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Die ewige Angst vor Beige

Es spricht nichts dagegen, sich mit Serien zu sedieren, solange man immer wieder mal Ausreißer aus dem Alltag anzettelt. Ein Essay über und gegen ein langweiliges Leben. 

Langeweile? Der Routine des Alltags sollte man ab und zu entkommen

Langeweile? Der Routine des Alltags sollte man ab und zu entkommen

Als ich Anfang 20 war, heiratete ein Bekannter in einem Kongresshotel in der niedersächsischen Tiefebene. Auf dem Büfett war die Sahnesoße längst in die Lachsnudeln gesickert. Der DJ bat alle Single-Ladys auf die Tanzfläche. Um uns herum tanzten alle zu Neunzigerpop. Eine Freundin und ich starrten in unser . Trotz der eigentlich ganz guten Party waren wir niedergeschlagen. Hätte man eine abstoßend normale Hochzeit für eine Vorabendserie gescripted, der graue Saal wäre die perfekte Kulisse gewesen. Ich fragte mich: Sind die jetzt glücklich? Oder haben die gerade unter dem Deckmantel der Glückseligkeit ihr Leben eingetauscht gegen Buchsbaumhecke und Streit mit den Nachbarn?

Sechs Jahre später fühlte ich mich zum ersten Mal selbst so beige, wie ich es dem Ehepaar arroganterweise unterstellt hatte. Auf einer Party unterhielt ich mich zum tausendsten Mal darüber, wie unglaublich schwer es ist, in eine Wohnung zu finden. Ich hatte das Gefühl, dass wir in einer seifigen Wohlfühlblase steckten, immer die ewig gleichen Gespräche über „House of Cards“ und „Game of Thrones“. Den leckeren Italiener. Bulli-Urlaub in Nordspanien. Petersburger Hängung. Schlimm, das mit Trump, Le Pen und AfD. Um eins verabschiedeten sich alle, man müsse früh raus, aber bald wieder, ja? Ich fragte mich: Wann waren wir eigentlich alle so langweilig geworden?


Was mich an dem Abend störte, waren gar nicht die Gespräche selbst. Es ging nicht darum, dass ich nicht über den nächsten Präsidenten oder sprechen wollte. Und auf der Hochzeit war es nicht das „Für immer“, das mich irritierte. Sondern das Erwartbare. Das Kleid, die Tischdekoration, die Playlist, alles hätte ich vorhersagen können. Auf der Party überraschte mich keine einzige Aussage. Wo waren der Streit, die Aufregung, die neuen Gedanken, die ich selbst nicht hatte? Wenn das Script des Lebens schon im Detail feststeht, warum soll man es dann überhaupt noch leben?

Routine macht das Leben zumutbar

Der Abend auf der Party war mein erster Moment der völligen Monotonie. Zum ersten Mal merkte ich: Mein Leben dreht sich gerade im Kreis. Die Langweiligen, das waren nicht die anderen. Das war ich. Ich war Uschi und Dirk aus dem Lied „Dreißigjährige Pärchen“ von , ich war Phil aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich, gefangen in der Routine des Alltags.

Routine ist ja nicht schlimm. Sie macht das Leben erst zumutbar, das bestätigt die Hirnforschung: „Routine vermittelt ein Gefühl der relativen Sicherheit und Freude am Gelingen“, sagt der Neurobiologe Gerhard Roth von der Universität Bremen. Die Monotonie an jenem Partyabend hatte ich eigentlich sogar gewollt. Nach 18 Umzügen war ich kurz zuvor das erste Mal in eine Wohnung mit Balkon gezogen, in der ich plante, erst einmal für immer zu wohnen. Ich wollte die Regale, die seit Jahren im Keller verstaubt waren, endlich an die Wand schrauben. Vielleicht kam dabei die Angst.

Mir erschien plötzlich alles so gesetzt, weil sich in den Monaten zuvor mein Alltag in Endlosschleife wiederholt hatte. 8.30 Uhr aufstehen, Kaffee, Witze am Konferenztisch, nach Hause, joggen, Couch, Kino. Am Freitag Bier trinken. Ich musste mir eingestehen: Am Sonntagabend stellte sich die „Tatort“-Frage: „Pizza oder Nudeln?“ Dann stellte ich wieder den Wecker. Nächste Woche, neue Runde.

Jeder ist irgendwann auch mal Langweiler

„Unser Gehirn trachtet immer danach, alles zu automatisieren und zur Routine zu machen, auch schöne Ereignisse und Gefühle, die dadurch langweilig werden“, sagt . „Damit erkauft es sich Sicherheit und spart Kosten.“ Das wollte ich ja. Und dann wiederum nicht.

Was mich beruhigte: Dieses Gefühl ereilt jeden. Als Band etwa, immer noch das Symbol des aufregenden Lebens, tourt man zwar durch Deutschland. Aber jeden Abend zehn Bier zu trinken, „Hello Mainz/Münster/Minden“ zu rufen und bahnhofsnah im Ibis-Hotel zu schlafen kann auch bleierner Alltag werden. „Jeder ist irgendwann irgendwie ein Langweiler. Weil jeder das mal braucht“, sagt der Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst.

