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Interview

Flüchtling redet mit Wutbürgern: "Ich bin der Migrant des Vertrauens"

Lange zuhören und nicht immer gegenhalten. Auch beim Thema Flüchtlinge. Ali Can weiß, wie man mit politisch Verirrten ins Gespräch kommt. Auf seiner Hotline rufen sie täglich an. Wie redet man mit denen, die anders denken?

Interview: Kim Torster

Flüchtlinge: Wie redet man mit denen, die anders denken?

Thema Flüchtlinge: So kommt man mit politisch Verirrten ins Gespräch.

Das erste Mal telefonierte Ali Can letzten Sommer mit einer besorgten Bürgerin. Zuvor hatte er sich bei einer Pegida-Demo mit ihr unterhalten. Jetzt rief sie an, um von einer schönen Begegnung zu erzählen. Sie habe einem Flüchtling den Weg erklärt, er habe sich überschwänglich bei ihr bedankt. Ali merkte, dass er mit dem Gespräch etwas bewirkt hatte, und gründete eine für besorgte Bürger. Jeden Tag rufen etwa drei Leute an.


Ali, bei Dir rufen auch AFD-Anhänger an. Worüber redest Du mit ihnen?

Ihre größte Sorge ist, dass Geflüchtete den Staat viel kosten, aber nichts zurückgeben. Und dass sie an Werten festhalten, die nicht in die deutsche Gesellschaft passen. Einmal in der Woche telefoniere ich aber auch mit einer älteren Dame, die sich ehrenamtlich um Geflüchtete kümmert. Daraus hat sich eine richtige Telefonfreundschaft entwickelt, wir sprechen auch über Kultur und .

Sie engagiert sich für Geflüchtete, ist aber trotzdem eine besorgte Bürgerin?

Ja. Sie ist dort, wo sie arbeitet, mit einigen Problemen konfrontiert. Die pauschalisiert sie und macht sich Sorgen, ob das alles zu schaffen ist. Bevor sie aber alles hinschmeißt und irgendeinem rechten Stammtisch erzählt, wieso man Flüchtlinge nicht integrieren kann, soll sie doch lieber mich anrufen. Bei mir lässt sie alles raus. Ich bin ihr Migrant des Vertrauens (lacht).

Was war Dein bisher schwierigstes Gespräch?

Ein Mann präsentierte mir irgendwelche Zahlen zum Thema Asylobergrenze. Das ist aber so komplex und brisant, dass ich gar nicht so antworten konnte, wie ich wollte. Dem Anrufer hätte ich gerne erzählt, dass ich Ländergrenzen für Konstrukte halte, das wäre in dieser Situation aber nicht angebracht gewesen. Im Nachhinein betrachtet, war dieses Gespräch sehr wichtig, weil der Mann mich zum Nachdenken gebracht hat und ich gelernt habe, dass es manchmal nichts bringt gegenzuhalten.

Und was machst Du stattdessen?

Oft höre ich erst mal nur zu. Wenn mir zum Beispiel jemand erzählt, dass der Islam nicht mit deutschen Werten vereinbar ist, stelle ich Fragen: Was sind deutsche Werte? Was sind islamische Werte? Wenn die wirklich unterschiedlich sind, wie kann man das Problem lösen? Das setzt Denkprozesse in Gang.


Es gibt Anrufer, die beschimpfen Dich als "Dreckskanake". Warum tust Du Dir das an?

Das ist nicht die Mehrheit. Die meisten sagen mir, dass sie mein Angebot gut finden. Ich möchte eine friedliche deutsche Gesellschaft, die sich nicht irgendwann an der Flüchtlingsfrage spaltet. Wenn wir uns nicht um diejenigen kümmern, die skeptisch sind, erschweren wir die Integration. Denn wenn die Geflüchteten alles dafür tun, um hier anzukommen Deutsch lernen, arbeiten , aber das Gefühl haben, dass ihre Nachbarn sie nicht mögen, könnte auch ihr Wille zur Integration leiden.


Sollte ich dann also zu einer PEGIDA-Demo fahren und versuchen, mit diesen Menschen zu sprechen?

Ich selbst habe das oft getan. Ich habe mir sogar einen Monat Auszeit genommen, um auf solchen Veranstaltungen mit Menschen zu sprechen. Das ist aber schwierig, weil die Gruppendynamik einen friedlichen Austausch oft verhindert. Auch wenn du in der U-Bahn Leute ansprichst, die sich verächtlich über Flüchtlinge äußern, werden sie in den Angriffsmodus gehen. Aber man darf daraus nicht schließen, dass sie per se nicht für einen Austausch bereit sind. Man braucht für diese persönlichen Gespräche auf Augenhöhe nur eine ruhige Umgebung, egal ob das in einer Kneipe ist oder am Telefon. Die Situation muss zulassen, dass man sich öffnet. Denn das braucht es für ein ehrliches Gespräch.


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