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Mein Englisch is not so good - und das ist really okay

Englische Filme schauen wir NATÜRLICH im Original. Wirklich? Seit unser Autor offen mit seinem Sprachdefizit umgeht, weiß er: alles nur ein Mythos.

Sprachdefizite: Mein Englisch is not so good - und das ist really okay

Englisch, wie ich dich manchmal hasse. Wie ich leide, seit Jahren schon. Und es doch nie gestanden habe. Aber du kannst nichts dafür

Picture Alliance

Lange schrieb ich an der E-Mail, 20 Minuten, vielleicht auch 30, so genau weiß ich das nicht mehr. Nur wenige Zeilen, eine kurze Interviewanfrage, ein Kollege hatte mich gebeten, sie vorzuformulieren. Keine große Sache, eigentlich. Wäre sie nicht auf Englisch. Wäre sie nicht an den Rapper gerichtet. Ein Muttersprachler. Wie ich sie fürchte. Meine persönlichen Endgegner. Wer könnte besser erkennen, wie stumpf, banal, wie falsch meine Sätze klingen?

Als mich der Kollege eine halbe Stunde später fragte, ob ich ihm endlich die paar Zeilen schicken könne, überlegte ich kurz, nie geführte Telefonate für meine Langsamkeit vorzuschieben. Ich wollte mich nicht blamieren. Nicht gedemütigt werden, wie vor mir und Lothar Matthäus, wie Günther Oettinger und Lukas Podolski. Nicht Teil werden dieses inoffiziellen Bunds der Sprachminderbegabten.

Und doch hatte ich das Versteckspiel satt. Ich wollte endlich zugeben, dass es mir schwerfällt, auf Englisch zu schreiben. Dass ich viele Vokabeln nachschlage, dass ich unsicher bei der Grammatik bin. Dass ich nicht weiß, wann man "Dear Mr." und wann man "Hello" schreibt und was überhaupt "Sehr geehrte Damen und Herren" auf Englisch heißt.

Ich outete mich.

Englisch, wie ich dich manchmal hasse

Schon während der Schulzeit gehörte es zum guten Ton, mit schlechten Noten zu prahlen. Ich kenne viele Menschen in meinem Bekanntenkreis, die heute noch offen über ihre Fünf in Mathe sprechen, denn Rechnen, hey, das brauche ich nicht mehr. Oder die immer noch stolz darauf sind, in immer eine Niete gewesen zu sein. Über Englisch reden die wenigsten.

Dabei sagen 65 Prozent aller Erwerbstätigen, dass sie schlecht Englisch sprechen. Das ergab eine Studie der und des Sprachkursanbieters Wall Street English vor wenigen Jahren. Nur zwei Prozent glauben, verhandlungssicher Englisch zu können. Das betrifft, erwartungsgemäß, mehr ältere als jüngere Arbeitnehmer. Doch auch bei den 20- bis 29-Jährigen gab die Hälfte an, mangelhafte Englischkenntnisse zu haben.

Warum fühle ich mich dann so allein?

Englisch, wie ich dich manchmal hasse. Wie ich leide, seit Jahren schon. Und es doch nie gestanden habe. Du kannst nichts dafür, ich weiß das. Du hast immer wieder versucht, eine Beziehung zu mir aufzubauen. In der Schule, jahrelang. Mit Büchern drangst du in mein Leben ein, "The Hound of the Baskervilles", "And Then There Were None", "A Long Way Down". Manchmal schenkten mir Freunde englische Bücher, gut gemeinte Gesten. Sie stehen noch im Regal, ungelesen, bänderweise Vorwürfe. Come on, read me.

Alle lachten, schlugen mit den Fäusten auf den Tisch. Ich verstand kein Wort

Das Problem begann in der 11. Klasse, mit Frau Huber, meiner damaligen Englischlehrerin. Sie heißt eigentlich anders, ich möchte sie nicht bloßstellen, nicht mehr heute, elf Jahre später. Sie war die einzige Lehrerin, die ich wirklich gehasst habe.

Am Anfang des Unterrichts ließ sie uns alle aufstehen. Wir sollten die Hausaufgaben vorlesen. Wer zu schüchtern war und sich nicht von selbst meldete, wer also als Letzter vorlas, der musste die restliche Unterrichtszeit stehen bleiben. Ich saß selten. Nach diesem Schuljahr wählte ich Englisch ab, mein Abitur schrieb ich in Latein.

Oft patzte ich danach in Englisch. Einmal wollte ich in einer Touristeninformation einen Stadtplan besorgen, eine "map" , und fragte: "Do you have a card?" Ein anderes Mal bat ich in einem Elektronikladen so lange um eine "box" , bis der Verkäufer mir zögernd einen Pappkarton reichte. Dabei wollte ich einen Lautsprecher kaufen. Und vor einigen Jahren fragte ich in einer englischen Bäckerei: "How expensive is this?"

Neulich saß ich in Hamburg in einer Kneipe, am Nachbartisch Schotten. Wir kamen ins Gespräch, wir verstanden uns. Bis einer begann, Witze zu erzählen. Auf Englisch. Alle lachten, schlugen mit den Fäusten auf den Tisch, Tränen flossen. Ich konnte nur schmunzeln. Und verstand kein Wort.

Vielleicht wollte ich auch lieber eine neue Sprache lernen, als weiterhin unter dir zu leiden

Mit jedem Fehler entfernte ich mich mehr von dir, Englisch. Zweimal versuchte ich, all das aufzuholen, was ich vorher verpasst hatte. Nach der Schule plante ich ein Jahr im Ausland, oder England. Ich landete in Tansania. Landessprache: Swahili. Während des Studiums machte ich Erasmus in Istanbul. Sicher, mit anderen Ausländern dort redete ich auf Englisch aber unter ihnen waren auch Italiener und Franzosen, die dich noch schlechter beherrschten als ich. Vielleicht wollte ich auch lieber eine neue Sprache lernen, als weiterhin unter dir zu leiden.

