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"Woody Allen sagte mir, ich sei einschläfernd"

Ewan McGregor darüber, wie man einen guten Film dreht, welche Regisseure seine Vorbilder sind – und welche ganz sicher nicht.

war schon ziemlich viel: der Typ, der in „Trainspotting“ im Klo verschwindet, Obi-Wan Kenobi, und nun ist er der überforderte Vater in „Amerikanisches Idyll“. Mit diesem Film bekam er noch eine neue Rolle dazu: die des Regisseurs.


Du hast gerade zum ersten Mal bei einem Film Regie geführt. Und das gleich bei einem Blockbuster, Unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Bei einem Film, der auf einem geradezu unverfilmbaren pulitzerpreisgekrönten Buch basiert. In dem du auch noch die Hauptrolle spielst. Hätte man sich auch einfacher machen können, oder?

Das stimmt. Ich hatte dafür gute Rahmenbedingungen. Es fühlt sich an, als hätte ich mein Debüt übersprungen und gleich mit meinem zweiten Film angefangen. Für „Amerikanisches Idyll“ hatte ich ein gutes Budget, fantastische Schauspieler und 35 Tage Zeit, was ganz gut ist. Jetzt will ich noch mal Regie führen, aber dann komplett anders. Ich denke, ich sollte jetzt nachträglich noch meinen ersten Film machen: mit wenig Drehzeit, nur einer Million Dollar Budget und einem Haufen junger Menschen. Zeitgenössisch, urban. Die Filmemacher, die ich bewundere, tanzen von einem Genre zum anderen – ihr Stil ist erkennbar, aber die Geschichte gibt ihnen vor, wie der Film aussehen soll.

Spätestens seit du Obi-Wan Kenobi gespielt hast, kennt dich jeder auf dem Planeten. Wie hast du es geschafft, den Druck nicht zu groß werden zu lassen?

Ich habe mich gut auf „Amerikanisches Idyll“ vorbereitet, sodass am Set keine großen Entscheidungen mehr zu treffen waren, weder vor noch hinter der . Es hat sich gar nicht so angefühlt, als sei ich mal Regisseur und mal Schauspieler. Beides kam aus einem Guss.

Du hast in Interviews schon oft gesagt, du würdest gerne mal Regie führen. Dann kam die Chance recht plötzlich, als ein halbes Jahr vor Drehbeginn der vorgesehene Regisseur absprang. Wie war das?

Ich hatte ja jahrelang davon geträumt, als Regisseur das Zentrum des kreativen Austausches zu sein. Und es war wirklich toll. Ich hab es geliebt!

Zum Glück hattest Du ja über 20 Jahre Zeit, dir die besten Kniffe von Weltregisseuren abzugucken. Du hast mit Tim Burton,  Polański, Danny Boyle und George Lucas gedreht. Was hast du von wem gelernt?

Danny Boyle war mein erster bedeutender Regisseur, und er hat die Latte wirklich hoch gelegt, vor allem, was die Beziehung zwischen Schauspieler und Regisseur angeht. Er ist ein Meister darin, eine besondere Atmosphäre am Set zu kreieren. Er ist sehr zugänglich und holt das Beste aus den Schauspielern raus. Ich habe nie erlebt, dass ihm der Geduldsfaden gerissen ist oder er auf jemanden sauer wurde. Er sieht und fühlt, was man als Schauspieler ausprobiert, und ermutigt einen dazu weiterzumachen. Es ist nicht richtig, Lieblinge zu haben … aber er ist mein Lieblingsregisseur!

Und wie arbeiten die anderen? Zum Beispiel Woody Allen?

Wenn man eine Anmerkung von einem Regisseur bekommt und man den Eindruck hat, dass er gar nicht weiß, was man macht, ist das sehr enttäuschend. Und es ist schwierig, wenn das, was der Schauspieler macht, nicht das ist, worauf der Regisseur aus ist. So ging es mir mit Woody Allen. Er ist total anders als Danny Boyle. Bei Woody sind die meisten Filme eine Totale, die Kamera bewegt sich kaum, und wenn sie sich bewegt, dann ist es sehr oft nur ein Einzelbild. Als Schauspieler kommst du rein und gehst raus und kommst wieder rein … und dann ist die Szene vorbei. Wenn ich was anders machen wollte, hat er gesagt: „Okay, lass uns noch einen Take so machen, wie du willst, wenn das dein Bauchgefühl ist.“ Manchmal merke er dann im Schneideraum, dass der Instinkt des anderen richtig war.

Auch ein bisschen arrogant, oder?

Völlig. Weil es einem nahelegt, dass es vermutlich nicht so kommen wird. Und dann lässt Woody dich zwei Takes so spielen, wie du es möchtest, und dann sagt er doch zu jeder Textzeile was. Man hört oft über seine Arbeitsweise, er gebe keine Anweisungen. Aber ich hatte das Gefühl, er hat mich die ganze Zeit gelenkt. Er hat mir zwar nicht Zeile für Zeile gesagt, welche Tonlage und Lautstärke ich verwenden und welche Wörter ich betonen soll, aber er ist schon mit mir den gesamten Text durchgegangen und hat mir seine Gedanken dazu gesagt. Beim Drehen von „Cassandras Traum“ hat er sogar mal zu mir gesagt: „Lass uns die Szene noch mal machen. Ich höre förmlich jeden Kinostuhl hochklappen.“

Nein! Das glaube ich jetzt nicht.

