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Warum wir die Affäre mehr hassen als unseren Partner

Wenn wir betrogen werden, hassen wir die Affäre oft mehr als den Partner, der uns ja eigentlich verletzt hat. Warum ist das so? 

Von Darja Keller

Warum dieser Hass auf Affären?

Warum dieser Hass auf Affären?

Die erste Frau, die ich wirklich gehasst habe, war Larissa. Sie hatte mir meine Teenagerliebe Flo ausgespannt so wollte ich das zumindest sehen. Eigentlich hatte Flo mich einfach verlassen und parallel dazu etwas mit Larissa angefangen. Wir waren auf einem Festival, am ersten Abend sagte er gegen Mitternacht mit einer Bierflasche in der Hand zu mir, für eine Beziehung sei er eigentlich doch noch nicht bereit. Am Montag drauf klickte ich mich schniefend durch seine Facebook-Fotos: Flo und Larissa, wie sie verschlafen in Campingstühlen herumhingen, sich Wasserschlachten vor der Bühne lieferten, Dosenbier auf dem Zeltplatz tranken. Adoleszente Punkromantik, es tat so weh.

Sollten wir uns nicht über die Person ärgern, die uns betrogen hat?

Ich starrte die Frau auf den Fotos an, und ich konnte nichts an ihr leiden. Flo beachtete ich kaum mehr. Klar: Wer betrogen wird, ist erst mal wütend. Und verletzt. Aber sollten wir uns nicht über die Person ärgern, die uns betrogen hat? Hätte ich nicht vor allem ihn verfluchen sollen?

Warum ich es nicht tat, lasse ich mir von einem Therapeuten erklären: „Man ist wütend auf die Affäre, damit das gute Bild vom Partner nicht zusammenbricht“, erläutert der Psychologe Christoph Kröger, der an der TU Braunschweig zu Paaren und Affären forscht. Das finde ich überzeugend, die weitere Analyse bekomme ich alleine hin: Ich will meine Beziehung zu Flo schützen oder wenigstens die Erinnerung daran. Wenn er schon weg ist, soll wenigstens das heilig bleiben, was wir mal hatten. Ich muss mir nicht einmal eingestehen, dass er mich verletzt hat, solange ich Larissa nur genug hasse. Du bist schuld. Bitch.

Etwas beunruhigt war ich, als ich merkte, dass mein Hass auf Larissa mich veränderte. Plötzlich war ich nicht mehr bloß neidisch, sondern frauenfeindlich: Ich praktizierte Slutshaming er wollte es bestimmt gar nicht, sondern sie hat ihn gegen seinen Willen verführt. Außerdem geht die bestimmt mit jedem ins Bett. So lästerte ich in Gedanken vor mich hin. Und erkannte mich selbst nicht mehr. Jahrelang mit Gendertheorien beschäftigt, und dann verfalle ich in solche archaischen Klischees?

Mein Hass auf Larissa bekam eine Eigendynamik. Sie, Flo und ich kommen aus einer kleinen Stadt, man trifft sich immer wieder. In den Monaten nach dem Festival konnte ich mich auf Partys nie entspannen, wenn Larissa auch da war selbst als sie sich schon nicht mehr mit Flo traf.

Ich stand mit meinen Freunden an der Bar, hörte ihnen aber nicht zu, sondern ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich schaute ständig, wo sie gerade war, als müsste ich aufpassen, dass sie nicht noch mehr Schaden in meinem Leben anrichtet. Wenn ich Larissa mit anderen Leuten reden sah, wusste ich selbst nicht mehr, worüber ich reden sollte. Denn ich stellte mir vor, dass ihre Geschichten so viel witziger und zugleich substanzieller waren als alles, was mir jemals hätte einfallen können. Wenn ich ihr auf der Toilette begegnete und sie gerade ihren Lippenstift nachzog, schaute ich zu Boden. Wenn ich Larissa tanzen sah, fühlte ich mich prüde und verklemmt. Sie konnte sich wunderbar bewegen, egal ob sie alleine auf der Tanzfläche stand, egal wie bescheuert die Musik war. Sie konnte Zigaretten drehen und Bierflaschen mit dem Feuerzeug öffnen. Larissa stand für ein Lebensgefühl: Sie schien mir so frei.

Immerhin bin ich in guter Gesellschaft mit meinem bewundernden Hass. Dolly Parton sang schon vor 42 Jahren so schwärmerisch von ihrer Konkurrentin, als ob sie selbst in sie verliebt wäre: „Your smile is like a breath of spring / Your voice is soft like summer rain / And I cannot compete with you, Jolene.“ Den Sidechicks wurden schon viele Songs gewidmet. Carrie Underwood, Lana Del Rey, Taylor Swift und viele andere haben schon über sie gesungen.

I'll kill her

Der Hassdynamik kann man sich schlecht entziehen, auch die Sängerin Soko kennt das. In einem Song malt sie sich aus, wie schön die Zukunft mit einem Typen geworden wäre, wenn er sie gedatet hätte und nicht die andere: wie sie seine Freunde getroffen hätte (sie hätten sie witzig gefunden), wie gut sie sich mit seinen Eltern verstanden hätte (sie hätten sofort um ein paar hübsche Enkelkinder gebeten). Der Song heißt: „I’ll Kill Her“ .

Eine Wahnsinnserkenntnis hatte ich, als ich hörte, dass Soko sich von dem Song später distanzierte. Sie könne sich das Lied kaum mehr anhören, sagte sie. Das heißt: Soko hat die Lösung gefunden. Man muss der Wut ihren Lauf lassen. Die Sängerin hat sich leidenschaftlich selbst bemitleidet, das Gefühl ausgekostet und kreativ genutzt. Bis sie offenbar selbst genug davon hatte.

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