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»Sex & Pornografie haben schon immer technische Innovationen gefördert«

Interview: Teresa Fries

Im Film »Her« verliebt sich die Hauptfigur, gespielt von Joaquin Phoenix, in ein Computersystem. Technik und Erotik – wie gut passt das in der Realität zusammen? Sehr gut, sagt Johannes Grenzfurthner. Der 38-jährige Künstler aus Österreich ist der Kurator der jährlichen Sex-und-Technik–Konferenz »Arse Elektronika«.

Es ist eine Behauptung, die im Internet immer wieder diskutiert wird: Die VHS-Kassette haben wir nur der Pornoindustrie zu verdanken. Ist das nur eine Nerd-Legende oder Tatsache?
Genau das habe ich mich vor sieben Jahren auch gefragt. Es heißt ja, die VHS-Kassette hat sich gegen technisch bessere Produkte durchgesetzt, weil – so eine der Geschichten – deren Hersteller angeblich den Pornomarkt boykottierten. Ich wollte unbedingt wissen, ob an dieser Geschichte etwas dran ist oder nicht. Aus dieser Frage heraus entstand 2007 unsere erste Sex-und-Technik-Konferenz in San Francisco: »Arse Elektronika«. Das Thema war »Pornovation«.

Und was war die Antwort?
Ja, natürlich. Die Pornoindustrie hat unter anderem wegen der geringen Lizenzgebühren auf VHS gesetzt. Konsumenten – damals hauptsächlich männlich – haben verstärkt VHS-Player gekauft. Die anderen Videoformate gingen ein. Sex und Pornografie haben schon immer technische Innovationen bedingt und gefördert. Umgekehrt natürlich auch.

Wenn das so ist, muss es dafür noch andere Beispiele geben.
Klar, das geht zurück bis zu Gutenbergs Druckerpresse.

Wollen Sie sagen, Gutenberg wollte nur seine schmutzigen Gedanken verbreiten?
Die Bibel ist schon sehr kinky, an manchen Stellen. Aber vom Content jetzt mal abgesehen: Es gibt da eine Gutenberg-Bibel, und was ist da am Buchrücken? Ein halbnackte Dame. Das ist natürlich ein religiöses Motiv, aber in jedem Fall wurden schon kurz nach der Erfindung der Druckerpresse damit Sammlungen von pornografischen Bildern oder anzüglichen Gedichten verbreitet.

Wie ging es in der Geschichte weiter?
Die Sofortbildkamera von Polaroid wurde zum Beispiel als »Swinger« vermarktet. Klar, es waren die Swinging Sixties, aber es war auch eine deutliche sexuelle Anspielung. Es gab eben Fotos – von den Freundinnen in Lingerie oder der Frau, die sich auf dem Bett räkelte –, die man nicht von fremden Menschen entwickeln lassen wollte. Manche Forscher sehen das als Beginn der Ära der Do-It-Yourself-Pornografie.

Wie sieht es mit der Technologie aus, die wir heute noch benutzen?
Für das Telefon hat sich in den 80ern das Mehrfrequenzwahlverfahren gegen die Wählscheibe vor allem in den USA so schnell durchgesetzt, weil es eine extreme Nachfrage nach Sexhotlines gab. Das funktionierte aber auf analogen Systemen nur bedingt, deswegen gab es Druck von Seiten der Konsumenten, das digitale Tone-Dial-System einzuführen. Ähnlich war es dann in den 1990ern mit dem schnellen Breitbandinternet. Das hat eigentlich noch keiner gebraucht, für die geringen Angebote und ein wenig E-Mail, außer man wollte Bilder und Videos herunterladen. Und welche Art von Bildern war das meistens? Klar, Pornografie. Auch an allem, was wir heute an Videotelefonie und Videochats benutzen, Skype zum Beispiel, hatten die Unternehmer der Pornoindustrie ein großes Interesse. Teilweise liegen die Patentrechte heute noch bei ihnen.

Es steckt aber doch nicht zwingend hinter jeder Entwicklung von Anfang an der Sexgedanke?
Ich glaube nicht, dass Sergey Brin, der Mann hinter Google Glass, unbedingt Gonzoporn machen wollte, nein.

Und trotzdem: Die App, mit der man beim Sex live sehen kann, was der Partner sieht – also sich selbst –, hatte es schon gegeben, bevor die Brille offiziell auf dem Markt war. Warum suchen wir bei jeder neuen Erfindung sofort nach einem Weg, sie für Sex zu nutzen? Sind wir so triebgesteuert?
Es gibt zwei fundamentale Dinge, die auf die menschliche Spezies zutreffen: Wir haben Sex und wir benutzen Werkzeug. Dadurch ist das Menschsein definiert. Diese beiden Dinge waren nie getrennt und werden es nie sein. Triebgesteuert ist vielleicht das falsche Wort, aber wir sind in jedem Fall sexuell motivierte Wesen.

