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Der halbe Traumberuf

Wir wollen im Job etwas Sinnvolles tun aber bitte mit ausreichend Freizeit! Diese Unentschlossenheit könnte uns eine einmalige Chance kosten.

Eine Illustration von Volker Straeter zum Thema: Der halbe Traumberuf

Was können wir von unserem Job erwarten? Was ist ein Traumberuf?

Illustrationen: Volker Straeter

Was für eine seltsame Prozession das doch eigentlich ist, die da jeden Morgen zwischen 7 und 9 Uhr durch die Innenstädte zieht: Wir steigen mit Hunderten anderen Menschen in die S-Bahn, drängeln uns Arm an Oberkörper, Rucksack an Regenschirm. Man kennt sich nicht und so früh morgens mag man sich auch nicht, aber alle machen mit, die Frau in dem teuren Kostüm, der Mann im grauen, schlecht sitzenden Anzug, der junge Typ im schwarzen Kundendienst-Anorak mit Firmenlogo. Ob sie grimmig schauen oder froh, den Tag schon jetzt verfluchen oder sich auf ihn freuen, für eine kurze Fahrt sind alle, Versicherungskaufmann, Hundetrainer, IT-Beraterin, Fitnesstrainer, Anwältin und Chiropraktiker durch ein unsichtbares Band verbunden und haben das gleiche Ziel. Die tägliche Prozession hat jedoch keinen religiösen Zweck und huldigt auch keinem mächtigen Gott, sie fahren alle bloß zur Arbeit.

Die Antwort auf die Frage: »Und, was machst du so?«

Obwohl: Es gibt da schon ein Glaubensbekenntnis, das junge Menschen teilen, ganz egal, was sie beruflich machen.

Und wenn man morgens in der Hamburger U-Bahn unterwegs ist, kann man viel über diese modernen Arbeitnehmer lernen. Wendet man den Blick ab vom Smartphone und schaut sich die großen Plakate an Bahnhofswänden an, sieht man, wie die Verkehrsbetriebe um Nachwuchs werben, mit so einer modernen Imagekampagne. Eine junge Handwerkerin, ein U-Bahnfahrer, ein Ingenieur schauen von den Plakaten hinab und erzählen, warum sie tun, was sie tun. Auf den Plakaten steht nicht »Ich verdiene Geld, damit ich meine Familie ernähren kann« oder »Ich bin da so reingerutscht«. Nein. »Ich organisier’ Hamburgs Unterwelt«, sagt die Handwerkerin, und der Ingenieur für umweltfreundliche Technologien lässt wissen: »Ich gewöhn’ den Bussen das Rauchen ab.« Die Plakate wirken wie Stichwortzettel für das nächste Partygespräch, wenn mal wieder die Frage kommt:

Und, was machst du so? Als Antwort reicht uns kein Verweis mehr auf einen tollen Titel, auf Dienstwagengröße oder Jahresgehalt, nein, wir wollen auch mit hohem Sinngehalt auftrumpfen – unser Job soll bedeutsam sein.

Dann entdeckt man in der U-Bahn ein weiteres Plakat, das um Nachwuchskräfte wirbt, kleiner, über einem der Sitzplätze. Vom Sinn der Arbeit ist da nicht die Rede: »Machen Sie in Ihrer Freizeit, was Sie wollen!«

Weltverbesserer oder Work-Life-Balance

Diese beiden Plakate zeigen ganz gut die widersprüchlichen Ansprüche der jungen Berufstätigen an ihren Arbeitsplatz. »Bei uns machst du einen Unterschied«, ruft einem die Kampagne der Hamburger Verkehrsbetriebe zu, ein U-Bahnführer steht plötzlich auf einer Stufe mit einem NGO-Mitarbeiter oder einer Kinderherzchirurgin. Gleichzeitig aber umwirbt man uns mit Freizeit-Highscore und optimaler Work-Life-Balance. Aber es sind nicht einfach die Headhunter und Personalabteilungen der Firmen, die verwirrt sind; wir selbst sind zerrissen: Einerseits wollen wir im Job etwas bewegen, wollen kein Rädchen im Getriebe sein, sondern das Getriebe ganz kreativ mitgestalten. »Bedeutsamkeit« nennen das viele heute. Andererseits bestehen wir auch auf unserer Freizeit, die reserviert sein soll für Freunde, Familie und Hobbys und in der wir nicht an den Job denken möchten.

