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Die Macht ist mit mir

Bei einem Schulfreund entdeckte der Berliner Rapper Prinz Pi in den 80er Jahren nicht nur die Mikrowelle, sondern vor allem: »Star Wars«. Der erste Film der Reihe half ihm durch viele schwierige Lebensphasen und beeinflusst noch heute seine Musik.

Text: Prinz Pi | Foto: Christian Werner

» An einem Nachmittag vor 32 Jahren, ich war vier Jahre alt, änderte sich mein Blick auf die Welt. Es war eine krasse Erfahrung in Andrews Wohnzimmer. Andrew war mein bester Freund im Kindergarten und lebte in den Unterkünften der G.I.s, den Barracks. Sein Vater war Dirigent in der US-Army-Base in Berlin-Zehlendorf. Denke ich an diese Zeit, an das Jahr 1983 zurück, denke ich auch immer an die Mikrowelle in seiner Wohnung. Es war für mich das erste Mal, dass ich eine sah. In der Mikrowelle hat die Mutter von Andrew für uns Kakao gemacht. Sehr süß, mit extra Marshmallows drin. Das war der Wahnsinn. Gleiches galt für Halloween. Das kam ja erst die vergangenen Jahre hierzulande in Mode. Wenn ich das damals den anderen Kids erzählt habe, die Amerikaner feiern ein Fest, an dem man verkleidet von Tür zu Tür läuft, klingelt und am Ende eine Einkaufstüte mit Süßigkeiten vollkriegt, dann haben die mich angeschaut wie ein Auto. Das allein war schon aufregend. Ich war oft in der Base zu Besuch. Eines Tages brachte uns Andrews Mutter wie so oft einen mikrowellenheißen Kakao ins Wohnzimmer und wir durften Fernsehen schauen, oder besser gesagt: ein Betamax-Video, ein heute längst vergessenes Format. Auch wieder so eine krasse Attraktion. Wir waren ja nur drei Kanäle gewohnt ARD, ZDF und NDR, die gute alte BRD eben.

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Und dann donnerte da plötzlich ein riesiges, dreieckiges Raumschiff in diese deutsche Realität. Dazu diese Musik, die krachenden Soundeffekte, die Galaxie, und ein Planet nur mit Wüste. »A long time ago in a galaxy far, far away …«, heißt es ja ganz zu Beginn jedes »Star Wars«-Films. Mein Herz pochte damals, die weit entfernte Galaxie war mir plötzlich ganz nah. Dann tauchte plötzlich dieser dunkle Lord auf, Darth Vader.

»Star Wars« hatte mich sofort gecatcht.

Und das in einem Alter, in dem man komplett umgehauen wird, weil man auch mit diesen Dingen nicht umzugehen weiß. Den ersten Teil der Trilogie habe ich mir damals zusammen mit Andrew sehr oft angeschaut. Danach habe ich noch jahrelang schlecht geschlafen. Nachts atmete dann auch öfters Darth Vader in meinen Träumen, was dazu führte, dass ich an den Morgen darauf nicht mehr bunte Häuser, Tiere und Menschen malte, sondern dunkle dreieckige Raumschiffe und eine schwarze Silhouette von so einem Typen mit einem ebenfalls dreieckigen Kopf. Meine düsteren Zeichnungen hätten jeden Kinderpsychologen wohl ziemlich erschreckt.

Doch in dieser Zeit bin ich nicht nur wie so viele andere Menschen »Star Wars«-Fan geworden, bei mir hat der erste Film auch den Blick auf die Welt geändert. Er beeinflusste mein Fühlen, mein Denken, und manchmal sogar noch immer, wie ich heute Musik mache. Für viele Menschen spielen Songs so eine Rolle, bei mir war es dieser erste »Star Wars«-Film aus dem Jahr 1977.
Han Solo war nicht nur ein Held, sondern auch ein Halunke, trotzdem war er einer von den Guten, den Rebellen. Die Bösen waren weiß und uniformiert, schick, sauber. Die Guten waren eine Gruppe von Outsidern – ein völlig zusammengewürfelter Haufen, der sich gegen das große System stellte und rebellierte. Und das ist so eine Geisteshaltung, die mich seit diesem Film begleitet.
Früher war ich auf einem Elitegymnasium. Da waren überwiegend Kids aus gutem Haus. Ich kam aus einer Familie der unteren Mittelschicht. Für mich waren diese Rich Kids eine uniformierte, elitäre Gesellschaft. Ich zog direkte Parallelen zum »Star Wars«-Universum.

