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6. April 2001, 10:17 Uhr

Francis Giacobetti: Die Geometrie der Gefühle

Paris. Es ist ein eiskalter Januartag und aus dem Fenster eines Dachzimmers könnte man jetzt den nahen, beleuchteten Arc de Triomphe sehen, aber man mag nicht aufstehen

Von Jochen Siemens

Paris. Es ist ein eiskalter Januartag und aus dem Fenster eines Dachzimmers könnte man jetzt den nahen, beleuchteten Arc de Triomphe sehen, aber man mag nicht aufstehen, weil man keine dieser Geschichten verpassen will, mit denen der Mann in seiner Koje die Atmosphäre wärmt. Francis Giacobetti braucht ein bisschen Zeit, bis seine Erzählerseele in Fahrt kommt, aber dann sprudelt es aus ihm heraus. Ja, Woody Allen wollte nur zehn Minuten Zeit hergeben und war erstaunt, als ihm Giacobetti sagte: »Das genügt mir auch«. Genügte natürlich nicht, aber Allen schaute nicht auf die Uhr. Es wurde eine lange Stunde. Man kann jetzt irgendeinen Namen fallen lassen, Giacobetti weiß eine Geschichte dazu. Francis Giacobetti ist Fotograf, aber er sagt so gut wie nie das Wort »Belichtung« oder »Entwickler« oder »Linse«. Solche Sachen hat er längst verinnerlicht, in seinem Kopf eingebaut. Wenn man ihn lange beobachtet, sieht man, wie er seine Augen dreht, als seien sie ein Objektiv, und wenn er dann sein Leben erzählt, fühlt man sich wie in einer Ausstellung, durch die er einen führt. Manchmal zeigt er dabei auf Bilder an der Wand, die da aber gar nicht hängen.

Wenn man hier, im Stockwerk über seinem Studio, in der engen Dachkammer sitzt, dann kommt einem das Leben draußen wie ein Meer und Francis Giacobetti wie ein eigenartiger Kapitän Nemo vor, der sein Schiff nun seit knapp 50 Jahren da hindurch steuert. Die kleine Kammer ist vollgestopft mit Büchern, mit Bildern und mit einem Miniatur-Wald von Flakons der Parfumlinie Issey Miyake. Francis Giacobetti sieht aus, als lebe er schon ewig in seiner Dachkammer, er bewegt sich wie in einer heimischen Höhle. Er hat ein rundes Gesicht mit blauen, blitzenden Augen und leicht aufgeregten Zügen, so als ob er immer gleich ein Foto machen müsste. Sein Englisch ist gut, aber er traut seinem Vokabular nicht und rutscht deshalb immer wieder ins Französische. »Ich bin Korse«, sagt er und Korsen seien nun mal Menschen, die keiner Sprache so richtig vertrauen.

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