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Film Ultra

Wenn der Bass zehn Stufen zu hoch ist, dreht man ihn runter. Sonst wird einem ja das Zwerchfell eingedrückt.

Es sei denn, man ist Christopher Nolan, also offensichtlich irgendwie wahnsinnig, dann macht man stattdessen nämlich einfach alles andere auch zehn Stufen zu hoch. Die Höhen, die Mitten. Die Musik, die Story, die Bilder, das enjeu, die Schauspieler, einfach alles hoch, höher, zehn Stufen zu viel, bis das Publikum in seinen Sitzen gegrillt ist, aber eben: gleichmäßig von allen Seiten gegrillt. Harmonisch überhitzt.

Das ist das Rezept von Interstellar.

Bitte schaut Euch diesen Film an. Seht vorher keine Trailer. Lest keine Kritiken, lest nicht, was da Falsches drinsteht. Geht am Donnerstagabend einfach in die Kinos, lasst draußen den vergangenen Tag zurück, setzt Euch in Eure Sessel und lasst Euch wegballern. Steigt in die Rakete mit Matthew McConnaughey.

Vielleicht werdet Ihr während des Films Gelegenheit haben, in einer kurzen Atempause Eure Sitznachbarn zu betrachten. Drei, vier Sitze weiter sitzt ein Krittler. Er hat die Stirne gerunzelt, auf dem linken Knie hat er ein Handbuch für Astrophysik, auf dem rechten den Almanach durchgenudelter Hollywoodklischees. Er schüttelt mit dem Kopf, dass ihm die speckige Brille von der Nase rutscht, und trägt schlechte Noten in sein kleines, blödes Notenheftchen ein.

Dieser Krittler ist, natürlich, ein Spinner, er ist schief gewickelt. Er sitzt in dem Film Interstellar mit den gleichen Erwartungen, mit denen er in einen iranischen Neo-Realismus-Schinken gehen würde. Ernsthaft, wer steigt in den 167 Millionen Dollar teuren Panzerkreuzer von einem Hollywood-Epos und verlangt dann, dass die Story, die ihm nun serviert wird, bis ins letzte Fitzelchen nuanciert, plausibel ist? Und noch viel wichtiger: Wer bemisst daran, ob ein Film gut ist? Die »Suspension of disbelief«, die Abschaltung des Zweifels am Geschehen auf der Leinwand, ist nur zur Hälfte die Aufgabe des Regisseurs, zur anderen ist man als Zuschauer dafür verantwortlich, muss man dazu bereit sein, der Geschichte unter ihren eigenen Voraussetzungen und Bedingtheiten zu folgen. Es ist daher vollkommen wurst, dass Interstellar sich nicht an die Regeln der Physik hält, dass der Plot sich weit über die Grenzen des Plausiblen hinaus begibt, es ist dagegen aber garnicht wurst und auch nicht schlecht, sondern im Gegenteil fantastisch, dass der Film dabei die ganze Zeit schamlos auf die Tube drückt, aus allen Rohren feuert, keine Emotion, kein Drama, kein Klischee auslässt, um in größtmöglicher Wucht die selbe, alte Geschichte zu erzählen: Mann rettet Welt, rettet Welt aus Liebe, aus Liebe zur Schöpfung, trotz allem, trotz all der Bitterkeit, der Lügen, denn die Liebe, die Liebe dauert ewig. Oh, ist das dumm, und oh, kann das schöner als alles sein. Das ist nämlich Hollywood. Hollywood hat seine Berechtigung. Wenn man sich in den Sessel setzt im Kino als Mensch, der noch mal Arielle vorgeführt bekommen möchte oder Indiana Jones oder irgend etwas, das knallt, nach all den Jahren, nach all dem lieblosen Shit à la Transformers, nach den zahllosen verschwendeten Stunden, in denen man in solchen Sesseln schon vor sich hingemodert hat, dann bedeutet Interstellar die Möglichkeit dazu.

Dieser Text, durch den Ihr Euch gerade wühlt, ist ja offensichtlich keine Rezension, sondern das Geseiere eines auf den Knien aus dem Kino Gekrochenen, und es wird sowohl aus Überfordertheit wie auch aus philosophischer Überzeugtheit keine qualifizierte Zusammenfassung oder Einordnung des Gebotenen geboten, aber ein Gedanke immerhin noch, einer, der sich in diesem Hagelschauer aus Bildern, Klischees, Amerika, Weltall, Raketen, Raumstationen im Vakuum und Matt-Damon-WTF-Auftritten doch in den Schädel geschlichen hat.

