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Durchs Wochenende mit… Christoph

Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Autor Christoph Koch.

Freitag

8:15 Uhr
So wird man im Hotel »Fritz« in Gronau wach. Ein Wunder, dass mich das Bild nicht in meine Träume verfolgt hat. Dafür habe ich Rückenschmerzen. Leiden eines Lesungsreisenden. Alle Bilder des Wochenendes übrigens ohne fancy Filter. Wir nennen es: New Instarealism.

9:00 Uhr
Morgentoilette beendet. Die Lux Beauty Soap kann ich übrigens nicht empfehlen. Der eingebaute »Moisturiser« macht, dass sich die Hände nach dem Waschen nicht sauber anfühlen, sondern sofort wieder schmierig. Man will also erneut waschen – ahnt aber, in einen Teufelskreis zu gelangen.

9:10 Uhr
Dafür liegen auf dem Weg zum Frühstückssaal informative Fachzeitschriften wie »European Urology« aus. Vielleicht wurde es aber auch nur drapiert um in die orangefarbene Corporate Identity des Hotels zu passen (vgl. vorige Bilder). Doch sich weltmännisch zu geben, indem man über Kleinstadthotels lästert, in denen man auf Lesereise absteigt, ist ja auch ein bisschen albern und passé. Deshalb genug damit.

10.00 Uhr
Nur ein letzter Tipp für Freunde der preiswerten Fliese: Besuchen Sie »Das Fliesenoutlet« für Sondermodelle, Restposten und Nebenfarben.

10:30 Uhr
Ich habe gestern Abend hier in Gronau aus meinem Buch »Chromosom XY ungelöst« gelesen, heute Abend werde ich dasselbe im nahegelegen Rheine tun. Ich habe also ein wenig Zeit totzuschlagen und überlege kurz ins örtliche »rock’n’popmuseum« zu gehen (Nur echt mit der Kleinschreibweise). Schon die Adresse schreckt mich jedoch ab: Udo-Lindenberg-Straße 1.

10:45 Uhr
Ich setze mich stattdessen ins »Cup&Cino« und arbeite. Das heißt normalerweise Texte für NEON und Nido recherchieren und schreiben, eingekaufte Texte aus den USA übersetzen oder launige Sachen für die Top&Flop-Rubrik zusammensuchen. Heute nimmt mich jedoch ein anderes Ereignis in Beschlag.

11:30 Uhr
Nach langen Vorbereitungen geht heute endlich die Webseite krautreporter.de »ans Netz« (oder sagt man so nur für Kernkraftwerke?). Dort probieren ein paar Kollegen und ich aus, ob man Onlinejournalismus auch ohne blinkende Werbung, Klickschinderei und permanenten Alarmismus hinbekommt. Mal gucken, ob es klappt. Das erste Feedback der rund 18.000 Unterstützer, die uns im Mai Crowdfundinggeld für das Projekt gegeben haben, ist jedenfalls überwiegend positiv.

14:00 Uhr
Am Nachmittag verlasse ich Gronau, wie ich gekommen bin: mit der Regionalbahn. Nur mit Mühe kann ich der Versuchung widerstehen, die alte Dampfspeicherlok auf dem Bahnhofsvorplatz zu erklimmen, dieses süße, historische Anschauungsobjekt. Ich will mich aber auch nicht mit den Eisenbahnfreunden anlegen und fürchte die Unfallgefahr (!).

18:00 Uhr
In Rheine muss ich zum Glück nicht in ein Hotel, indem mich Esel und Urologiezeitschriften anstarren, sondern wohne bei meinem alten Freund A. aus Unizeiten. Ein lauschiger Fahrradweg führt mich zur örtlichen Volkshochschule. Heile, westfälische Welt.

18:30 Uhr
Immer gut fürs Ego: an Plakaten vorbeigehen, auf denen die eigene Visage zu sehen ist. Nicht so gut fürs Ego: wenn trotz Plakaten keiner kommt.

19:00 Uhr
Meinen Flop-Rekord von Oberhausen (exakt drei Gäste bei einer Lesung vor zwei Jahren) stelle ich in Rheine zwar zum Glück nicht ein – mit über 100 Plätzen haben die Veranstalter aber doch eher, sagen wir: optimistisch bestuhlt. Am Ende kommen rund 20 Leute. Die Hälfte davon, weil sie mit A. befreundet sind und er ihnen vermutlich Konsequenzen angedroht hat, falls sie fernbleiben. Geht eben nichts über alte Freunde.

21:00 Uhr
Aber womit ließe sich der Kummer über eine schlecht besuchte Lesung besser überwinden, als mit einem guten Rotwein? A. hat zum Glück vorgesorgt. Weitere Speisenfolge: exzellenter Portwein (Namen vergessen) und Glenfarclas Single Malt (17-jährig). Geht wie gesagt nichts über alte Freunde.

Samstag

13:00 Uhr
Nach Frühstück und Kicker-Turnier mit A. und seinen beiden Jungs, Rückreise nach Berlin. Reiselektüre: Kapitalismus und Jennifer Lawrence. #printpride

13:42 Uhr
Doppelschock: Kein Zugrestaurant und statt ICE nur ein schnöder IC. Kapitalismus und Jennifer Lawrence in Ehren, aber einen ganzen Nachmittag ohne Steckdose hält doch heutzutage niemand mehr aus.

