sind die Italiener eben unschlagbar. Folglich toben sie sich, weil sie es oben herum nicht dürfen, nun unten heraus aus. Eine größere Auswahl an fantasievollem Schuhwerk hat man in Mailand noch nicht gesehen. Sogar Giorgio Armani, sonst ein Freund tiefgelegter Sohlen, ließ sich zu dem Bekenntnis hinreißen, dass "Frauen ohne Absätze nur halb so schön" seien. Tod's präsentierte perlenbestickte Mokassins, silberbesetzte Loafer und andere Preziosen, sogar auf den Sohlen geht es neuerdings abwechslungsreich und bunt zu.

Weshalb man auch mit größtem Interesse nach New York blickte, wo der Schuhdesigner Christian Louboutin gerade einen Prozess um die Urheberrechte seiner roten Sohlen gewann. Ein Gericht gab dem Franzosen, der gegen die Modemarke Yves Saint Laurent wegen der Verletzung von Markenrechten geklagt hatte, in zweiter Instanz recht. In erster Instanz hatten Richter noch befunden, eine Farbe könne in der Modeindustrie nicht als Marken-Kriterium gelten. Logisch, der Streit wird weitergehen.

Auch Roberto Cavalli und Giorgio Armani werden keine Freude mehr. Ein Zwist jedenfalls über den Terminplan der Modekammer mündete mit dem Vorwurf Cavallis, sein Kollege sei ein "Reuccio", ein kleiner König, dessen geringster Wunsch von der Modekammer als Befehl verstanden würde. Armani konterte in einer Pressekonferenz: "Cavalli sollte ruhig sein, weil der kleine König wütend werden könnte."

Baumwolle und Doubleface

Zur Nebensache geriet da beinahe die Rückkehr der Jil Sander zu ihrer Marke, die in den vergangenen Jahren immer mal von anderen Designern entworfen wurde. Offenbar war die 68-jährige nicht ausgelastet damit, auf Ibiza Häuser einzurichten. "Als sei die nie fort gewesen", so lautet das einhellige Urteil der Kritik. Und tatsächlich hat die Hamburgerin nach einem dreijährigen Intermezzo als Gastdesignerin beim japanischen Modehersteller Uniqlo ihren einzigartigen Sinn für Proportionen wohlgefällig dokumentiert. Sie beherrscht ihr Handwerk wie immer, ihre Schnittführung, wie auch ihren knallharten Minimalismus. Ein Großteil alter Weggefährten, auch aus den Schnittateliers, begleitet ihr erneutes Comeback, das macht sich eben bemerkbar.

Ein bisschen runder sind ihre Silhouetten, ein bisschen freundlicher das Ganze, eine Spur weiblicher die Linien als bei ihrem von der Kritik gefeierten, aber gefeuerten Vorgänger Raf Simons. Die Kollektionen des Belgiers haben sich halt nicht verkauft. Mit Worten lässt sich Mode, so wie die Musik, nur unzulänglich beschreiben. Wenn es jemand vermag, dann doch wohl die Designer selbst und ihre Sprachrohre.

Deshalb hier im Original der Begleittext zur Damenkollektion Jil Sanders für das Frühjahr und den Sommer 2013: "Vertikalität im Raketenstil. Neustart bei Null. Frische Silhouetten und neue Proportionen im Geiste des Konstruktivismus. Sphärische Stoffe, makellos, elastisch, voller Spannkraft. Baumwolle & Doubleface, Baumwoll-Piqué, reine Seide mit gedrehtem Garn. Luftige Volumen, flüchtige Diagonalen. Heiter, gelassen, klar: Schönheit liegt in der Konzentration. Sich verjüngende Formen, konisch bis säulengleich. Skulpturierte Kurven & Ellipsen. Zusammenspiel von Fülle und Schnittpräzision. Schmaler Rücken, markante Front. Das Potential von Schwarz & Weiß. Mitternachtsblau & oxydiertes Eisen. Liquid Cream, Feuerball. Bewegliche Farbfelder, wechselnde Perspektiven. Gummierte Disketten. Stufenförmige Tops. Röcke mit kontrolliertem Schwung. Hosen: geschneidert, mit hohem Bündchen & schmal. Ikonische Kleider. Spiralenstiefel."

Liest sich ulkig, oder?

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