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Wie ein 60-Kilo-Hund einen verlassenen Kanadier rettet - und zum Superstar wird

Als der Kanadier Colin Campbell völlig unerwartet von seiner Frau verlassen wird, rettet ihn der surfende Neufundländer George aus seiner Depression. Ihre berührende Geschichte erstürmte die Herzen der Amerikaner. Der stern hat die beiden besucht.

Colin Campbell und sein Hund George teilen eine besondere Leidenschaft: das Surfen

Ab ins 9,5 Grad kalte Wasser. Colin Campbell und sein Hund George teilen eine besondere Leidenschaft: das Surfen!

Für George, einen 60 Kilo schweren Neufundländer, der gewisse Ähnlichkeit mit einem schwanzwedelnden Flokati besitzt, ist es der perfekte Strandtag. Die Sonne kommt ab und zu durch die Wolken, das Meer vor der Küste Nova Scotias im Osten Kanadas hat angenehm kühle 9,5 Grad. George flitzt durch den Sand und platscht ins Wasser wie unsereins beim Badeurlaub in der Karibik. Zufrieden liegt er da, während ihn die Wellen umspülen. Dabei beobachtet er sein Herrchen Colin, das sich in einen sechs Millimeter dicken Neopren-Anzug presst.

Als Colin sein Surfbrett schnappt, stürzt sich George in die Wellen. Wie ein schwarz weiß gefleckter Fell-Torpedo schießt er durchs Wasser. Kein Hundepaddeln, eher wie Brust-Stil sieht es aus. Wenn eine Welle kommt, taucht er elegant drunter durch. Neufundländer wurden früher von Fischern eingesetzt, um Netze einzuholen. Sie sind begnadete Wasser-Rettungshunde. Auch George hat schon mal einen Menschen gerettet. Sein Herrchen Colin. Allerdings nicht im Wasser, sondern an Land. Mit seiner großen Hundeseele. Deshalb ist er heute der wohl berühmteste Hund Kanadas. Aber dazu gleich.

George sorgt bei Surf-Wettbewerb für Sensation

Jetzt hat Colin die erste Welle erwischt. George springt hinterher und patscht seine tellergroßen Vorderpfoten auf das Surfbrett, um sich ziehen zu lassen. Als er noch jünger war, wäre er mit allen Vieren aufs Brett gesprungen. Er war ein großartiger Surfer. Einmal gewann er den dritten Preis beim -Surfwettbewerb in Los Angeles; Schwergewichtsklasse, knapp geschlagen von einem Retriever und einer Bulldogge.

Solche Wettkämpfe werden oft in abgehalten, um Geld für Tierheime zu sammeln. Tausende Menschen strömen an den Strand und feuern ihre Lieblinge an. Jeder Hund muss Schwimmweste tragen. Es geht darum wer, innerhalb von zehn Minuten die meisten Wellen erwischt. Kunststücke wie Piruetten geben extra Punkte. Kleine Hunde sind im Vorteil, weil ihre Besitzer sie einfach aufs Brett setzen. Große Hunde wie George müssen freiwillig surfen. Obendrein bringen sie ein Brett viel leichter zum Kentern.

Dass George damals in . gleich mehrere Wellen abritt, war für die Jury eine Sensation. Wenn George sich auf die Hinterbeine stellt, misst er 1,80 Meter. Nie zuvor hatten sie einen Hund seiner Größe gesehen, der sich überhaupt auf einem Surfbrett halten konnte. An diesem Tag vor sieben Jahren begann Georges Ruhm. Denn nach der Siegerehrung musste Colin jedem Georges Geschichte erzählen. Und je mehr Colin redete, desto mehr begriff er, dass es auch seine Geschichte war. Irgendwann sagte einer: "Mensch, schreib doch ein Buch." Und so geschah es.

Buch macht George in Nordamerika zu Superstar

"Ein Pfundskerl namens George" ist diese Woche in Deutschland auf den Markt gekommen. In Kanada und den USA erstürmte es die Bestsellerlisten. Die Amerikaner sind so George-verrückt, dass Colin Campbell mit einem riesigen Bus auf Lesereise war. Auf den Flanken klebten überlebensgroße Bilder von George. Demnächst erscheinen George-Kinderbücher, und das Drehbuch für den Film ist auch schon fertig.

Woher dieser Erfolg? Colin Campbell, 55, sitzt am Strand und krault George den Kopf. Mit seinem graublonden fast schulterlangen Haar wirkt Colin, als würde er das Alter gerne noch ein wenig aufhalten. Er antwortet: "Weil es eine Geschichte voller Wärme und Nähe ist. Eine Geschichte über den Schmerz, wenn man verlassen wird. Über die Depression der Einsamkeit. Und darüber wie man sich daraus befreit."

Sie beginnt an einem bitterkalten Wintertag 2008 in Toronto. Colin Campbell, der damals für eine TV-Produktion arbeitete, kam von einer Geschäftsreise aus New York. Seine Frau Jane holte ihn wie immer vom Flughafen ab. Nichts schien ungewöhnlich. Bis sie ihren Wagen vor dem gemeinsamen Haus stoppte und sagte: "Ich komme nicht mit hinein. Ich bin unglücklich in unserer Ehe."