Seitdem Adam und Eva das All-inclusive-Paradies Garten Eden verlassen mussten, träumen die Menschen von der guten Arbeit. Heute mehr denn je.

Vergangenes Jahr veröffentlichte die Unternehmensberatung Ernst & Young eine Studie, für die über 4000 deutsche Studenten befragt wurden. Sie äußerten erwartbare Wünsche an ihren späteren Arbeitgeber: Jobsicherheit, gutes Gehalt, flexible Arbeitszeiten, Aufstiegschancen und natürlich Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei den Motiven für die Wahl des Studienfachs allerdings lagen »persönliche Interessen« noch vor »guten Berufsaussichten«. Und bei dem Ranking der beliebtesten Branchen, in denen die Studenten später gerne arbeiten würden, liegen der Öffentliche Dienst (geregelte Arbeitszeiten!), Wissenschaft (Sinngehalt!) und Kultureinrichtungen (Kreativität!) weit vor Kernindustrien wie Autoindustrie, Banken und Maschinenbau.

Wir wollen im Job Spuren hinterlassen

»Wir suchen Sinn«, schreibt die 32 Jahre alte Journalistin Kerstin Bund über ihre Altersgenossen, »harte Anreize wie Gehalt, Boni und Aktienpakete treiben uns weniger an als die Aussicht auf eine Arbeit, die Freude macht und einen Sinn stiftet.«

Kerstin Bund hat vergangenes Jahr eine Art Manifest verfasst, »Glück schlägt Geld«, heißt es, »Generation Y: Was wir wirklich wollen«. Soziologische Studien bestätigen Bunds Beobachtung. Die Sinnsuche, sagt Klaus Hurrelmann, sei »bei dem gut ausgebildeten Teil der Generation Y fast zu einer Lebensideologie geworden« auf gut fünfzig Prozent der Arbeitnehmer, die nach 1980 geboren wurden und so zur Generation Y gehören, trifft das zu. Klaus Hurrelmann ist Bildungs- und Sozialwissenschaftler und einer der Herausgeber der Shell-Jugendstudie, die alle vier Jahre die Gemütslage der jungen Deutschen auslotet. »Die Generation Y will Spuren hinterlassen im Beruf«, sagt Hurrelmann, »auf der anderen Seite will man sich aber auch nicht kaputtmachen. Man will der Arbeit Grenzen setzen. Überstunden sollen nicht zur Regel werden.« Anders als Vorgängergenerationen, die im Einstellungsgespräch zuvorderst nach Karrieremöglichkeiten oder Gehalt fragten, oder gar nichts sagten, weil sie einfach froh waren, einen Job ergattert zu haben, wollen wir selbstbewusst wissen: Wie ist das mit Arbeitszeiten, Urlaub und Freizeit?

Wir wollen einen Job, der Sinn macht uns aber bitte nicht am Wochenende damit beschäftigen müssen. Wir wollen Altruismus und Hedonismus, wir wollen irgendwie alles.

Die entscheidende Frage ist: Geht das? Oder verspielen wir mit unserer Zerrissenheit nicht womöglich eine einmalige Chance? Bislang hat sich kaum jemand an unserem Doppelanspruch gestoßen. Ja, anspruchsvoll sei die Generation, heißt es, vielleicht ein bisschen »widersprüchlich«, wie Soziologe Hurrelmann sagt. Aber in unserem inneren Konflikt steckt eine große, alte Frage: Was ist Arbeit? Und wie müsste sie aussehen, damit sie uns nicht vorkommt wie Arbeit, sondern wie ein Teil des Lebens?

Was ist ein Traumberuf?

Vielleicht müssen wir uns erst einmal klar werden darüber, was das bedeutet: sinnvolle Arbeit. Menschen, hat der Arbeitspsychologe Adam Grant von der University of Pennsylvania festgestellt, »haben Schwierigkeiten, Bedeutsamkeit in ihrer Arbeit zu finden, wenn ihnen Autonomie fehlt, Abwechslung, Herausforderung, Feedback und die Möglichkeit, an einem Produkt oder einer Dienstleistung von Anfang bis Ende zu arbeiten«.

