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Der Selbsthass der Spießer

Seitdem die Band AnnenMayKantereit so erfolgreich ist, werden sie von den Feuilletonisten gedisst: unpolitisch, langweilig, schlechte Texte. Das sagt mehr über die Schreiber aus als über die Band.

Foto: Fabian J. Raclet

Es gibt tatsächlich Popcorn und Zauberer, wenn AnnenMayKantereit im Wanderzirkus in Hamburg spielen. Paare umarmen sich von hinten und küssen sich, immer wieder, während der Sänger Henning May singt, dass es ihm leid tut. AnnenMayKantereit, das sind die vier blassen Jungs in Kapuzenpullis und Wollmützen, die erst an Kölner Straßenecken und jetzt seit mehr als einem Jahr auf großen Bühnen spielen, in Hamburg, München und Berlin.

Seitdem die Band aber am 18. März ihr Album »Alles Nix Konkretes« veröffentlicht hat, wetzen Musikredakteure und Feuilletonisten ihre Stifte und beschreiben in hübschen Sätzen die Langweiligkeit ihrer Musik. Zeit Online schreibt: »Ihr Sänger Henning May singt … wie der Typ von den Beatsteaks, und seine Texte sind genauso schlecht, nur auf Deutsch«. Der Stern nennt die Musik »Apfelschorlenblues«. Der Spiegel meint: »Das ist auch der Soundtrack für den inneren Spießer, der, wenn die Welt schon um ihn herum aus den Fugen gerät, sich wenigstens in vertrauten Befindlichkeiten wiederfinden möchte.«

Auch wenn diese Verrisse zum Teil sehr lustig sind: Warum macht diese Band so viele so aggressiv, seitdem sie erfolgreich ist?

Das liegt an mehreren Dingen: Schriftsteller, Schauspieler und Musiker sind Projektionsflächen – in der Pubertät für aufkeimende Hormonwallungen, nach der ersten Quarterlife-Crisis zum Verklären der eigenen, wahrscheinlich wenig wilden Jugend. Die Kölner Jungs aber inszenieren sich gar nicht erst als wilde Rockstars wie etwa die Band Wanda, die nach Männerschweiß und schmierigem Onenightstand auf der Herrentoilette aussehen.

AnnenMayKantereit spiegeln das Leben derer wider, die über sie schreiben. Das sind meist mittelalte Menschen mit Uniabschluss und schwindendem Haupthaar, die selbst in einer Altbauwohnung wohnen, mit ner Küche, Bad und nem kleinen Balkon, und die sich nun für ihre Spießigkeit hassen: dass sie nunmal gerne Pasta Arrabbiata mit Freunden kochen, dass sie ihren Schlafanzug anziehen, bevor sie ihn zum wöchentlichen Sex wieder ausziehen und danach, als Rebellion des Alltags, Selbstgedrehte am Fenster rauchen. Das ist alles vollkommen okay. Rock’n‘ Roll ist es nicht. Genausowenig wie AnnenMayKantereit.

Die vier Schlabbertshirt-Jungs greifen sich nicht in den Schritt, um zu beweisen, dass sie männlich sind, was doch auch mal eine schöne Abwechslung ist. Sie machen sich nunmal darüber Gedanken, wenn ihre Freundin in den Zug steigt, sie sitzen barfuss am Klavier oder vor Kartons im leeren WG-Zimmer. Das mag auf manche verweichlicht wirken, unpolitisch (und ist manchmal schlicht getextet), aber: Bands haben schon immer über die Liebe gesungen, über Herzschmerz, Trennung – auch wenn in Lahore und Brüssel Menschen getötet werden, Hunderttausende Flüchtlinge in Idomeni ausharren oder Leute denken, es sei in Ordnung, Menschen zu bedrohen, im Netz und im Alltag. Wann wurde das zuletzt Haftbefehl vorgeworfen? Oder Boy? In der Liebe wird es schnell banal, weil man verletzlich wird, pathetisch.

So singt Münchner Freiheit etwa: Ich will nichts garantieren / Was ich nicht halten kann / Will mit dir was erleben / Besser gleich als irgendwann / Und ich gebe offen zu / Das, was ich will, bist du.

Bei Fler heißt es: Wir sind wie Jay-Z und Beyoncé / Egal wo hin ich geh, du sitz immer neben mir im BMW.

Und bei AnnenMayKantereit:Ich würd gern mit dir in ’ner Altbauwohnung wohn‘ / Zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon.

Das klingt natürlich mehr nach Immonet-Newsletter als nach Revolution. Vielleicht ist es zielführender, nicht einer Band vorzuwerfen, nicht die Revolution anzuzetteln, die man selbst gerne anstoßen würde, sondern es tatsächlich einfach selbst zu tun.

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