Doch, er hat gesagt: „Du schläferst das Publikum ein. Wir machen die Szene noch mal.“

Sind Frauen da vielleicht einfühlsamer? Du hast mit Pat Murphy und Mira Nair zusammengearbeitet, zwei der wenigen weiblichen Regisseure.

Das kann ich nicht beantworten, dazu habe ich mit zu wenigen Regisseurinnen gearbeitet.

Schade eigentlich, oder?

Ich denke, Regisseurinnen sind im Nachteil an einem Filmset, weil es immer noch eine männerdominierte Welt ist. Sie müssen sich mehr beweisen, und das ist eine Schande. Am ersten Tag des Drehs müssen sie zeigen, was sie draufhaben, denn alle checken sie erst mal ab: „Oh yeah, what have you got?“

Der Film „Amerikanisches Idyll“ basiert auf einem Roman von Philip Roth. Hast du dir die Roth-Romanverfilmungen wie „Zum Teufel mit der Unschuld“ und „der letzte Akt“ zur Vorbereitung angesehen? Oder hast du dir gedacht, scheiss drauf, ich mach das auf meine Art? 

Die Roth-Filme hab ich witzigerweise wirklich nicht geschaut. Ehrlich gesagt habe ich nicht mal den Roman gelesen, solange ich nur als Darsteller vorgesehen war, sondern nur das Drehbuch. Als ich erfuhr, dass ich der Regisseur werde, habe ich mich in den Roman hineingewühlt. Ich habe ihn jeden Tag gelesen. Es gibt auch eine tolle Aufnahme von dem Schauspieler Ron Silver, die hab ich im Auto gehört, beim Laufen …

Du bist vermutlich der einzige Mensch, der zu „Amerikanisches Idyll“ gejoggt ist.

Glaube ich auch. Ich hab den Roman neun Monate aufgesaugt und mich dann darauf verlassen, dass ich ihn verstanden habe. Sechs Wochen bevor wir loslegten, hab ich ihn zur Seite gelegt und gedacht, jetzt hab ich alles, was ich brauche, um den Film zu machen.

Wie habt ihr dann die Szenen erarbeitet?

Mein Kameramann und ich haben sie uns konkret vorgestellt und die Kameraeinstellungen und Bewegungen mit Pfeilen auf ein Whiteboard gemalt. Wir haben das immer die „Whiteboard Days“ genannt.

Was muss man bedenken, wenn man jahrzehntelang Schauspieler war und plötzlich der Regisseur ist?

Ich habe rund 25 Jahre damit verbracht, auf die Kamera hin zu denken. Jetzt musste ich lernen, auf den Schauspieler hin zu denken. Wenn Dakota Fanning und ich in einer Szene gespielt haben, dann haben wir die Tür geschlossen, und nur wir beide waren im Raum und haben die Szene besprochen. So machen das auch Danny Boyle und ein paar andere Regisseure: Man probt und erlaubt den Schauspielern, die Szene zu finden. Dann erst hab ich meinen Kameramann Martin Ruhe und die Crew dazugerufen und gesagt, wie wir die Szene angehen wollen. Ich hab den Schauspielern nicht vorgeschrieben, wie sie zu spielen haben, das ist die schlechteste Art, Regie zu führen. Wir haben es zusammen erarbeitet.

Was wurde im Schnittraum weggeworfen?

Schon ein paar Szenen. Es gab da eine Szene, an die ich nicht hundertprozentig geglaubt habe, als wir sie gedreht haben. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie an der falschen Stelle steht und ein bisschen wiederholend ist.

Worum ging es darin?

Das sage ich nicht, das wäre dem Schauspieler gegenüber nicht fair. Ich erzähle das nur, weil es mir eine Lektion erteilt hat: Man darf nicht davon ausgehen, dass sich etwas schon von allein am Set regeln wird. Wenn man schon vorher ein Problem sieht, muss man es auch vorher in Angriff nehmen.

Im Film ist eine der zentralen Fragen, wieso deine Filmtochter Merry Levov (Dakota Fanning) so abdriftet. Es ist eine bis heute ungelöste frage, wie viel von der Genetik und wie viel von der Prägung abhängt – die Antworten reichen von 80:20 bis 50:50. Durch die Arbeit und deine persönliche Erfahrung: was würdest du tippen?

Auf eine Prozentzahl kann ich mich da nicht festlegen, aber sicherlich spielt beides eine Rolle. Ich habe das selbst beobachtet. Ich habe vier Töchter, und sie sind alle vollkommen einzigartig. Vom Moment ihrer Geburt an haben sie einen Charakter – aber wie sie aufgezogen werden, darf man auch nicht vernachlässigen. Nicht einfach. Herr Roth fächert im Roman so viele Gründe für das Ungeheuerliche auf, das passiert. Ich denke, am Ende ist seine Aussage, dass keiner der Ansätze erklärt, warum die Tochter sich so entwickelt. Es ist einfach, wie es ist. Leben ist Leben. Und unsere Kinder machen, was sie machen.

 

 

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