Und dann all die Serien, die wir gemeinsam beginnen. Jedes Mal ein Neustart, keimend die Hoffnung: Vielleicht klappt es doch mit uns? "How I Met Your Mother" hielt ich durch. Doch fast immer nervst du mich. Kommst mit Worten daher, die ich noch nie gehört habe. Mit Dialekten, die ich nicht verstehe. Mit Humor, der mir fremd ist. Oft trenne ich mich bereits nach wenigen Minuten, öffne die Spracheinstellungen, wähle Deutsch. Atme durch und entferne mich so immer weiter von dir.

Manchmal überlistest du mich, tauchst ungeplant auf, beinahe hinterhältig. Wenn ich im Kino sitze, in "Dallas Buyers Club", in "Fences", und übersehen habe, dass hinter dem Filmtitel "OV" steht, Originalversion, zwei verhängnisvolle Buchstaben. Deprimiert versuche ich, dir zu folgen, und wanke durch die Dialoge.

Es ist nicht so, dass ich überhaupt kein Englisch kann. Ich lese wissenschaftliche Studien auf Englisch, über Vertical Farming und Global Poverty, führe Interviews mit Professoren vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, telefoniere mit Harvard-Doktoranden. Ich reiste für Recherchen durch Irland und Malta, war in New York und London. Manchmal lese ich den "Economist".

Doch ich mache das, weil ich es machen muss. Weil es mein Beruf ist und meiner Karriere nützt. Genauso, wie ich einmal im Monat ins Fitnessstudio gehe, weil es gut für den Körper ist. Ich hasse es, auf dem Laufrad zu strampeln.

Ich bin nicht allein

Eine Sprache zu lernen ist wie eine Stadt zu erkunden. Geringe Kenntnisse reichen, um sich in Teilen zurechtzufinden. Aber um eine Stadt zu verstehen, die Schleichwege zu kennen, die Geheimplätze, muss man Jahre dort verbringen, immer wieder losziehen. Muss man von Einheimischen lernen. Ich hatte nie Einheimische an meiner Seite. Meine Sätze mögen sinngemäß richtig sein, verständlich, aber auch umständlich, verkopft, überkorrekt. Ich habe die Schleichwege nie kennengelernt.

Seitdem ich offen darüber spreche, merke ich, dass einige meiner Kollegen das gleiche Problem haben. Reporter, die in Indien oder Los Angeles recherchieren, die teils Dutzende Tage im Jahr reisen. Menschen, die im Ausland studiert haben und für die trotzdem jede Mail eine Herausforderung ist.

Neulich reiste ein Freund durch Amerika. Eines Abends, beim Dinner, wurde er gefragt, ob er gerne ins Theater gehe. Er nickte und sagte: Ja, er möge Fetakäse auch sehr gerne. Eine Freundin gestand mir, dass sie niemals auf Englisch telefoniert, solange andere Menschen im Raum seien.

Mich beruhigt das.

Ich glaube, viele Menschen schämen sich, Englisch zu sprechen, weil es nicht perfekt klingt. Dabei sprechen die meisten Menschen auf der Welt kein oder wirklich schlechtes Englisch. Bei einer Umfrage, die die Englischkenntnisse von 72 Ländern weltweit testete, kam Deutschland im vergangenen Jahr auf Platz neun. Lag hinter Dänemark, Schweden, Norwegen, natürlich. Aber vor der Schweiz, vor Belgien, vor Indien und Japan.

Nun habe ich eine Taktik: nützliche Floskeln in einem Ordner abspeichern

Inzwischen habe ich mir eine Taktik angewöhnt: Kriege ich Mails von Muttersprachlern, in denen einige nützliche Floskeln sind, speichere ich sie in einem Extraordner ab. Ich habe ihn "Sprachhilfe" genannt. Kommt die Zeit, dass ich wieder eine Interviewanfrage auf Englisch schreiben muss, klicke ich mich durch dieses Best-of und kopiere mir die Sätze zusammen, Schnipsel für Schnipsel, eine Collage der schönsten Phrasen.

"Hey Folks."

"I never heard back from you on this."

"Just a quick follow-up regarding my mail from last week."

"Sorry not to be of help."

Lauter Schleichwege, die mich hoffentlich schneller ans Ziel bringen. Kleine Sätze, die eine Mail etwas lockerer klingen lassen, etwas persönlicher, professioneller. Sie geben mir das Gefühl, mein Gesprächspartner nimmt mich ernster. Wie bei einem Bewerbungsgespräch, wenn ich ein Sakko trage, um seriöser rüberzukommen.

Aber vielleicht sehe ich das auch alles zu verbissen mit uns, Englisch. Vielleicht muss ich lockerer werden. Neulich wurde eine Kollegin zu einem britischen Radiosender eingeladen. Normalerweise machen wir uns immer über ihr Englisch lustig. Ihre Aussprache klingt wie die Parodie eines Deutschen, der sich an Englisch ausprobiert. Ihr "th" fehlt.

Bei dem Sender saß sie in der Morningshow. Sie unterhielt sich mit dem Moderator, Hörer riefen an, freuten sich über den Gast, grüßten sie. Noch Wochen später wünschten sich Menschen Lieder für meine Kollegin. Sie hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Niemand hatte sich an ihrem Englisch gestört.



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