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"Mach doch eine Lehre in der Sparkasse“

Als Kind träumte NEON-Redakteurin Nora Reinhardt davon, beruflich viel stempeln zu können. Dann wurden ihr andere Dinge wichtiger. Nun arbeitete sie eine Woche in der Sparkasse, um der Bankkauffrau in ihr eine Chance zu geben.

Autorin Nora Reinhardt als Bankkauffrau in der Sparkasse

Der Moment, in dem du realisierst, wie viel Geld da eigentlich in der Kasse liegt

Das letzte Mal, dass ich eine Strumpfhose anzog, war vor einem Jahr bei einer Hochzeit. Es muss viel Liebe im Spiel sein, wenn ich das tue. Heute ist so ein Tag, denn es ist mein erster Arbeitstag in der . Und wie es dazu kam, ist beinahe unerklärlich.

Denn es ist schon ziemlich lange her, dass mein Vater und ich an einem Abend, ein halbes Jahr vor meinem Abitur, Tee tranken. Mein Papa war für mich das Google des 20. Jahrhunderts, damals fragte ich ihn: „Was soll ich werden?“ Ich stellte mir ein Design- oder Musikstudium vor. Oder Journalistin werden, nur wie? Wir überlegten gemeinsam, bis mein Vater sagte: „Du könntest doch auch eine bei der Sparkasse machen.“

Dieser Satz war schon damals ein Klischee-Elternsatz, der Wunsch, dass das Kind „etwas Seriöses“ macht, bei dem man „gutes Geld“ verdient

Ich war enttäuscht, bedeutete es doch, dass mein Papa meine Fähigkeiten überhaupt nicht zu kennen schien, und das nach 18 Jahren unter einem Dach. Für mich klang das so absurd, als hätte er einer Mathematikerin geraten, Ballerina zu werden (was ich im Übrigen schon zehn Jahre zuvor verworfen hatte). Eine Banklehre! Meiner Mutter, die gerade nebenan war, gefiel das auch, sie machte die Buchhaltung für unser Geschäft. Mein Vater sagte immer, ich solle meinen Beruf selbst aussuchen, er setzte mich nicht unter Druck, aber allein, dass er die Bank vorschlug, fand ich scheiße.

Autorin Nora Reinhardt in der Sparkasse

Noras Geschenk an ihre Eltern: Sie trägt endlich das, was Mama und Papa unter "anständig" verstehen: keine Turnschuhe, sondern Pumps

Die Bank war was für die mit Leistungskurs Mathe und Wirtschaft, die gern Blusen und Mittelscheitel trugen. Meine Clique spielte in Bands, bedruckte T-Shirts und war in der Schülerzeitung. Ich dachte keine Sekunde darüber nach. Der Tee wurde kalt und ich Journalistin.

Aber nun, gute 15 Jahre später, lande ich dann eben doch noch in einer Sparkasse. Mein Geschenk an meine Eltern ist, dass ich Bankkauffrau werde, immerhin für eine Woche. Das Praktikum war gar nicht leicht zu bekommen, bei einem Onlinetest beantwortete ich, was die Symboltiere der Börse sind, und löste Dutzende Aufgaben von der Sorte, welche Rechenzeichen man einsetzen muss (3? 7? 4 = 6). Nur auf die Frage, wie „Zinsvergleiche anstellen“ für mich klingt, brachte ich es nicht übers Herz, „spannend“ anzukreuzen. Trotzdem landete ich in der , Osterstraße, Filiale 205, um herauszufinden: Wie wäre ich heute, wäre ich Bankkauffrau geworden? Wäre ich so unglücklich, wie ich damals befürchtete? Werde ich scheitern? Am Donnerstag wird mich immerhin der Filialleiter zu sich rufen.

Kurz vor Praktikumsbeginn bin ich so aufgeregt, wie man nur ist, wenn man erwartet, sich gleich zu blamieren

Ich trage etwas, das meine Eltern unter „anständig“ verstehen. Ich stelle mich damit vor, dass ich „ein Plus auf dem Konto“ habe, was alle zum Lachen bringt, danach weist mich eine Kollegin im Stillen darauf hin, dass mein unterster Blusenknopf offen sei. Immerhin, der Kuchen kommt gut an. Ich lerne, was bei einem Überfall zu tun ist (man prägt sich die Schuhe des Täters ein, da er sie auf der Flucht nicht so schnell wechseln kann). Es folgt der Hinweis, ich dürfe keine Kontostände von Promis abfragen. Ich unterschreibe, dass ich so gut wie alles, was mich als Journalistin interessiert hätte, nicht veröffentliche. Dann sagt der Filialleiter Herr Emme noch: „Man muss mit dem Tatortreiniger genauso auf Augenhöhe reden können wie mit dem Professor.“ Ein Satz, den mein Papa, selbst Kaufmann, vor Jahren mal fast genauso gesagt hat, als er mir erklärte, worauf es bei der Arbeit mit Kunden ankomme.