Es geht also nicht darum, dass alles immer aufregend ist. Wichtig sind Ausreißer aus dem Alltag. In allen Religionen und Kulturen gibt es geplante Höhepunkte: Weihnachten, Karneval, Zuckerfest, Holi. Ein Rhythmus von Alltag und Aufregung, von Regel und Ausnahme.

Kleine Ausreißer passieren im Alter immer seltener von allein, man muss sie anzetteln. Nur: Je älter man wird, umso weniger offen ist man für neue Erfahrungen, bestätigen Entwicklungspsychologen. Wer nicht aufpasst, tut irgendwann nur noch Dinge, die er schon mal getan hat.

Was bedeutet uns Zeit?

Wenn wir immer in denselben ausgetrampelten Wegen laufen, abends zu immer derselben Kneipe, nach der Arbeit instinktiv den Fernseher anmachen, jeden Dienstag schwimmen gehen und am Freitag Sex haben, verklumpt das Leben zu einem zähen Brei aus Erfahrungen. Paradoxerweise rast die Zeit dann besonders schnell, wenn man wenig erlebt. Psychologen des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg fragten 499 Teilnehmer zwischen 14 und 94 Jahren, wie schnell die letzten zehn Jahre gefühlt für sie vergangen waren. Für Teenager war diese Zeitspanne langsam verstrichen, für junge Erwachsene schneller, für ältere noch schneller. Wenn man drei Stunden beim Arzt wartet, langweilt man sich ja auch und abends wundert man sich, was man den Tag über gemacht hat. „Ich denke, das Gedächtnis ist entscheidend für die Zeitwahrnehmung: An je mehr Ereignisse wir uns erinnern, desto länger kommt uns eine Zeitspanne vor“, sagte der Leiter der Studie im Interview.

Manchmal hilft es auch, die Monotonie ins Extreme zu steigern. Es klingt verquer, aber gerade die absolute Öde funktioniert manchmal als bester Antrieb. „Die Angst vor der Langeweile ist gewissermaßen die Anschubfinanzierung für all unseren Aktivismus“, sagt der Philosoph Rüdiger Safranski, Autor des Buchs „Zeit". Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“. Es gebe eine Art „Pendelschlag“ zwischen der Angst vor der Leere und einer beschleunigten Zeiterfahrung.

In der NEON-Studie von 2014 gaben etwa 42 Prozent aller Befragten an, wie für sie ein perfekter Samstagabend aussieht: „Ich lese, gucke fern oder surfe im Netz.“ Das klingt nach Planbarkeit, nach siebenminütiger Missionarsstellung mit Licht aus. Alles okay. Aber auch nicht so richtig geil. Gefühle überlassen wir den Protagonisten auf dem Bildschirm, wenn wir uns mit Filmen und Serien sedieren. Das eigene Gemüt köchelt auf Dauergartemperatur. Genau wie in einem guten Film braucht man aber auch in der Realität Herzklopfen, man muss sich überwinden, sich schämen, lernen, staunen. Was gar nicht so schwer umzusetzen ist.

Beige ist gar nicht mal so übel

Der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief denkt in seinem Buch „Ich weiß, ich war’s“ über Faultiere nach, die im Baum abhängen. Er schreibt: „Einmal in der Woche gehen sie zum Kacken runter und unten wartet der Jaguar. Fragt sich: Warum macht das Faultier das? Weil es höflich ist? Weil es denkt, ich gehe lieber runter und mache da mein Häufchen, sonst scheiße ich vielleicht jemandem auf den Kopf? Ich glaube ja eher, das Faultier geht runter, weil es ab und zu dem begegnen muss, was ihm Angst macht, um lebendig zu bleiben.“

Vom letzten Jahr erinnere ich vor allem die Momente, die aufregend, peinlich oder sonst irgendwie anders waren: Im Sommer sangen ein paar Freunde schief und laut in meiner Küche, spielten Gitarre und luden Passanten von der Straße ein. Plötzlich sang Jason, ein Computerspielprogrammierer aus Toronto, auf meinem Sofa den Popsong „Build me up Buttercup“. In Brandenburg an der Havel gingen wir nach einer Hochzeit um fünf Uhr morgens schwimmen und stolperten nur in Unterhosen in das Gasthaus zurück. Im November ruckelte ich im Nachtzug durch Punjab, mein Magen zog sich zusammen, weil ich nicht wusste, was mich am nächsten Tag erwarten würde.

„Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“, sagt die Schriftstellerin Joan Didion. Wir leben aber auch, um uns Geschichten zu erzählen. Seit vier Wochen sitze ich wieder im Büro. Alltag. 8.30 Uhr aufstehen, Kaffee, Witze am Konferenztisch, nach Hause, joggen, Couch, Kino. Am Freitag Bier trinken. Es gefällt mir. Beige ist keine spannende Farbe. Aber als Grundierung für ein buntes Leben funktioniert sie allemal.

Dieser Text ist in der Ausgabe 01/17 von NEON erschienen. Dort finden sich auch 33 Tipps für einen aufregenderen Alltag. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-AppAuf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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