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"Moonlight": Der richtige Film im richtigen Umschlag

Oscars 2017: "Moonlight" setzt sich bei den Academy-Awards gegen den Favoriten "La La Land" durch und erhält den Preis für den besten Film. Das geht in Ordnung, denn "Moonlight" hat das, was der Konkurrenz fehlt. 

Oscars 2017: Szene aus dem Film "Moonlight" - Gewinner "Bester Film"

Oscar-Gewinner "Moonlight": Ein ausgeschlafenes Drama, das sich mit den Problemen der Gesellschaft beschäftigt.

Mit dem Twist hatte niemand gerechnet. Wer es bei der Oscar-Verleihung am Montag morgen bis sechs Uhr durchgehalten hat wurde mit einer kleinen Überraschung belohnt, die es so noch nie gab. Laudator Warren Beatty verkündete lauthals, dass "La La Land" der beste Film des Jahres sei. Als die vermeintlichen Gewinner den Preis entgegen nehmen wollen wird zurückgerudert. Es handelt sich um einen Irrtum. Der rechtmäßige Gewinner heißt "Moonlight" und das ist auch gut so.

Filmplakat des Oscar-Gewinners "Moonligt"

 Der Film von Regisseur Berry Jenkins ist klein und unaufgeregt. In drei Akten wird die Geschichte von Chiron erzählt, einem Jungen, der in einem sozial schwachen Viertel in Miami aufwächst. Chiron findet keinen Anschluss zu seinen Mitschülern.

Der Grund dafür ist so einfach und so banal. Er ist einfach eine Nuance anders als seine Schulkollegen. Wer sich an seine eigene Schulzeit erinnert, der weiß, dass es manchmal nicht mehr braucht, um zum Außenseiter zu werden.

Schwul und schwarz in Amerika - "Moonlight" thematisiert ein immer noch aktuelles Problem

Wichtigster Bezugspunkt für Chiron ist der örtliche Drogenboss Juan (Mahershala Ali), der Vater ersetzt, zu dem dieser keinen Kontakt hat. Juan ist ein kubanischer Migrant, der trotz zweifelhaftem Berufsbild seinen Frieden mit sich selbst gefunden. Er wird zum wichtigen Fixpunkt in Chirons Leben, den dieser bitter nötig hat. Zuhause findet Chiron nämlich keinen Halt. Seine Mutter Paula (Niomi Harris) ist drogenabhängig. Zwar gibt sie sich Mühe bei der Erziehung, aber als Persönlichkeitsstörungen und Geldnot zum Alltag werden, wird Chiron klar, dass er zu Hause keine Hilfe erwarten kann.

Juan bringt dem jungen Chiron das Schwimmen bei

Juan bringt dem jungen Chiron das Schwimmen bei

Aus dem stillen Jungen wird ein unsicherer Teenager und aus kleinen Hänseleien unter Kindern wird Mobbing. Seine Mutter Paula rutscht immer tiefer in die Abhängigkeit. Doch dann wird Chirons Leben durch eine romantische Nacht mit seinem Mitschüler Kevin verändert. Chiron erhält einen kurzen Moment der Erleuchtung. Plötzlich macht alles Sinn. In der Dunkelheit seines Umfeldes erlischt der Funke allerdings schnell. Das Mobbing wird schlimmer, Chiron verschließt sich immer mehr und aus dem unsicheren Teenager wird ein übermaskuliner Thug, der seiner Homosexualität ein Gefängnis aus Bodybuilding und Prestigeobjekten baut.

"Boyhood" mit Hoodboy

Wer sich in den letzten Jahren ein wenig mit Filmen auseinandergesetzt hat, den wird die Story an Richard Linklaters Mammutprojekt "" erinnern, bei dem die Dreharbeiten über zwölf Jahre dauerten. "Moonlight" kann zwar nicht mit so einer Produktionsgeschichte punkten, brilliert aber an entscheidender Stelle. Bei "Boyhood" ist die jeweilige Epoche, in der der Film spielt, einer der Hauptdarsteller, was bei "Moonlight" nahezu außer Acht gelassen wird. Entwicklung wird ausschließlich anhand der Darsteller erzählt. Entscheidende Details werden nur angerissen und feuern so die Vorstellungskraft des Zuschauers an. Stimmung wird oft über Licht oder Kamerafahrten vermittelt. Die Mobbingszenen fühlen sich nicht zuletzt so beklemmend an, weil die Kamera-Arbeit ein ständiges Unwohlgefühl wider gibt und jeden Gang durch den Schulflur zum Hindernisparcours  macht.

Besonderes im Gedächtnis bleiben auch die Nebendarsteller Naomi Harris, und Mahershala Ali, die beide für einen Oscar nominiert waren. Naomi Harris pendelt in der Gunst des Zuschauers zwischen hilflos und verhasst. Mahershala Ali Ist trotz Sportwagen, Goldschmuck und Kontakten in die Rauschgiftszene der Sympathieträger der Geschichte und durfte am gestrigen Abend den Award mit nach Hause nehmen. Ali ist damit der erste muslimische Schauspieler, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Eine Entscheidung mit Symbolcharakter.

Oscars 2017: Weiße Nostalgie gegen reale Probleme - "La La Land" verliert zu Recht gegen "Moonlight"

Bei den Nominierungen im vergangenen Jahr war der Aufschrei groß. Unter den Nominierten in den wichtigsten Kategorien waren exakt null People of Color. Auch die Wahl auf Chris Rock als Moderator konnte nicht verhindern, dass die Fans in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #OscarsSoWhite ihrem Ärger Luft machten. So ein PR-Desaster galt es in diesem Jahr abzuwenden. Nicht zuletzt, weil im weißen Haus derzeit ein Social Media-Profi Hof hält, der selbst schon in diversen Hollywood-Produktionen aufgetaucht ist und dessen Umgang mit Menschen verschiedener Hautfarbe eher fragwürdig ist. 

Szene aus dem Film "Moonlight" - Gewinner "Bester Film"

Der erwachsene Chiron (Trevante Rhodes) trifft Kevin (André Holland) im Diner wieder.

Als großer Favorit ging das Musical "La La Land" ins Rennen. "La La Land" behandelt den Aufstieg eines Künstlerpaares, das sich im Showgeschäft durchsetzen will und wurde für 14 Awards nominiert, was bisher erst zwei anderen Filmen gelang. Die Favoritenrolle haftet dem Musical auch deswegen an, weil Hollywood Geschichten über Hollywood liebt. Neben viel positiver Resonanz erntete "La La Land" auch negative Kritik. Der Observer bezeichnete ihn als weiße Nostalgie für Zuschauer, die nicht aufwachen wollen und lieber von der guten alten Zeit träumen.

"Moonlight" dagegen ist ein ausgeschlafeneres Drama, das sich mit grundlegenden Problemen in der Gesellschaft beschäftigt und die Zuschauer dort zwickt, wo der privilegierte Traum vom Ruhm im Showgeschäft sie behutsam streicheln würde. Der Oscar für den besten Film geht an den besseren Film.

 

Am 9. März startet "Moonlight" in den deutschen Kinos.

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