Colin Campbell legt am Strand von Nova Scotia seinen Arm um George

Gegenseitige Rettung: Auch George hatte ein schweres Schicksal hinter sich, als Colin Campbell ihn aus dem Tierheim holte.

Die Worte trafen Colin wie ein Fausthieb in die Magengrube. Sie kamen ohne Vorwarnung. Ohne dass Jane zuvor auch nur eine Andeutung gemacht hatte. Colin hatte sie geliebt wie er noch nie eine Frau geliebt hatte. Sie kannten sich seit 15 Jahren. Vier Jahre waren sie verheiratet. Als Colin in jener Nacht das Haus betrat, begriff er, dass ihr Schritt sorgfältig geplant war. Jane hatte während er auf Geschäftsreise war jede Spur von sich getilgt. Kein Schuh, kein Mantel, kein Parfüm, keine Hautcreme war mehr da. Obwohl tiefer Winter herrschte, hatte sie sogar ihr Fahrrad mitgenommen.

George lag an Kette und musste hungern

Colin fiel in ein seelisches Loch. Erst redete er mit niemandem darüber. Dann ging er zum Psychologen. Schließlich vertraute er sich seinem Freund Matt an, der ihm riet: "Schaff dir einen Hund an." Erst erklärte Colin ihn für verrückt, aber dann setzte er sich doch vor den Computer und öffnete petfinder.com, eine Art Dating-Seite für verlassene Hunde. So entdeckte er George. Colin sagt, es seinen Georges "traurige, aber hellwache Augen" gewesen, die ihn nicht mehr losgelassen hätten.

Wie sich herausstellte, hatte auch George ein schweres Schicksal hinter sich. Sein Besitzer hatte ihn als Wachhund für seine Farm gekauft, ihn an einer Kette gehalten und hungern lassen, um ihn scharf zu machen. Doch George würde einen Fremden eher zu Tode schmusen und schlabbern als zubeißen. Und so landete er im Tierheim. Weil er schon über ein Jahr alt war, galt er als schwer vermittelbar. Solche Hunde werden oft eingeschläfert.

"George war extrem scheu", erinnert sich Colin. "Er wollte nichtmal fressen, wenn ich in der Nähe war." Wohl aus Angst, Colin könnte ihm den Napf sofort wieder wegnehmen, so wie es sein alter Besitzer immer tat. Colin sagt: "Als ich George aufnahm, glaubte ich, dass ich ihn retten würde. Aber dann hat George das Vertrauen in die Menschen wiedergefunden, und ich habe von ihm gelernt. In Wahrheit hat er mich gerettet."

Colin Campbell ist es gelungen, diese Erfahrung in anrührende Worte zu fassen. Er bekommt unendlich viel Fan-Post von Menschen, die sich ähnlich einsam fühlen wie einst er. Viele Strafgefangene schreiben ihm. Als er mit George auf Lesereise war und im Hochsicherheitsgefängnis Millhaven in Ontario Halt machte, saßen im Publikum Männer, die sein Buch bis zu fünf Mal gelesen hatten.

Colin Campbell muss Zugeständnisse machen

George und Colins Geschichte handelt aber auch davon, dass es viele Kompromisse erfordert, sich auf jemanden einzulassen, den man liebt. Denn einfach ist das Leben mit George nicht. Colins schnittiger Sportwagen war das erste, was er opfern musste. George verschmäht jedes Hundebett und besteht darauf neben seinem Herrchen zu schlafen. Vor allem aber hinterlässt er in seiner Umgebung fast eben soviel Fell, wie er selbst am Körper trägt. Zweimal täglich muss Colin die Wohnung saugen. Jeden Samstag, wenn er George bürstet, trägt er anschließend eine ganze Tüte Hundehaare zum Müll. "Aber bei allem, was ich George zu verdanken habe, ist es die Mühe Tausend Mal wert."

Seine Ex-Frau Jane hat er seit dem Verkauf des gemeinsamen Hauses nicht mehr gesprochen. Ob sie sein Buch gelesen hat, hat er nie erfahren. Auch nicht, warum sie ihn damals ohne Vorwarnung verließ. "Vermutlich, weil auch sie den Menschen nicht vertraut", sagt er. Jane sei in Pflegefamilien großgeworden. Das seien nicht immer die besten Menschen gewesen. "Einfach abhauen, war ihre Art, Probleme zu lösen. Ich nehme ihr nichts mehr übel."

Der Strandtag in Nova Scotia ist zu Ende. Colins großer SUV rollt die Küste entlang, George schläft auf der Rückbank und schnarcht. Colin wirkt glücklich und doch bedrückt. "Bei allem was George und ich jetzt noch gemeinsam erleben, denke ich oft, es könnte das letzte Mal sein", sagt er. George sei zehn, Neufundländer würden selten älter. Wenn George stirbt, will Colin seine Asche vielleicht im Meer verstreuen. Im Radio läuft jetzt ein Song von den Foo Fighters: "Wenn sich doch alles nur für immer anfühlen könnte wie jetzt…" Colin lauscht dem Text. Dann rinnen ihm dicke Tränen über die Wangen.

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