Das Wichtigste aber sei es, dass man das Gefühl habe, durch die eigene Arbeit das Leben anderer Menschen zu verändern. Und Klaus Hurrelmann fügt hinzu: »Viele aus der jungen Generation sperren sich dagegen, in einer Werbefirma zu arbeiten, die ungesunde Nahrungsmittel anpreist.« Die Generation Y, so Hurrelmann, arbeite lieber in einem kleinen Team, Elektrofahrradverleih, etwas, das Zukunft und Nachhaltigkeit verbinde und einem eine Mission bietet. Hurrelmann ist schon über siebzig, aber er kennt uns ganz gut.

»Wir suchen Sinn«, schreibt Kerstin Bund in ihrem Manifest, und meint damit wohl mindestens drei Dinge: Einmal ist da der Wunsch, die Welt für die Mitmenschen ein kleines Stück besser zu machen. Tom zum Beispiel, 29 Jahre, der an einer NEON-Umfrage zur modernen Arbeitswelt teilgenommen hat, studierte Maschinenbau, weil er sich davon einen sicheren Job und ein gutes Gehalt versprach. »Während einem Auslandssemester in Afrika habe ich gemerkt, dass ich nicht nur dem großen Geld hinterherhechten will«, sagt er. »Die Menschen dort haben andere Ziele als wirtschaftlichen Erfolg.« Die Erfahrung hat ihn verändert, plötzlich war da der Drang, nicht nur seinen Kontostand zu verbessern, sondern auch die Welt. Heute arbeitet Tom bei einer Firma, die Windräder entwirft.

Der Traumberuf der Generation Y sieht laut dem Soziologen Hurrelmann so aus: kleine Teams, irgendwas mit Zukunft und Nachhaltigkeit, Elektrofahrradverleih.

Ebenso stark wie der Drang, etwas gegen ganz große Probleme wie den Klimawandel zu unternehmen, ist auch unser Wunsch, genau das zu tun, was zu uns, unseren Neigungen und Fähigkeiten passt Selbstverwirklichung hieß das früher. Astrid, 30 Jahre, arbeitet als Mediendesignerin und konzipiert Events für große Unternehmen. »Keine Minishows mit Knicklichtern«, erzählt sie, »da stecken Millionen drin.« Astrids Job bündelt alles, was sie schon immer interessiert hat: das Schreiben von Konzepten, die kreative Arbeit mit Räumen, große Veranstaltungen, viele Menschen. Deshalb findet sie ihre Arbeit sinnvoll, obwohl sie nicht die Welt verbessert.

Der Wunsch, gesehen zu werden

Sinn, das kann das Gefühl der Wirksamkeit sein oder die Gewissheit, das zu tun, was einem entspricht.

Oder, und das fällt einem auf, wenn man länger mit Astrid spricht: Wir empfinden Tätigkeiten vor allem dann als sinnvoll, wenn wir Anerkennung bekommen. »Es ist toll, Ideen für eine Marke umzusetzen, die jeder kennt«, sagt Astrid, »und zu sehen, wie aus meinen Gedanken riesige Shows werden.«

Wir wollen nicht nur unser Ding machen, wir wollen auch gesehen werden. Sinn = Sichtbarkeit.

Dabei war Arbeit lange Zeit vor allem: Strafe. Nach dem Sündenfall wurden Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben, einer arbeitsfreien Zone, in der für alles gesorgt war und sich keiner anstrengen musste. Nach dem Rauswurf aus dem Paradies aber sprach Gott zu Adam: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.« Seitdem träumt der Mensch von der Rückkehr ins Paradies oder wenigstens vom sinnerfüllten Job. Und der Traum treibt uns heute mehr um denn je.

