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Der Film »Der Bunker« zeigt, dass wir uns nicht vor Atombomben fürchten sollten, sondern vor unseren lieben Mitmenschen.

Fotos: Kataskop Film & Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion

Ein Physikstudent (Pit Bukowski), der sich auf eine Arbeit über das Higgs-Teilchen konzentrieren will, zieht als Untermieter bei einer Familie ein, die in einem Bunker lebt. Ein Zimmer mit Seeblick wurde ihm versprochen, in Wahrheit klebt nur eine Postkarte mit Sonnenuntergang an der Wand. Der Student gerät in eine verrückte Familie: Fast jeden Tag gibt es Knödel zum Abendessen, und die Mutter (Oona von Maydell) belohnt den erwachsenen Sohn mit Muttermilch. Der Bunker ist hier kein Schutzraum vor Atombomben, sondern dient dazu, die Geheimnisse der Familie vor der Welt zu verstecken. Dass die Grenze zwischen Militäranlage und Irrenhaus fließend ist, hat ja schon »Der Untergang« bewiesen. Der Bunker zeigt, dass die größten Gefahren im Inneren des Menschen lauern. Wir haben mit dem Regisseur Nikias Chryssos und der Schauspielerin Oona von Maydell über Lagerkoller und Erotik gesprochen.

In deinem Film »Der Bunker« sieht man viele unangenehme Szenen. Einmal wäscht der Vater dem Studenten devot die Füße, in einer anderen Szene zeigt die Mutter ihm eine offene Wunde am Bein als Vertrauensbeweis. Man kann das sehr toll finden, aber auch sehr seltsam. Welche Gefühle willst du beim Zuschauer auslösen?

Nikias Chryssos: Die Mischung aus Humor, Beklemmung, Erotik, Härte, Absurdität und Schönheit war mir wichtig. Am spannendsten wird es doch, wenn man nicht genau weiß, wie man sich in einem bestimmten Moment fühlen soll. Der Film will das nicht vorgeben. Einige der besten Reaktionen kamen aus Frankreich. Bei einer Vorführung in Straßburg musste der Projektor aus technischen Gründen ausgerechnet in der Szene, in der Klaus seinen Geburtstag feiert, gestoppt werden. Als der Film weiter lief, hat das Publikum in Klaus‘ »Happy Birthday«-Song eingestimmt. Das war großartig.

Der Schauspieler Daniel Fripan zusammen mit dem Regisseur Nikias Chryssos. ©: Sylvia Grave

Du hast mit Daniel Fripan, der den Klaus spielt und David Scheller, der den Vater spielt, schon den Kurzfilm: »Hochhaus« gedreht und mit Pit Bukowski den Kurzfilm »Der Großvater«. War das Vertrauen zwischen dem Regisseur und den Schauspielern wichtig für die Stimmung im »Bunker«?

Nikias Chryssos: Ja, auf jeden Fall. Ich mag starke, spezielle Charaktere. Es gab kein Casting im herkömmlichen Sinn. Daniel Fripan ist einfach auf meinen Schoß gesprungen, hat mich umarmt und mit den Augen geklimpert. Das war dann das Casting für »Klaus«. Mir war von Anfang an klar, wer welche Rollen spielen soll.

Im »Bunker« spielt die Mutter eine zentrale Rolle, weil sie den mächtigen Geist Heinrich in sich trägt. Wie war das für dich Oona?

Oona von Maydell: Die Handlungen der Mutter sind ja mitunter sehr grausam. Während der Arbeit war das enorm reizvoll, denn ich musste immer wieder die strenge Haltung der Mutter definieren.

Genau, sie genießt ihre Machtposition und die Abhängigkeit von Klaus und dem Studenten …

Oona von Maydell: Ich habe versucht, das Helikoptertum der Eltern in den Wahnsinn zu treiben. Es gibt ja die verschiedensten Arten der Abhängigkeit, die emotionale, finanzielle oder die sadomasochistische. Deshalb fällt ihr die Trennung und Loslösung von ihrem Sohn so schwer. Und nicht umgekehrt. Die Mutter nährt den Knaben mit der Brust. Das bringt zum einen den Effekt der Belohnung, zum anderen Wissen mit sich – und die damit verbundene Macht. Hast du etwas gut gemacht, wirst du belohnt.

