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Wie Oscar mit einer App gegen den Hunger in Nigeria kämpft

Chowberry macht überflüssige Lebensmittel Nigerias Armen zugänglich.

Oscar erinnert sich noch gut an das Gefühl, hungrig zu sein. “Hunger ist ein lähmendes Gefühl, es sperrt alles andere aus.” Im Alter von 11 Jahren musste er die Erfahrung selbst machen: “Mein Vater konnte nach einem Schlaganfall für einige Zeit nicht mehr arbeiten und meine Mutter verdiente als Krankenschwester nicht genug, um die Familie zu ernähren”, erzählt Oscar Ekponimo im Gespräch mit NEON Online. 

ist ein lähmendes Gefühl

“Hunger distanziert Menschen von ihrer Umwelt. In der Schule konnte ich mich nicht konzentrieren, ich war unfokussiert und gar nicht mehr in der Lage, richtig zu denken. Schon damals habe ich gesagt: Eines Tages sorge ich dafür, dass andere nicht dieselben Erfahrungen machen müssen wie ich.”

Heute, fast 20 Jahre später, hat Oscar sein Wort gehalten. Der 30-jährige, ausgebildete Software-Ingenieur entwickelte eine App, die überflüssige Lebensmittel den Armen Nigerias zugänglich macht.  Chowberry möchte verhindern, dass Kinder wie damals Oscar hungrig ins Bett gehen, obwohl brauchbare Lebensmittel weggeschmissen werden.Die App verknüpft Supermärkte mit Bedürftigen und macht ihnen dadurch erschwingliche Lebensmittel zugänglich: “Das besondere an Chowberry ist, dass wir die Lebensmittelkette von beiden Seiten revolutionieren. Wir helfen Einzelhändlern, ihre Nahrungsmittelverluste um 80 Prozent zu reduzieren. Statt unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, verkaufen sie ihre Produkte mit einer Reduktion von bis zu 90 Prozent an Bedürftige weiter.”

Je weiter sich die ihrem Haltbarkeitsdatum nähern, desto stärker sinken die Preise

Das Prinzip hinter Chowberry ist überraschend simpel: Einzelhändler scannen verpackte Lebensmittel drei Monate vor ihrem Ablaufdatum ein. Je weiter sich die Lebensmittel ihrem Haltbarkeitsdatum nähern, desto stärker sinken die Preise. Mit

Hilfe der App werden die registrierten Einzelpersonen nun über Preissenkungen informiert und können die Lebensmittel online vergünstigt einkaufen und anschließend in den beteiligten Supermärkten abholen.

Chowberry: Wie Oscar Ekponimo mit einer App Nigerias Hungernden hilft

Um die Armen der Armen zu erreichen, arbeitet Chowberry mit Hilfsorganisationen zusammen

Weil den wirklich Armen aber oft der Zugang zu Technologie fehlt, arbeitet Chowberry auch mit ausgewählten Hilfsorganisationen zusammen, die bereits in Kontakt mit bedürftigen Familien stehen. Die Partner-Organisationen kaufen die Lebensmittel über die App stark reduziert ein und verteilen die Lebensmittel anschließend an mittellose Kinder und Erwachsene weiter. Voraussetzung für eine Zusammenarbeit ist, dass die NGOs im Bereich Hunger und Lebensmittelknappheit tätig sind und länger als ein Jahr bestehen. 

Nahrung für monatlich 150 Waisenkinder

Eine Idee, die zu funktionieren scheint. Mit Hilfe der Partner-NGOs erreichen Oscar und sein Team 200 Haushalte. 2016 konnten sie 150 bedürftigen Waisenkindern Nahrung zur Verfügung stellen. In Zukunft plant Oscar noch höher in die Wertekette einzugreifen. Er möchte Hersteller und Verteiler mit einbeziehen, um die Lebensmittelverschwendung von Beginn an zu reduzieren.

13 Millionen Menschen leiden in Nigeria an Hunger

Hunger und Mangelernährung sind in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara nach wie vor ein großes Problem. Zwischen 2014 und 2016 litten nach Schätzungen des World Hunger Education Service der Vereinten Nationen 223 Millionen Menschen an Hunger und Mangelernährung in der Subsahara-Region. Nach Asien ist das die zweitgrößte Zahl an Hungernden weltweit. Nigeria wird nach Angaben des World Food Programme als Nahrungsdefizit-Land eingestuft. 13 Millionen Menschen litten dort zwischen 2014 und 2016 an Hunger. Mehr als 7 Prozent der Bevölkerung sind unterernährt. (UN FAO) Die häufigsten Gründe für Hunger sind Armut, Inflation und Konflikte. Besonders der Nordwesten des Landes ist durch den Konflikt mit der Terrorgruppe Boko-Haram von Hunger und Mangelernährung bedroht.

Chowberry: Wie Oscar Ekponimo mit einer App Nigerias Hungernden hilft

Chowberry operiert bisher nur in den nigerianischen Millionenstädten Abuja und Lagos. Auf lange Sicht glaubt Oscar, dass man sein Konzept auf die ganze Welt übertragen könnte. Erst einmal arbeitet er aber daran, Chowberry landesweit verfügbar zu machen. Die größte Hürde ist dabei die Finanzierung: “Wir sind nur fünf Leute hinter Chowberry. Qualifizierte Mitarbeiter zu finden, ist nicht leicht, weil wir nicht viel zahlen können. Vieles haben wir aus eigener Tasche finanziert oder durch Spenden aus dem Ausland. In Zukunft überlegen wir, Einzelhändler mit einem kleinen Betrag zu belasten, schließlich ersparen wir ihnen, Lebensmittel wegschmeißen zu müssen. Außerdem hoffen wir auf Unterstützung durch die nigerianische Regierung.”

Entmutigen lässt sich Oscar allerdings nicht. Er erzählt stattdessen von Menschen, denen er bereits helfen konnte. Zum Beispiel von einer sechsfachen alleinerziehenden Mutter, die er vor zwei Wochen gemeinsam mit einer Partner-NGO besucht hat. “Sie hat täglich nur umgerechnet einen Euro, um ihre sechs Kinder zu ernähren. Es ist wundervoll zu wissen, dass ich mit Chowberry Menschen wie ihr helfen kann.”

Chowberry: Wie Oscar Ekponimo mit einer App Nigerias Hungernden hilft


Für den 30 Jährigen liegt der Schlüssel zum Erfolg darin, aufmerksam zu sein und Probleme zu erkennen. Zum Abschied sagt er noch: “Sei ein Problemlöser. Schau dich um, es gibt so viele Probleme um dich herum. Erfolgreich sind immer diejenigen, die es schaffen, Probleme zu erkennen und damit anderen Menschen zu helfen.”

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