»Ich glaube nicht, dass mein Vater seine Stelle bei der Stadt mochte«, schreibt David Foster Wallace in seinem posthum herausgegebenen Roman »Der bleiche König«, in dem er die großen Fragen der Arbeitswelt thematisiert. »Aber andererseits bin ich auch nicht sicher, ob er sich je große Fragen stellte à la ›Mag ich meine Arbeit? Ist sie wirklich das, womit ich mein Leben verbringen möchte?‹« Nein, der Nachkriegsgeneration ging es nur darum, die Familie zu ernähren und die Woche zu überstehen. Wallace schreibt: »Im Grunde sagte er ›Was soll’s?‹ zu seinem Los im Leben, aber offenkundig war das ein ganz anderes ›Was soll’s?‹ als das der ziellosen Kaputtniks meiner Generation.« Damit meint David Foster Wallace die Generation X, seine Altersgenossen, die zwischen 1960 und 1980 geboren wurden. In »Der bleiche König« beschreibt er brilliant bedrückend das Leben der Angestellten der amerikanischen Finanzbehörde, das sich vor allem durch Langeweile und endlose Routine auszeichnet. Wie viele unzufriedene junge Menschen habe er davon geträumt, schreibt Foster Wallace, »ein ›Künstler‹ zu werden, also jemand, der als Erwachsener etwas Originelles und Kreatives tun und keinem öden Drohnenjob nachgehen würde«.

Die Generation Y ist pragmatisch

Die wenigsten Mitglieder der Generation Y träumen von einer Künstlerkarriere, dazu sind wir laut Soziologe Hurrelmann zu pragmatisch. Wir träumen nicht mehr davon, die Welt als Genie, Superstar oder Revolutionär zu erobern – schließlich sind das auch Rollen, in denen es keinen Feierabend gibt. Ganz hat uns das Ideal des Künstlers und des Kreativen jedoch nicht losgelassen, was man daran merkt, wie wichtig Astrid und ihren Altersgenossen Selbstverwirklichung und Sichtbarkeit sind: mein Event mit dem Zuschauerrekord, mein Produkt im globalen App-Store, meine tolle Antwort auf die Undwasmachstduso-Frage.

Kann man einen Job mit hohem Sinngehalt finden, wenn man nicht bereit ist, hundert Prozent seiner Leidenschaft zu vermarkten?

Vielleicht ist das der Grund, warum vor allem Jobs so beliebt sind, die im Umfeld von strahlenden Figuren wie Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern anzusiedeln sind: Projektleiter, Referenten, Administratoren im kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Feld. Prototypische Jobs unserer Generation, der es scheinbar gelungen ist, Pragmatismus und Originalität, Sichtbarkeit und Feierabend zu verknüpfen. Aber das ist eine Illusion.

Wie Arbeitgeber unsere Unentschlossenheit nutzen

»Der Preis des Künstlertums«, sagt der Ökonom und Autor Holm Friebe, »ist, dass du mit deiner ganzen Person einstehst und nicht trennst zwischen Arbeit und Leben.

Diese Rhetorik nehmen die Arbeitgeber gerne auf. Denn dann gehört ihnen die ganze Person.« Natürlich versprechen uns heute selbst die Verkehrsbetriebe und Banken einen Job, der kreative Arbeit und Experimente beinhaltet. Die Utopie von der sinnvollen Tätigkeit kann aber ganz schnell zu einem schlechten Deal werden: Die Arbeitgeber wollen uns mit Haut und Haaren, packen uns bei unserem blauäugigen Enthusiasmus und wohltemperierten Größenwahn – bieten uns aber nicht die Vorteile, die wir uns von einem sinnvollen Job versprochen hatten. »Alles, was Arbeit toxisch macht, existiert in Unternehmen ja trotzdem noch: politisches Taktieren, Bullshit, Hierarchien«, sagt Friebe. Und die Unternehmen wollen einerseits, dass wir wie Künstler nach Feierabend über neue Projekte nachdenken. Gleichzeitig bestehen sie auf Traditionen wie der Präsenzkultur, denn ohne die gehe es nun mal auch nicht. Und plötzlich sitzen wir dann übermüdet am Schreibtisch wie die Nine-to-five-Opfer aus »Der bleiche König«.

Auf die Übergriffigkeit der Unternehmen reagieren wir, indem wir auf die Work-Life-Balance pochen, die jedoch, meint Friebe, »nichts als Schadensbegrenzung« sei. Mit dieser Forderung befinden wir uns schon in der Defensive, versuchen mit den Instrumenten der alten Arbeitswelt unsere Freizeit retten, obwohl wir in eine neue Arbeitswelt aufbrechen müssten.

Und das größte Problem: Aus dem Konflikt gehen wir als Verlierer hervor. Weil die wenigen Stellen, die uns das Künstler-Sichtbarkeitsgefühl geben, so beliebt sind, ist der Konkurrenzdruck entsprechend hoch. Und dann arbeiten wir nicht sinnvoll bis 17 Uhr, sondern auch noch am Wochenende – für ein Traineegehalt.

