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Die Liste: Erstsemester-Party

Die ganze Wahrheit über die tatsächliche Motivation dafür, ein Studium zu beginnen, in vierzehn Punkten.

Text: Moritz Herrmann | Foto: micadew (Das Bild darf unter der Creative Commons-Lizenz verwendet werden.)

1. JEDEM ANFANG WOHNT EIN ZAUBER INNE, kitschte Hermann Hesse, der Lieblingsautor aller Studenten, einst, womit bewiesen ist, dass Hesse selbst nie immatrikuliert und also auch kein Erstsemester war, sonst wären ihm die Zeilen nicht über die Lippen, geschweige denn aufs Papier gekommen. Der Unzauber des ersten Semesters: als so leider wirklich genannter Ersti über den Campus irrend die Bib suchen, Dingen nur noch mit dem würgreizauslösenden Präfix „Gemeinschaft“ (-sküche, -swaschmaschine, -stoilette) begegnen und Sex in durchgevögelten Hochbetten erleben.


2. DIE ERSTSEMESTERPARTY IST EIN ANKER in den Anfangswirren des neuen Aufsichselbstgestelltseins, da dort nur getrunken und gesmalltalkt werden muss, das schafft man; bloß nicht nachdenken, nur nachschenken. Sie ist überdies der Leim, der den Jahrgang die nächsten sechs, acht, zehn Semester zusammenhält. Auf der Erstsemesterparty entscheidet sich, wer mit wem kann, wer wen will, wer überhaupt nicht darf und mit wem man gar nicht erst sollte. Wer die Erstsemesterparty unterschätzt, wird sich im Seminarraum sehr einsam fühlen.


3. VOM EVENT ERFÄHRT MAN, da ist die Studiumswelt ja noch herrlich analog, über das Schwarze Brett, das überhaupt nicht schwarz ist, sondern ziemlich bunt, der vielen angepinnten Zettel wegen. Auf den Erstsemesterpartyflyer wurde eine Discokugel gephotoshoppt, daneben ein eher grobes Motto: „Die Letzten werden die Vollsten sein“ oder „Studieren ist wie Schach, nur ganz anders“, was aber völlig egal ist, wichtiger das Kleingedruckte: Die ersten 200 Gäste bekommen einen Shot for free.


4. DIE KOSTEN für eine Erstsemesterparty, ausgerichtet von Studierendenvertretungen, liegen zwischen 8000 und 15 000 Euro. Dies geben mehrere AStAs auf Nachfrage an. Damit ihr endlich mal wisst, wofür der Semesterbeitrag veruntreut wird.


5. UM DEN WEG NICHT ALLEINE ZU BESTREITEN, verabredet man sich mit quasi fremden Kommilitonen zum Vorglühen. Dieses Zwangscharakterplenum debattiert dann auch, welche Erstsemesterparty beehrt wird: die offizielle, also vom AStA ausgerichtete, oder eine der Trittbrettfahrerveranstaltungen, mit denen Clubs der ganzen Stadt terminschlau in derselben Nacht locken.


6. WIE GELINGT ALSO DIE PERFEKTE FEIEREI? Lukas Baumgartner, AStA-Veranstaltungsreferent an der TU München, erzählt: „Der Trick ist, möglichst viele Erstis bei den Vorkursen abzugreifen, weil die richtig feiern. Ältere Semester kennen den Termin sowieso und kommen einfach. Die Musik muss natürlich stimmen – Trash und Neunziger gehen immer, Elektro und House manchmal, HipHop zieht nie.“

Let’s have a party tonight #baracke #ovgu #ersti #erstiparty #party #zualt #dancing #ovgu

Ein von Karo (@kwingi) gepostetes Foto am


7. DAS PROBLEM: Am Anfang tanzt niemand, da unterscheidet sich die Erstsemesterparty nicht von der Grundschuldisco. Ergo kommen andere, damit verwandte Zeittotschlagreflexe zum Tragen. In Gruppen röntgt und betuschelt man einander, ahn mal den da, echt nicht, und die da, die sieht aber, bestimmt Arzttochter, den Typen kenne ich schon, im Imma-Amt getroffen, ziemlicher Nerd, aber clever, und sie – dann erinnert man sich an den Coupon vom Eingang, ach ja, unter den ersten 200 gewesen, geil, schnell einlösen, am Ende verfällt der noch – bitte? Nur Sambuca? Puh. Egal.


