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Von 0 auf 100: Unser Autor rast die Bobbahn runter

Wie verrückt muss man sein, um sich im Winter die Bobbahnen herunterzustürzen? Für unseren Autor gab es nur einen Weg, das herauszufinden.

Mit Geschwindigkeit habe ich es nicht so. Ich bin der Meinung, dass niemand, der auf der Autobahn schneller als 130 fährt, sein Fahrzeug noch wirklich unter Kontrolle hat. Der Spitzenwert auf dem Tacho meines Fahrrads betrug einst vierzig Stundenkilometer, und danach haben mich meine Stresshormone mächtig zusammengeschissen. Mir wurde zudem mal gesagt, es sehe merkwürdig aus, wenn ich sprinte – ich scheine beim Rennen zugleich bremsen zu wollen. In einer Achterbahn zu sitzen, macht mir nichts aus, aber das liegt an einem Trick: Ich tue so, als wäre ich gar nicht da. Dann kriegt mein Gehirn von dem Gerase nichts mit. Und jetzt will ich Bob fahren.

Na ja, wollen. Ich habe es mir in den Kopf gesetzt. Weiß nicht genau, warum. Wohl weil ich mich, wenn ich versehentlich Wintersport im erwische, immer wieder frage, wie man mit so einem Affenzahn den Berg runterstürzen kann. Und was das bloß für Typen sind, die so einen Quatsch machen.

ist 28 Jahre alt, Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr, 102 Kilo auf 1,82 Meter Körper, geboren in Berchtesgaden, und dort treffe ich ihn auch, denn Machata ist ein Weltklassebobfahrer, und in Berchtesgaden liegt seine Heimatbahn. Nette Gegend, viel Schnee, um die Ecke Österreich sowie der von einem Österreicher berühmt gemachte Obersalzberg. Ab dem 15. Februar tritt Machata beim letzten großen Wettkampf der Saison an, dem Weltcup in Sochi. Sein großes Jahr war 2011, da wurde er Weltcupsieger, Europa- und Weltmeister, alles im Viererbob. Mit dem fahre ich heute auch.

Bob fahren darf man erst als Erwachsener

Was ich aus dem Fernsehen schon wusste: Es gibt Zweierbobs, es gibt und es gibt Menschen, die auf dem Bauch und Kopf voran die Bahn herunterjagen (»Skeleton«).

Für mich kam zur Selbsterfahrung nur der Viererbob in Frage, da kommt es nicht so auf mich an (hoffe ich), um mich herum sitzen ja drei Männer, die seit ihrer Kindheit kaum etwas anderes machen. Allerdings erzählt mir Machata jetzt, dass er erst seit gut acht Jahren Bob fahre, da war er neunzehn, mit achtzehn durfte man anfangen. Für Kinder sei das zu gefährlich: Die Gelenke, noch nicht ausgewachsen, nähmen Schaden, weil ein Bobfahrer in den Kurven Kräfte von bis zum Achtfachen der Erdanziehungskraft aushalten muss, dazu kommt das viele Muskeltraining – das ist nötig, weil der wichtigste Teil einer Bobfahrt vor der eigentlichen Fahrt stattfindet, der Anlauf, und für den braucht es Wucht.

Meine Bobfahrt soll am Abend stattfinden, unter Flutlicht. Den Nachmittag verbringe ich damit, Manuel Machata beim Krafttraining zuzusehen. Natürlich ist er stark. Interessanter ist, wie Bobfahrer unter sich so sind: eine feixende Männerrunde. Wenn Machata nicht gerade irgendwas stemmt, wirft er jemandem plötzlich einen Medizinball vor den Bauch (»Fang!«) oder wettet darum, wer hier wohl die schwerste Hantelscheibe mit bloßen Fingern heben kann. Wenn man sich Bäuche und Gläser dazudenkt, ist die Runde im Kraftraum ein bayerischer Stammtisch.

Christoph Langen sitzt auch im Kraftraum, er war früher – neben André Lange – der beste deutsche Bobfahrer, jetzt ist er der Bundestrainer, und er hat Manuel Machata stark gefördert, vor allem wegen dessen Ehrgeiz, wie Langen sagt. Langen hat auch das einzige Buch übers Bobfahren geschrieben, das man auf Deutsch entdecken kann. Darin steht, dass ein englischsprachiger Kurgast – ein Brite oder ein US-Amerikaner – in den 1880er-Jahren in weilte und dort zwei Rodelschlitten unter einem Brett zusammenmontierte: der Urbob. Der Begriff stammt wohl vom englischen Verb »to bob« ab: etwas ruckartig bewegen. Der Mann, der auf dem Urbob hinten saß, war für das Bremsen zuständig. Dafür verfügte er über einen Gartenrechen. 1888 wurde der erste Bobverein der Welt gegründet, der St. Moritz Bobsleigh Club. Die Statuten sahen vor, dass in jedem Bob zwei Frauen sitzen mussten. Dieser Punkt wurde allerdings rasch aufgegeben.