Mit der »Arse Elektronika« widmen Sie dieser Tatsache jedes Jahr eine ganze Konferenz. Was genau muss man sich darunter vorstellen?
Der Fokus liegt immer auf Sex und Technik, aber es gibt jedes Jahr ein anderes Thema. Zu diesem laden wir dann Experten aus der ganzen Welt an: Technikerinnen und Techniker, Historikerinnen und Historiker, Philosophinnen und Philosophen, Menschen aus der Pornoindustrie.

Welche Rolle spielt Technik in Ihrem Sexleben?
Die hat schon immer eine Rolle gespielt, aber jetzt vermehrt natürlich, weil ich großartigerweise den Zugang zu all diesen Sachen habe. Die Leute kommen ja zu mir und sagen: Hey, ich hab das dieses coole Ding, willst du das nicht auch mal testen? Klar, einiges funktioniert nicht, weil ich eben ein Mann bin, aber wie ich immer sage: The great gender unifier is your asshole.

Haben Sie dabei eine Erfahrung gemacht, die Sie besonders nachhaltig beeindruckt hat?
Es gibt den großen Bereich der Elektrostimulation. Das ist eigentlich schon ein ganz altes Feld. Ab dem Moment, wo es Elektrizität gab, hat der Mensch sie an seinen Körper angeschlossen und geschaut, ob er das gut findet oder nicht und wie es ist, sich 24 Stunden Niedrigspannung durch die Vorhaut zu jagen. Mit Elektrostimulation habe ich experimentiert, und da waren Sachen dabei – ich dachte vorher nicht, dass ich das mal fühlen würde.

Werden wir bald lieber mit Maschinen schlafen als mit Menschen, weil der Sex einfach besser ist?
Ich glaube, nicht wirklich. Es erweitert unsere Möglichkeiten, zerstört aber keine. Nur weil wir Internet-Chats haben, bedeutet das ja nicht, dass wir plötzlich nicht mehr ohne Internet-Chats sprechen können. Aber es gibt schon einen ästhetischen und praktischen Unterschied, ob ich mit einer Maschine masturbiere oder mit einem Menschen Sex habe. Sex hat ja auch einen biologischen Grund und einen sozialen Zweck. Und ist eine hart umkämpfe Arena der diversesten Kulturkämpfe.

Aber Sex zu bekommen, ist auch anstrengend.
Das stimmt schon. Es gibt Menschen, die das total nervig finden. Für die ist alles tausendmal besser, als jemanden aufreißen zu müssen. Und wenn der technische Sex für diese Person wirklich besser ist, kann es schon zu einer echten Alternative werden.

Seit Kurzem läuft der Kinofilm »Her«, in dem sich Joaquin Phoenix in ein Computersystem verliebt. Ist das die Zukunft? Was passiert, wenn auf der andere Seite kein Mensch mehr ist, sondern eine künstliche Intelligenz, die noch viel besser weiß, was wir wollen, weil wir sie programmieren können? Werden wir dann füreinander überflüssig?
Ich wäre da nicht so technikpessimistisch. Menschen projizieren Gefühle schon immer auf die verschiedensten Dinge. Sie führen mit ihren Tieren Beziehungen, die weit über die hinausgehen, die sie mit anderen Menschen haben. Meine Mutter und ihr Hund zum Beispiel! Was sich da an Kommunikation abgespielt und was meine Mutter auf diesen Hund projiziert hat, der rein biologisch zu alledem gar nicht fähig war! Ein Hund springt an uns hoch und reißt das Maul auf, wenn wir nach Hause kommen. Das ist Evolution: Er wurde vom Rudel zurückgelassen und möchte nun etwas von der Jagdbeute abhaben. Und die Menschen denken, er freut sich so, und füttern ihn zur Belohnung. Ein wunderbares Feld für Missverständnisse, aber wir fühlen uns gut dabei.

Und Sie glauben, zu unseren Computern werden wir eine Beziehung wie zu unseren Haustieren haben?
Was ich jetzt schon für Schreikrämpfe mit meinem Computer habe, das ist eine emotionale Beziehung zu dem Kasterl. An dem Punkt, an dem ein Computer Reaktionen abliefern kann, die nicht mehr programmiert oder willkürlich wirken, wird der Menschen alles Mögliche hineininterpretieren – so wie meine Mutter das mit ihrem Hund getan hat.

Und das soll uns keine Sorgen machen?
Es ist einfach nichts Neues. Sexualität ist so ein breites Spektrum, dazu gehört auch die Objektsexualität. Es gibt Leute, die haben den Eiffelturm geheiratet. Aber wenn das für sie eine emotional wichtige Sache ist, sollen sie das tun und in zwanzig Jahren vielleicht auch Roboter heiraten oder sich in ihr Betriebssystem verlieben. Verbieten kann man es ohnehin nicht. Es ist eine Entwicklung, die man gar nicht unter richtig oder falsch einordnen muss.

Foto: Daniel Gebhart de Koekkoek

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