13:53 Uhr
Puh. IC ist neuerer Bauart und mit Steckdosen ausgestattet. Ein Hoch auf die Firma Berker.

16:00 Uhr
Lesen, Nickerchen, Glotzen. Toller Film: »Supermensch. The Legend of Shep Gordon«. Eine Dokumentation von Mike Myers über den legendären Manager Shep Gordon. Gordon hing mit Janis Joplin, Jim Morrison und Jimi Hendrix rum und machte Alice Cooper, Luther Vandross und Teddy Pendergrass reich und berühmt. Für zwei Wochen managte er wohl auch mal Pink Floyd. Er war es, der das ganze Konzept des Starkochs erfand – und die größte Leistung des Films ist vielleicht, dass er schafft, dass man Gordon das nicht verübelt. Schöne Doku über Ruhm, Showbusiness und Einsamkeit. Denn jetzt sitzt Shep Gordon auf Maui und wünscht sich eine Familie, für die es irgendwie nie gelangt hat – obwohl ihn Stars wie Michael Douglas oder Silvester Stallone als den nettesten Typen des Universums preisen. Selbst wenn seine drei Regeln für jeden Manager lauten: »1) Always get the money. 2) Never forget to get the money. 3) Always remember to never forget to always get the money.« Guter Typ mit sensationellem Seehundlachen.

18:00 Uhr
Endlich wieder zurück in Berlin. Hauptstadt der geschmackvollen S-Bahn-Polster.

19:00 Uhr
Home is where the WLAN is. Nein, ich bin weder LAUTSTARK noch Pistenteufel.

19:30 Uhr
Die beste Frau der Welt erwartet mich mit einem Spaghettikürbis (rechts im Topf). Ein Kürbis, dessen Fruchtfleisch aus kleinen spaghettiartigen Fäden besteht. Was für geile Sachen sich diese Natur manchmal ausdenkt.

21:00 Uhr
In den anderen Wochenend-Tagebüchern wird an dieser Stelle meist ausgegangen, gefeiert, Clubs werden besucht, Freunde getroffen, Körper zur Musik herumgeschleudert. Ich kann mit all dem nicht dienen. Mein Samstagabend: Cocooning mit Wollsocken (im Vordergrund) und Netflix (»Fargo«, auch als Serie sensationell). Sorry. Aber so sieht’s nun mal aus.

Sonntag

10:00 Uhr
Nach sechs Tagen auf Achse, in überfüllten Großraumwaggons und anderweitig immer unter Leuten, fühle ich mich ein wenig übermenscht und will im Moment eigentlich nur eines: Zuhause meine Ruhe. Bereiten Sie sich also innerlich schon mal auf einen unspektakulären Sonntag vor.

11:00 Uhr
Im Briefkasten hat sich viel Lesematerial angesammelt. Ich freue mich, in der neuen Nido-Ausgabe meinen Artikel über Mommyjacking zu entdecken und hoffe, dass die Leserschaft mich dafür nicht als kinderlosen Stänkerer lyncht.

Auch bei der ZEIT geht es um Kinder, gleichzeitig wird aber auch der gewohnte Grusel vor amerikanischen Internetfirmen geschürt. Dass Apple das Social Freezing »bislang« zwar gar nicht praktiziert und es auch nicht »nur« Apple und Facebook betrifft, sondern bei Banken wie der Citigroup und JP Morgan Chase schon längst übernommen wird, ist ja egal. Hauptsache, die diffuse German Angst vor dem Silicon Valley schüren. Könnt ich mich aufregen.

15:00 Uhr
Entgegen meiner guten Vorsätze verlasse ich doch das Haus. Im Mauerpark singt ein Mann in engen Hosen traurige Lieder.

Die sonst sonntags fest installierte Funk-Band ist aus unerklärlichen Gründen absent. Dafür spielt jemand etwas, das sich aus der Entfernung anhört wie Pearl Jam. Hätte ja nie gedacht, dass ich die Funk-Band mal zurück will.

Immer was los in Berlin, immer volle Medienaction, immer kreative Kräfte am Wirken. Hier wird eine Frau in Rosa gefilmt. Und Dutzende Mauerparkbesucher versuchen zu ergründen, warum.

Man wird immer ein wenig seltsam angeguckt, wenn man ohne Hund um den euphemistisch »Hundewiese« genannten Dreckhang herumstreicht. So als hätte man vor, einen zu klauen. Dabei ist es einfach nur allerbestes Entertainment, für eine halbe Stunde zuzusehen, wie Zungen im Wind fliegen, wie Frisbees gejagt und die Hintern von Fremdhunden beschnüffelt werden. Dann kann man nach Hause gehen und hat dort keine Haare auf dem Sofa.

Mir fällt ein Gedicht aus der Schulzeit ein. Ich glaube, es ging so:
Wer jetzt keinen Hund hat, kauft sich keinen mehr.
Wer jetzt ohne Gebell ist, wird es lange bleiben.

18:00 Uhr
Total unromantisch, nach derartiger Lyrik noch weiterzuerzählen. Aber fürs Protokoll: Zum Abendessen Linsen, Pilze, Steckrüben und Sellerie. Klingt öd, schmeckt super. Danach zwei Folgen »Fargo« und früh ins Bett. Beim Einschlafen gedacht: Wie sensationell wäre eigentlich ein »Durchs Wochenende mit… Billy Bob Thornton«?

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