Das Ziel: Leidenschaft, die sich selbst bezahlt

Wir haben die einmalige Chance, die Arbeit neu zu erfinden: Da ist der demografische Wandel, der uns in eine gute Verhandlungsposition versetzt, weil es einen Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern gibt.

Da sind die Vernetzungstechnologien, die die Zusammenarbeit an Projekten jenseits alter Strukturen ermöglichen. Und da ist der Wohlstand unserer Eltern, der dazu führt, dass viele von uns sich nur an zweiter Stelle existenzielle Sorgen machen müssen. Trotzdem sind wir auf dem Weg zur sinnvollen Arbeit auf halber Strecke stecken geblieben. Was man auch am Beispiel von Tom sieht, der sich mittlerweile fragt, ob er nicht zu viel verlangt von seinem Job: »Vielleicht sollte ich den Sinn außerhalb suchen, in einem Ehrenamt.« Aber er sagt auch: »Mir fehlt der Mut für den ganz großen Schritt.«

Aber genau das brauchen wir: Mut!

Der Wirtschaftsphilosoph Charles Handy hat die moderne Version des Traums vom sinnvollen Arbeiten mal mit einem einfachen Satz beschrieben: Die Zukunft der Arbeit sei Leidenschaft, die sich selbst bezahlt. Das klingt wunderbar, so als müsste man bloß das beruflich machen, was einem eh Spaß macht, und einen Weg finden, damit Geld zu verdienen. Aber kann diese Gleichung aufgehen, wenn wir gar nicht bereit sind, hundert Prozent unserer Leidenschaft zu vermarkten, sondern uns immer eine Exit-Option in Richtung Feierabend offenhalten? Die Work-Life-Balance ist eine Begriffskrücke, die wir in die Ecke werfen müssen, wenn wir uns frei bewegen wollen. Das Arbeitsleben hat ja nichts mit einer Waage zu tun, die man mühsam im Gleichgewicht hält, indem man einzelne Minuten und Zeitblöcke von der einen auf die andere Seite schiebt, bis man mit nichts anderem mehr beschäftigt ist als dem Aufrechterhalten der Balance.

Ein Traumberuf gibt uns die Chance, zu brennen

Es gibt Workaholics, die erst dann glücklich sind, wenn sie um zwei Uhr morgens im Büro sitzen und über die stille Stadt blicken.

Und es gibt Menschen, die nur deshalb arbeiten, weil sie ein teures Hobby haben. Wir anderen ordnen uns irgendwo zwischen diesen Polen ein, besser: flitzen hin und her, je nachdem, ob wir gerade in der Deadline-Phase stecken oder ein Kurzzeit-Sabbatical einlegen. Wenn man wirklich für eine Aufgabe brennt, bricht die althergebrachte Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit zusammen. Warum ist es verboten, am Wochenende über die Arbeit nachzudenken (selbst wenn man eine geniale Idee hat)? Und warum soll man im Büro sitzen, wenn es nichts zu tun gibt? Wir müssen uns mit diesen Fragen beschäftigen, das wird anstrengend werden und zuweilen chaotisch. Wir können uns damit aufhalten, Begriffe für das neue Modell zu finden Work-Life-Flow, Work-Life-Integration. Wir können auch einfach mal anfangen. Keinesfalls sollten wir sagen: »Was soll’s?«

Die morgendliche Prozession in den Straßen und U-Bahn-Tunneln war allzu lange ein trauriger Marsch, auf dem wir uns selbst durch die Stadt prügelten, weil wir ja irgendwie Miete, frisches Gemüse und schicke Turnschuhe bezahlen müssen. Statt dem All-inclusive-Baum im Garten Eden hinterherzutrauen, sollten wir versuchen, die Fahrt zur Arbeit zu einem täglichen Triumphzug zu machen, den wir gerne antreten, weil wir jeden Tag als Chance sehen, etwas Sinnvolles zu tun.

Das ganze Interview mit dem Berliner Autor und Ökonom Holm Friebe über den gefährlichen Widerspruch eines Jobs mit dem ganz großen Sinn und gleichzeitig geregelte Arbeitszeiten: »Burnout ist zum Sehnsuchtsfeld geworden«

Dieser Text ist in der Ausgabe #05/2015 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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