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»Die Liebe ist eine Schnulze«

Manchmal nervt Journalismus. Dann zum Beispiel, wenn er von sich erwartet, nicht andauernd das Gleiche zu senden, sich nicht ständig zu wiederholen. Deshalb war da immer wieder diese angestrengte Stille in den NEON-Konferenzen, wenn es um die Frage ging, wen man zum Thema Leben, Lieben, Alltag am besten interviewen sollte. Roger Willemsen? Hatten wir doch neulich erst. Ja, dachte man dann, schon klar. Aber was heißt denn das?

Roger Willemsen, Publizist, Moderator und einer der wenigen im besten Sinne Intellektuellen dieses Landes, war nicht nur feingeistig, eloquent, witzig und schnell. Er war vor allem ein Mensch, der die Menschen mochte, und mit dem man deshalb gerne über sie redete.

Roger Willemsen, mit dem wir am liebsten immer wieder über alles, vor allem aber über die Liebe gesprochen hätten, ist am Sonntag im Alter von 60 Jahren gestorben.

Herr Willemsen, sind Sie gerade verliebt?
Es ist gar nicht lange her, da dachte ich, dass ich das mit der Liebe nun hinter mir habe. Jetzt bin ich aber doch plötzlich wieder in einem aufgeregten Zustand.

Was ist das eigentlich für ein seltsames Gefühl: die Liebe?
Verliebte Menschen imitieren nur ein Ideal, das sie irgendwo aufgeschnappt haben. Der französische Philosoph La Rochefoucauld hat mal gesagt: »Es gibt Leute, die nie verliebt gewesen wären, wenn sie nicht von der Liebe hätten sprechen hören.« Und so ist es auch vierhundert Jahre später. All die Texte und Bilder, die Reklamen und Collagen, die uns umgeben, erzeugen ein Über-Ich der Liebe, das uns zwingt, zu denken: Ich will auch im Kornfeld sitzen, mir Rama aufs Brot streichen und meine Frau lieben!

Das ist mir zu brav. Kann man aus diesem Rama-Muster nicht irgendwie ausbrechen?
Man sollte sich auf jeden Fall klarmachen, dass es etwas anderes ist, einem künstlichen Bild nachzueifern, als Liebe genuin zu empfinden und in ihr eine eigene Persönlichkeit zu werden.

Die Industrie redet uns ein, dass wir selbst schuld sind, wenn unsere persönliche »Romantic Comedy« kein Happy End hat. Es gibt unzählige Anbieter, die sich auf das effiziente Verkuppeln spezialisiert haben und sagen: »Du musst dich entscheiden.« Aktive Partnerwahl, heißt das.
So ein Quatsch! Schon die Frage »Wähle ich oder lasse ich mich wählen?« stellt sich in der Ursituation der Liebe doch überhaupt nicht. Es geht um Spontanität, Flüchtigkeit, Ergriffenheit. Die Liebe entwickelt sich in einem vagen Raum da haben bewusste Entscheidungen nichts zu suchen. Die Nutzer von Dating-Plattformen meinen im Grunde doch: »Erspare mir all die, die nicht in mein Raster passen.« So wird die Liebe synthetisch.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten keine Lust, an Beziehungen zu arbeiten.
Ich glaube tatsächlich daran, dass sich die sprichwörtliche große Liebe von Anfang an alles einverleibt. Liebende entwickeln eine Allmachtsfantasie und sagen: Wir zwei bilden eine Welt und diese Welt ist uns genug. Das hat in der Tat mit Logik nichts zu tun. Deshalb habe ich mit dem Begriff der Beziehungsarbeit auch so ein großes Problem. Wenn ich in einer Beziehung die Liebe immer wieder aufs Neue erklären muss, dann habe ich doch ein Gefühl, als gäbe ich in einem Restaurant eine Bestellung auf.

Der französische Autor Frédéric Beigbeder hat mal über die Halbwertszeit der Liebe geschrieben: erstes Jahr Leidenschaft, zweites Jahr Zärtlichkeit, drittes Jahr Langeweile.
Stimmt, meine Bruchstelle lag auch immer bei zweieinhalb Jahren. Irgendetwas scheint sich nach diesem Zeitraum zu erschöpfen. Vielleicht das gemeinsame Wachstum. An diesem Punkt muss die Beziehung dann in einen anderen Zustand übergehen meistens wird sie fleischloser, stiller, souveräner.

Hört man immer und denkt sich: Diesen Zustand dann gerne ohne mich! Dabei ist jedes verliebte Paar am Anfang arrogant genug, um zu sagen: Bei uns läuft das ganz anders.
Sonst geht es vermutlich auch nicht. Und ich glaube ja daran, dass die wirklich große Liebe auch ohne diese Transformation ablaufen kann.

Sollte man sich also trennen, wenn der erste Zauber leider verflogen ist und weiter nach der großen Liebe suchen?
Natürlich. Tut man das nicht, würde das bedeuten, dass man nur aus Angst zusammenbleibt; weil man nicht alleine sein will, weil der Blick auf sich selbst recht unbarmherzig sein kann, wenn man sich nicht in den liebenden Augen eines anderen spiegelt.

Ist man nicht erst bereit für eine neue Beziehung, wenn man die Begegnung mit sich selbst übersteht?
Ja, das denke ich schon. Aus diesem Zustand heraus kann man mit einer anderen Souveränität lieben als derjenige, der nur bedürftig ist.

Aber eigentlich hat man vor jedem Neustart doch Angst, dass es wieder schiefgeht. Wie gehen Sie damit um?
Alterssouveränität. Ich versuche mittlerweile, meine Beziehungen nicht mehr so zu überladen, dass sie am Ende meine ganze Existenz infrage stellen.

Ist das aber nicht immer der Fall?
In einer frühen Phase der Verliebtheit muss das natürlich so sein. Später kann man sich ein wenig beruhigen. Ich finde diese Haltung in meinem Alter auch irgendwie hysterisch.

Liebe ist für Außenstehende aber immer auch ein bisschen peinlich.
Liebe ist total peinlich! Diese Herzchenmalerei, die Empfänglichkeit für den Kitsch. Das ist nur auszuhalten, wenn die zwei Menschen aus ihrer Beseeltheit heraus etwas hervorbringen, das die Welt sonst nicht anbietet.

Was raten Sie den Singles?
Zuallererst: Nicht nur auf den Bildschirm gucken. Man muss auf die Außenwelt reagieren können. Das geht nicht, wenn man permanent in ein Gerät glotzt. Und es braucht einen größeren Wagemut des Sprechens. Viele müssten nur ihre Sprache ändern. Zum Beispiel: Fragen stellen, die persönlich sind, die gezieltes Interesse am anderen zeigen. Man sollte keine Angst haben, Unsinn zu reden.

Das ist vielleicht sogar ein gutes Zeichen.
Die Liebe ist eine Schnulze und macht die Dinge schlicht. Denken Sie an DJ Ötzi: »Ein Stern, der deinen Namen trägt«. Der Song beruht vermutlich auf einem wahrhaften Moment. Der Sänger lag in einem Bett, drehte sich um und blickte in ein Gesicht, das von blondem Haar halb verdeckt war um die Schönheit dieses Augenblicks zu beschreiben, muss er das Universum und seine Himmelskörper bemühen. Das ist, vom Sound mal abgesehen, absolut richtig.

Foto: Martin Leissl / laif


Dieser Text ist in der Ausgabe 12/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für Apple & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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