Etwa hundert Jahre nach dem Urbob fuhr Prinz Albert II., Fürst von Monaco, bei großen Turnieren, die Deutschen und die Schweizer sind ganz große Bobnationen, und es gibt manchmal Tote. Ich erinnere mich an die Bilder eines georgischen Rodlers namens Nodar Kumaritaschwili, der bei Olympia 2010 in Vancouver mit 144 Stundenkilometern aus der Bahn flog.

»Sitz aufrecht, sonst kriegst du Bandscheibenprobleme«

Was ich aus dem Fernsehen schon wusste: Es gibt Zweierbobs, es gibt Viererbobs und es gibt Menschen, die auf dem Bauch und Kopf voran die Bahn herunterjagen (»Skeleton«).

Für mich kam zur Selbsterfahrung nur der Viererbob in Frage, da kommt es nicht so auf mich an (hoffe ich), um mich herum sitzen ja drei Männer, die seit ihrer Kindheit kaum etwas anderes machen. Allerdings erzählt mir Machata jetzt, dass er erst seit gut acht Jahren Bob fahre, da war er neunzehn, mit achtzehn durfte man anfangen. Für Kinder sei das zu gefährlich: Die Gelenke, noch nicht ausgewachsen, nähmen Schaden, weil ein Bobfahrer in den Kurven Kräfte von bis zum Achtfachen der Erdanziehungskraft aushalten muss, dazu kommt das viele Muskeltraining – das ist nötig, weil der wichtigste Teil einer Bobfahrt vor der eigentlichen Fahrt stattfindet, der Anlauf, und für den braucht es Wucht.

Es ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem ich wissen will, was ich bei der Fahrt tun sollte und was auf keinen Fall. »Halt dich fest«, sagt Machata. »Sitz aufrecht und angespannt, sonst kriegst du Bandscheibenprobleme im Nacken. Und halt den Kopf oben, während der Fahrt kriegst du ihn nicht mehr nach oben, und dann siehst du nix.« Dann würde ich den Anblick von 1250 Metern Eis verpassen, so lang ist die Berchtesgadener Bobbahn, vierzehn Kurven, darunter ein 360-Grad-Kreisel, der einzige der Welt, 117 Meter Höhenunterschied vom Start bis zum Ziel. Machata zeigt mir den Verlauf der Bahn auf einem Blatt Papier, ich höre kaum zu. Was ich dann doch höre: dass er hier mal 127 Stundenkilometer geschafft hat, und dass wir heute auf etwa 100 kommen werden. Ich denke an die 40 Stundenkilometer auf dem Fahrrad und an meine Angst und nicke vage.

Dann sitze ich im Bob

Ganz vorn im Bob: Machata. Ich sitze an dritter Stelle. Die Position drei, steht in Christoph Langens Buch, ist die wichtigste Position, aerodynamisch betrachtet. Aerodynamisch bin ich einigermaßen, 80 Kilo auf 1,86 Meter. Die Hauptaufgabe von Position drei, schreibt Langen, sei allerdings die Beschleunigung in der Startphase. Muss ich etwa sprinten? Müsste ich im Wettkampf. Muss ich heute nicht. Ich darf sitzen bleiben und es den Männern überlassen, die das können, den Bob anzuschieben. Ich sitze hart, der Boden des Bobs ist ungepolstert. Festhalten: Check. Aufrecht: Check. Kopf oben: Check.

Abfahrt

An vierzehn Kurven kann ich mich nicht erinnern.
Keine Ahnung, wird schon stimmen. Die Minute, die wir fahren, kommt mir vor wie vielleicht zwanzig Sekunden. Eis rauscht, links, rechts, links, rechts. Vor und nach jeder Kurve dotzt mein Helm an die Wand des Bobs. Ich komme mir vor wie in einer Horde besoffener Engländer, die in einer Achterbahn Streit suchen.Mehr weiß ich wirklich nicht mehr.
Es war toll.
Es war schnell.

Und was mich wirklich überrascht: Es war nicht schnell genug. Mit jedem Meter wurde ich geiler auf Geschwindigkeit, wollte die Bahn fressen, noch mehr in die Kurve gedrückt werden, gebt mir 110 Stundenkilometer, gebt mir 150, gebt mir, soviel ihr wollt …
Ich glaube, ich verstehe jetzt das Bobfahren.

Im Taxi nach unten
Wo Ungeübte in einen Bob steigen können.
Berchtesgaden: Eine »Taxifahrt« (eine Mitfahrt bei trainierten Bobfahrern) kostet pro Person und Fahrt 90 Euro; zwischen September und März. Infos: rennbob-taxi.de
Winterberg (Sauerland): 80 Euro pro Person und Fahrt, olympic-bob-race.de
Altenberg (bei Dresden): 71 Euro pro Person und Fahrt, bobbahn-altenberg.de
Innsbruck: 95 Euro pro Person und Fahrt im Rennbob, 30 Euro im langsameren Gästebob, knauseder-event.at

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom 03/13 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. 

Von:

Marc Schürmann