Der Mann, der vom Himmel fiel

15. Oktober 2012, 15:31 Uhr

Wie Felix Baumgartner der Sprung seines Lebens gelang. Die besten Bilder eines Abenteuers. Außerdem im Heft: Iris Berben - Wovon sie träumt, was sie fürchtet.

Und dann haben wir alle auf diesen weißen Punkt gestarrt", sagt ein Student aus Berlin, einer von Millionen Stratosphärensprung-Zeugen, die im Fernsehen oder online dabei waren, als der Österreicher Felix Baumgartner am Sonntag als erster Mensch der Geschichte im freien Fall die Schallmauer durchbrochen hat. Nie zuvor haben mehr Menschen über Youtube ein Live-Ereignis verfolgt: Bis zu acht Millionen gleichzeitig waren weltweit dabei. Mehr als bei der Amtseinführung von US-Präsident Barack Obama, dem bisherigen Rekordhalter. Der Sender ntv vermeldet eine Zuschauerspitze von sieben Millionen während des Sprungs. Auf Twitter war das Spektakel Topthema, und gefälschte Accounts sammelten innerhalb kürzester Zeit Tausende Abonnenten. Auf Facebook generierte das Bild vom gerade gelandeten Baumgartner, der auf die Knie fällt, ratzfatz 470.000 Likes. Aber warum haben wir eigentlich alle auf den weißen Punkt gestarrt?

Um sagen zu können "Ich war dabei"? Der Mann hat immerhin drei Weltrekorde gebrochen: der erste Mensch, der im freien Fall die Schallmauer durchbricht, die höchste bemannte Ballonfahrt und der Sprung aus größter Höhe. Rekorde brechen andere auch, sicher auch weltbewegendere.

Der winzigkleine Mensch und das riesengroße Universum

"Sie sind gemeinsam an die Grenzen des Menschenmöglichen und an die Grenzen der Physik gegangen", kommentierte Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann die Arbeit von Baumgartners Team, das ausgerechnet im Ufo-verrückten Roswell Stunt-Geschichte geschrieben hat. Also ist es vielleicht auch die übliche Rotzigkeit des Menschen, sich mit Gesetzmäßigkeiten nicht zufriedenzugeben, sondern sie umzustoßen? Ist es die Nummer mit dem Apfel, nur dass die Frucht diesmal verdammt weit oben hing? Ist der "furchtlose Felix" unser Adam, Sinnbild menschlicher Hybris? Und wollen wir gucken, welche Strafe auf die "menschliche Kanonenkugel" steht, wobei wir sicher gehen können, als Zuschauer selbst straflos zu bleiben?

Oder ist es nicht eher die ganz simple Lust am Kick, an dieser James-Bond-Astronauten-Superhelden-Aktion, die man selbst nicht mal im Traum erwägen würde, weil einem schon im Riesenrad schlecht wird? Und sie ist auch noch ganz und gar echt, das heißt, sie könnte tatsächlich tödlich enden. Wäre es schiefgegangen, wäre zum Beispiel der Anzug gerissen, hätte Felix Baumgartners Blut gekocht und seine Lungen wären explodiert. Dann wäre der zehnminütige Fall aus 39 Kilometern Höhe eine Live-Tragödie geworden. Schon die Aussicht darauf bringt Quote. Ist er aber nicht. Sondern ein Fest für unsere kindliche Begeisterung an Zirkusakrobaten, Sportskanonen und anderen Helden. Die können, was wir nicht können, und es sieht verdammt cool aus.

Es lohnt sich nie, bei einem Sprung zu sterben

Zu banal? Hat der Himmelssturz uns vielleicht ein bisschen philosophisch gestimmt? Dieser Moment, als Baumgartner kurz vor dem Absprung in den tiefsten aller Abgründe sagte: "Jetzt komme ich zurück zu dir, du kleine Welt?" Steht der weiße Fleck, dem wir hinterhergestarrt haben, vielleicht für das Sandkorn, das wir im Zeitenlauf sind? Der winzigkleine Mensch angesichts des riesengroßen Universums... Viel Spaß dabei, aber ohne Baumgartner: "Es ist nicht das Serotonin und der ganze pseudopsychologische Mist, warum ich das mache. Es ist immer eine Idee, die mich nicht loslässt. Ein Ziel und der Weg dorthin", sagte der pragmatische Mann mit dem Mark-Wahlberg-Gesicht und dem leichten Schwarzenegger-Akzent. Und nachdem er die höchsten Türme und tiefsten Schluchten der Welt durch hatte, hat er sein Ziel halt höher gehängt.

Grausam aber wahr ist wohl die Aussage einer anderen Zuschauerin, die schulterzuckend bekannte: "Ich wollte wissen, ob es klappt."

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