Ich war immer dagegen.

Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, war ich ein kleiner Möchtegernpunk mit blau gefärbten Haaren, war auf Demos und in der Antifa aktiv. Später hab ich dann Graffiti gemacht. Ich dachte, wenn der gesamte öffentliche Raum von Sparkassenwerbung beschlagnahmt wird, dann holen wir uns den halt zurück. Irgendwann gab es Ärger mit der Staatsgewalt. Da habe ich zum ersten Mal richtig viel Schuld in mir gespürt. Das war dann der Moment, in dem ich mich erstmals als Angeklagter mit Recht und Unrecht auseinandergesetzt habe. Ich dachte, ich sei nun der Böse, der verhaftet wird, und das für etwas, hinter dem ich eigentlich stehe. Trotzdem musste ich mich gegenüber der Polizei, meinen Eltern und den Richtern rechtfertigen. Ich hatte auch ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Eltern, mein Vater war ein braver Musterbürger. Auch die »Star Wars«-Rebellen kämpfen gegen ein herrschendes System und wissen tief in sich, dass sie richtig liegen in dem, was sie da tun. Der Film hat mir Sicherheit und Kraft gegeben, das Ganze durchzustehen.

Diesen Kampf der Außenseiter gegen ein herrschendes System habe ich immer wieder in meinem Leben gesehen, sei es gegen die Snobs auf der Schule, sei es gegen meine Eltern, den Staat oder heute gegen die Engstirnigkeit der Musikbranche. Deswegen bringe ich meine Musik independent raus. Wir arbeiten nach ganz anderen Prinzipien als die Majors. Sie sind das Imperium, wir die kleinen Rebellen, die halt ihr Ding mit einem ein wenig schrottigen Raumschiff durchziehen. Aber dafür haben wir mehr Coolness.

Meine Songs sind von einem Außenseiter für andere Außenseiter. Für mich war das damals die Musik von The Grouch, aber eben auch »Star Wars«. Und ich mag den Gedanken, dass meine Musik für viele meiner Hörer vielleicht eine ähnliche Funktion erfüllt, dass sie hilft, durch schwierige Zeiten zu kommen.

Auch auf meine Produktionen nimmt »Star Wars« immer wieder Einfluss. Das Logo meines aktuellen Albums »Im Westen nix Neues« ist angelehnt an das imperiale Logo von »Star Wars«. Der erste Track auf dem Album heißt »Rebell ohne Grund«, und es gibt ein gleichnamiges Album aus dem Jahr 2011 von mir. Auf dem Cover trage ich eine Luke-Skywalker-Frisur. In der HipHop-Szene gab und gibt es immer wieder Leute, die sagen, »Hey, du siehst nicht aus wie einer von uns. Du trägst nicht die Markenklamotten, die es dazu braucht« seien das nun Ralph-Lauren-Hemden oder Baggy Jeans. Scheiß auf die Idioten.

Andrew und ich waren damals übrigens beim ersten Halloween, an das ich mich erinnern kann, ein Pirat und ein Löwe. Doch eigentlich wollte ich immer Han Solo sein. Ich habe jetzt zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Vor Kurzem habe ich meiner sechsjährigen Tochter auf einer Reise in die USA das »Star Wars«-Kostüm der neuen Hauptdarstellerin gekauft. Bislang hat für meine Tochter »Star Wars« noch gar nicht begonnen. Das wird erst noch geschehen. Und ich freue mich darauf, das mit meinen Kindern anzuschauen, es gemeinsam neu durchleben zu können.«

Prinz Pi, 36, heißt eigentlich Friedrich Kautz. Seine letzten beiden Alben stürmten jeweils an die Spitze der deutschen Charts. Nun erscheint sein aktuelles Album. Früher rappte und sprayte er auch unter dem Namen Prinz Porno.


Dieser Text ist in der Ausgabe 02/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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