Und zwar ist der Film ja von Nolan, Christopher, dem Mann, dem man Halbgares wie Inception oder Memento zu verdanken hat, einerseits, und dem man danken muss, andererseits, für die Batman-Trilogie, für diesen Moment im dritten zum Beispiel, in dem der Batwing eine Häuserwand hochfliegt und geradezu auf die Kamera, die sich zurückzieht, dem Ding ausweichen möchte, dass da surrend-dröhnend auf sie zugerast kommt, so dass man als Publikum mit dem Haupt die entgegengesetzte Bewegung vollzieht, sich nach vorne lehnt und zum Headbutt mit dieser Flugmaschine ansetzt, weil man in die knackende Perfektion aus kinetischer Filmenergie hineinbeißen möchte. Bei seinen Batman-Filmen hat Nolan jedenfalls etwas erst mal eher schwachsinnig Anmutendes gemacht, er hat nämlich Batman, einen als Fledermaus verkleideten Schizo-Millionärs-Waisen, der nacheinander einen tibetanischen Al-Qaida-Ninja, einen Erwachsenen, der sich jeden Morgen als Clown schminkt, und einen in der Kanalisation hausenden Hannibal Lecter auf Steroiden bekämpft, hat also Batman genommen, und so getan – wie gesagt, the man who is Nolan is INSANE – als sei das alles wirklich möglich. Anders als bei Tim Burton und so weiter spielt Batman bei Nolan also nicht in einem barocken Comic-Universum, sondern sozusagen in unserer Welt. Das könnte jetzt heute in Chicago passieren, der ganze Quatsch. Und absurderweise geht das bei Nolan nicht nach hinten los. Sondern nach vorne durch. Abgesehen von allen technischen Begabungen des Regisseurs ist es diese Herangehensweise, die das Publikum irgendwie gleichermaßen sehr ernst nimmt und für debil hält, die Nolans Filme bisweilen so unfassbar stylish aussehen lässt. Und genau so hat er das jetzt jedenfalls auch mit Interstellar gemacht, das Ganze tut so, als sei es jetzt, heute, oder zumindest in einer sehr nahen Zukunft möglich: dass der Mensch die Grenzen des Universums erkundigt, der kleine, traurige Emo-Mensch mit seinem kleinen Stöckchen-Körper und seinem verknoteten Hirn, mit seinen Unzulänglichkeiten, Raumschiffen aus Alufolie, mit seiner Wut und seiner Liebe und seinen Autos irgendwo in Amerika.

Interstellar kann man tatsächlich nur vergleichen mit Gravity, aber es ist ein ganz anderer Film. Nolan verhält sich zu Kino so wie ein Ultra zu Fußball, ohne Distanz, immer nur auf 180, aber in allen Facetten auf 180, also auch in der Intelligenz, wozu übrigens auch die Langatmigkeiten des Anfangs gehören: Das ist Einleitung auf 180, alles ist bei Nolan eben immer absolut, unnachgiebig, ultra eben.

Die durchgeknallte Wucht, die Nolan aufwendet, sei hier am Ende noch einmal durch einen Link in Tönen verdeutlicht: Die Musik von Hans Zimmer, das ist dieser Deutsche, der alle Soundtracks bei Filmen mit Budget über 100 Millionen Dollar machen muss. Zimmer hat sich für Interstellar dazu genötigt gesehen, die Kirchenorgel zu verwenden, kein anderes Instrument hätte dem Film standgehalten. Zimmer legt los mit Regenrauschen, holt dann die Gespenster der im All Gestorbenen zum Chor herbei, sie werden von der heranpreschenden Höllenkavallerie der Kometenschauer eingeholt, überholt, und ganz am Ende kommt dann eben Zimmer an der Orgel. Kchhgrrrnssksss. Stellt Euch das in unfassbar laut vor, und die Bilder dazu passend. Das ist ein guter Trailer.

Interstellar ist Kino 2014, absolute Gegenwart, superslicke, schamlose Hollywoodgewalt, ich werde am Donnerstag gleich wieder hingehen, um mich von allen Seiten grillen zu lassen, ich freu mich jetzt schon so wahnsinnig drauf.

Ah und PS: Interstellar, so viel sei verraten, hat den bescheurtsten, campesten, besten Roboter seit C3PO. Es ist so ein Mann in einem Kühlschrank.

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