Oona von Maydell in der Rolle der Mutter.

Oona von Maydell: Leitbilder waren Gena Rowlands, Faye Dunaway und Margit Carstensen. Ich habe einfach alle Filme mit diesen wahnsinnigen Weibsbildern verschlungen. Auch mit spirituellen Geschichten und dem »Channeln«, dem Empfangen von Botschaften übernatürlicher Wesen, habe ich mich über Monate beschäftigt.

Wie viel improvisatorische Freiheit brauchte »Der Bunker«?

Nikias Chryssos: Am Anfang dachte ich, dass wir einen Großteil der Dialoge improvisieren. Dann habe ich aber doch ein vollständiges Drehbuch geschrieben. Wir haben natürlich trotzdem einiges ausprobiert. Im Schnitt sind allerdings viele improvisierte Momente weggefallen, zum Beispiel wie Klaus und der Student Beethovens »Ode an die Freude« singen oder ein Gespräch über Klaus‘ Lieblings-Kuscheltier »Bimbo«. Einen Teil findet man dann auf der DVD.

Wie hat sich die klaustrophobische Atmosphäre auf das Team übertragen?

Nikias Chryssos: Wir waren einen Monat lang mit vier extremen Charakteren an einem psychotischen Set. Nach einer Weile überträgt sich das definitiv, bekommt dadurch aber auch eine besondere Intensität. Es war wirklich ein Gefühl der Befreiung, als wir für die letzten Drehtage raus in den Schnee gegangen sind.

Wart ihr bei den Dreharbeiten auch völlig abgeschottet oder seid ihr auch mal ins Dorf gefahren?

Nikias Chryssos: Wir haben zwanzig Tage im Haus gedreht. Das Team und die Schauspieler sind nach dem Dreh nach Hause gefahren, die meisten haben in Berlin übernachtet. Nur unsere Regieassistenz hat wie ein Hausgespenst das Set nicht verlassen und nachts das Equipment bewacht.

Was waren für euch die besten Momente bei den Dreharbeiten?

Nikias Chryssos: Da gab es viele. Zum Beispiel, als der Student dem kleinen Klaus zum ersten Mal in seinem Klassenzimmer begegnet. Das haben wir zwanzig Mal drehen müssen, weil alle immer so lachen mussten.

Oona von Maydell: Die Szenen am Tisch mit allen Darstellern sind die schönsten in meiner Erinnerung.

Und hat der »Bunker« eine Botschaft? Den Bildungsdruck unserer Gesellschaft anprangern, das Konzept der Familie in Frage stellen? Isolation ist nie gut? Oder ist das völlig überinterpretiert?

Nikias Chryssos: Der Film hat nicht die eine »Message«. Aber es gibt viele Themen, die mir wichtig sind: die Bindung zwischen Kind und Eltern und die Erwartungen, die man an seine Kinder, sich selbst und andere stellt. Was ist die Aufgabe von Erziehung? Was ist eigentlich Bildung? Stumpfes Auswendiglernen oder der Anstoß zu Reflexion? Es ist also auch eine Parodie auf eine bestimmte Art von Erziehung. Darüber hinaus steht der »Bunker« auch für eine extreme Form von Familienleben auf engstem Raum – und die Aufgabe des Studenten für die kreative Hölle, in die man sich begeben kann.

Oona von Maydell: Mit einer guten Erziehung, Bildung und Wissen schafft man alles. Man kann sogar Präsident werden. Nein, im Ernst. Kinder sind kein Eigentum. Eltern müssen lernen, die Kinder auch mal los zu lassen und ihnen das nötige Urvertrauen zu schenken. Eltern sind in ihrer Rolle am besten, wenn sie als beratende Instanz am Rand stehen!

Zum Abschluss ein lieber Gruß von Regisseur Nikias und Hauptdarsteller Daniel aus dem Bunker.

»Der Bunker« läuft seit dem 21.01. im Kino, weitere Infos unter: www.derbunker-film.de

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