8. DIE GESPRÄCHSTHEMEN VERÄNDERN SICH IM LAUF DER NACHT: Wird am Anfang noch über den Lehrplan an sich geredet („Total gespannt auf die Kapitalismus-Vorlesung, ist ja auch aktueller denn je“), geht es am späteren Abend über in der WG abonnierte Zeitungen („Süddeutsche“, „taz“, „Also ich lese nur noch online“) und Tinder-Haltung („Ich verstehe absolut, wenn man das macht, aber für mich ist das nichts“) bis hin zur Präzedenzdebatte, ob das Comeback der Beginner peinlich oder doch ganz okay ist. Zu sehr fortgeschrittener Stunde lallt man nur noch Weltverbesserungsgewissheiten in die Sofaecke, an die sich hoffentlich niemand erinnert.


9. KURZ VOR NULL UHR ERST TRUDELN DIE HÖHEREN SEMESTER EIN, das ist Altvorderenprivileg. Alles an ihrem Auftritt schreit: Wir haben das schon hinter uns, wir wissen, wie es läuft. Was ihr Auftritt nicht sagt, aber auch meint: Wir wollen uns auch noch mal so blutjung fühlen wie ihr, deshalb sind wir hier.


10. HEUTE ESKALIEREN WIR SO RICHTIG – mit diesem Vorsatz kommen viele, was dazu führt, dass manchmal nicht nur man selbst, sondern auch die Erstsemesterparty eskaliert. Beispiele? 2015, Uni Nürnberg: Das WiSo-Gebäude überflutet in der Partynacht und muss ausgepumpt werden, ein Feiernder hatte Klimmzüge an der Sprinkleranlage trainiert. 2011, Hannover: Die Erstsemesterparty an der Medizinischen Hochschule wird von der Polizei geräumt, weil nicht nur die erwarteten 270 Erstis gekommen sind – sondern 1500 weitere Studenten. 2014, Augsburg: Betrunkene Teilnehmer einer Erstsemesterrallye ziehen vor Touristen am Dom blank, ihr Dekan wundert sich legendär in der Lokalpresse: „Ich habe sie eigentlich als überaus wohlerzogene und seriöse junge Menschen kennengelernt.“


11. IRGENDWANN SPRINGERSTIEFELN zwei Dreadlockstudentinnen im Bundeswehrparka auf die Tanzfläche, und obwohl alle Umstehenden blöd grinsen, sind sie doch dankbar für den Startschuss, der somit gefallen ist.


12. AB DREI UHR SOLLTE MAN SICH ÜBERLEGEN, ob es clever ist, gleich auf der ersten Party NICHT allein ins Bett zu gehen. Der Cordhosenträger, der alle präkoital anengtanzt, die es nicht rechtzeitig zur Damentoilette schaffen, beantwortet sich die Frage klar mit Ja und bekommt deshalb ebenso klare Neins beschieden. Die weniger Verhaltensauffälligen fummeln und knutschen im Geheimen, das ist, wenn nicht mehr draus wird, wenigstens nur beiden Beteiligten unangenehm.


13. WENN ES JETZT SCHLECHT LÄUFT, LÄUFT EIN PARTYFOTOGRAF HERUM und euch direkt vor die Leber, na, habt ihr Fun, einmal lächeln bitte, super! Der Partyfotograf wollte mal Paparazzo am Sunset Boulevard werden, und weil es dafür leider nicht gereicht hat, muss er heute Jungjuristen knipsen, die sich besoffen ihre Krawatte vor die Stirn binden, aber in einigen Jahren trotzdem viel mehr als er verdienen. Diese Weltungerechtigkeit rächt der Fotograf, indem er hemmungslos überblitzt. Die Fotos werden auf die Partyhomepage geladen und bestehen dort auf ewig fort.


14. SCHLIESSLICH BEGINNT DAS MORGENGRAUEN, jetzt geht es noch zum gegelten Polohemdträger, der in keiner WG wohnt, sondern alleine auf zwei Zimmern, total erwachsen also, weil der Firmenchefpapi das Studium finanziert in der Hoffnung, der Filius werde ihm bald folgen, woran der Gemeinte aber gar nicht denkt, jedenfalls nicht jetzt; sympathieheischend erzählt er, wie er sein Erbe ausschlagen und sich stattdessen um Babys in Benin kümmern wolle, und alle klatschen dieser kleinen Rebellion Beifall, nicht ahnend, dass es sich der Polohemdträger zwölf Jahre später doch noch mal überlegt haben und in die Firma eingestiegen sein und deshalb genau derjenige sein wird, der ihre Bewerbung abweist, danke für Ihr Interesse, passt leider nicht zum Anforderungsprofil, nicht entmutigen lassen, Herzlichst, Ihr. Aber das liegt jetzt, kurz nach der Erstsemesterparty, in weiter, weiter Ferne.


Dieser Text ist in derAusgabe 10/2016von NEON erschienen. Hierkönnen Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine im iTunes Store, Play Storeund bei Amazon. Auf Blendlekönnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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