Den Tag verbringe ich mit Svenja am „Welcome Desk“. Als Kind ging ich fast täglich in die Sparkasse, weil meine Mutter regelmäßig Geld einzahlte. Ich mochte die freundlichen Damen, die mir „Knax“-Hefte und Sparschweine schenkten, und einmal wurde am Weltspartag ein Foto von mir auf einen gigantischen 50-DM-Schein aus Pappe gedruckt. Die Sparkasse scheint für viele ebenfalls eine emotionale Heimat zu sein. Ich bin nun eine der netten Damen, das gefällt mir. Ein 90-Jähriger mit Kapitänsmütze hat Schwierigkeiten mit seinem iPad beim Onlinebanking. Sein Passwort sei sein Geburtsjahr, sagt er laut. Eine Dame, die gerade einen Scheck ausfüllt, antwortet, ach, er sehe ja viel jünger aus. Einer möchte wissen, ob sein Ebay-Geld schon da sei, ein anderer die Wireless-Funktion der EC-Karte abschalten. Nach einer Weile kann ich die meisten Fragen beantworten.

Am Ende des ersten Tages bin ich euphorisch

Die Kollegen sind viel weniger neurotisch als manch Medienschaffender, trotz knapper Besetzung extrem hilfsbereit, mit Zahlen hatte ich nur bei Kontonummern zu tun und das Beste: Man kann den ganzen Tag reden! Ich bin verwirrt, ob nun mein Vater oder ich den Beruf völlig falsch eingeschätzt haben. Auch die anderen Aufgaben machen mir Spaß, selbst wie man die Konten Verstorbener abwickelt, interessiert mich. Ich finde nichts wirklich doof. Ich lerne, wieso sich die Aktienkurse nach Großereignissen immer dramatisch verändern und was passiert, wenn man auch noch den Dispo überzieht.

Autorin Nora Reinhardt an der Kasse der Sparkassenfiliale

Eine Woche versuchte NEON-Autorin Nora Reinhardt sich als Bankkauffrau. Gar nicht so schlecht, muss sie zugeben.

An der Kasse zu sitzen ist mein Highlight. Das viele Geld! Das Rattern der Zählmaschine! Die fremden Währungen! Als Kind träumte ich von einem Beruf, bei dem man viel stempeln kann – hier ist er! Ich lerne Kassierer-Tricks wie, dass man die Hände oft eincremt, damit die Scheine besser haften, und dass es „Gammelgeld“ gibt, kaputte Scheine.
Ich begreife zum ersten Mal Altersarmut, als eine Omi 5,78 Euro auf dem Konto hat. Und mich rührt es, als ein gerade volljähriges Paar aus Somalia mit seinem Baby in die Filiale kommt, um ein „Mäusekonto“ für den Sohn zu eröffnen, auf dem es 20 Euro pro Monat sparen will. Geschichten erfahren, verantwortungsvoll damit umgehen, zuhören – ich mache als Journalistin nichts anderes. Ich bin verblüfft.

Klar, kreativ zu sein ist als Bankkauffrau nicht gefragt

Für jede Mail gibt es Textbausteine, auf jede fehlende Passnummer guckt die Revisionsabteilung. Aber es ist ja in meinem Job als Journalistin auch nicht so, dass ich den ganzen Tag mit Stars abhänge und nie Reiseabrechnungen mache. Das Dilemma ist nur: Hätte ich damals die Lehre gemacht, hätte ich sie nicht so zu schätzen gewusst wie jetzt. Wäre ich ein anderer Mensch geworden? Nein, nur in Finanzdingen organisierter.

Am Donnerstag ruft mich der Filialleiter in sein Büro, ich ahne Schlimmes. Aber er sagt, er würde mich einstellen, ich sei offen, kommunikativ und empathisch. Papa! Am Tag darauf bekomme ich zum Abschied einen Strauß, eine Fußball-Spardose und ein versöhnliches Gefühl. Ich würde es natürlich nie zugeben, aber möglicherweise hatte mein Vater ein klitzekleines bisschen einen guten Riecher.

 

 

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