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Ice, Ice, Baby

Seit kürzlich die Meldung durch die deutschen Medien ging, dass amerikanische Unternehmen wie Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen die Kosten für das Einfrieren von Eizellen erstatten, brandet ein Sturm der Entrüstung durch Kommentarspalten, Internetforen und Talkshows. »Social Freezing« nennt man es auf Englisch, wenn sich Frauen aus nicht medizinisch notwendigen Gründen dafür entscheiden, sich Eizellen entnehmen zu lassen, um so auch noch schwanger werden zu können, wenn ihr Körper das später auf natürlichem Wege nicht mehr hinbekommen sollte.

Die empörten Gegner dieses Verfahrens würden »Social Freezing« am liebsten gleich mit »soziale Kälte« übersetzen und verdammen diesen Schritt als perversen, frankensteinmäßigen Eingriff in die Natur.

Mich regt diese Diskussion seit einer Woche so auf, dass ich vor lauter Wut manchmal schreien möchte. Denn die Debatte hat sich sofort von der eigentlich diskussionswürdigen Frage entfernt, ob es sinnvoll ist, dass der Arbeitgeber bei solch privaten Entscheidungen mitmischt. Das kann man durchaus und berechtigterweise anzweifeln, wobei die Gründe, aus denen sich amerikanische Firmen dafür entschieden haben, auch mit der anderen Rolle des Gesundheitssystems in den USA zu tun haben. Dass solche Zahlungen in Amerika eher ein Teil eines Bonussystems sind, mit denen Firmen Fachkräfte binden wollen, und nicht nur bedeuten, dass dadurch Mitarbeiterinnen am Kinderkriegen gehindert werden sollen, sondern dass genauso auch 4000 Dollar Babyprämien gezahlt und Adoptionskosten übernommen werden, erklärt dieser Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ziemlich vernünftig.

Darüber wird aber nicht diskutiert. Stattdessen wird das Eizellen-Einfrieren an sich verdammt und Frauen, die sich dafür entscheiden, werden als karrieregeile Egoistinnen abgeurteilt, die mit Allmachtsphantasien die Natur überwinden wollen.
Mich schockiert, welche reaktionären Gedanken von Mutterschaft hinter solchen Urteilen immer noch stecken, fast möchte ich Vergleiche mit den Bildern der »deutschen Mutter« ziehen, die die Nazis und Eva Herman propagieren. Mutterschaft wird immer noch als eine Art Schicksal gesehen, dem sich eine gute Frau hingeben muss und hinter das sie alle persönlichen Befindlichkeiten zurückzustellen hat.

Dabei entspricht das doch schon lange nicht mehr unserer Lebenswirklichkeit. Seit es Verhütungsmittel gibt, die zuverlässig funktionieren, ist Schwangerwerden kein Schicksal mehr, sondern eine bewusste Entscheidung. Und es möchte doch auch keiner mehr in eine Zeit zurück, in der das noch nicht so war. Seit es die Pille und andere wirksame Methoden gibt, zögert fast jede Frau in Deutschland den Zeitpunkt des Schwangerwerdens hinaus, entweder weil sie sich noch zu jung für ein Kind fühlt, weil sie noch in der Ausbildung ist, weil sie noch nicht den richtigen Partner gefunden hat. Das ist seit über 50 Jahren schon so. (Und natürlich gibt es auch Frauen, die gar keine Kinder möchten.)

Was aber immer länger dauert, ist unser Erwachsenwerden. Wir machen nach dem Abi ein Jahr Auszeit, studieren lange, machen Praktika, wechseln die Städte, die Partner und die Jobs, hangeln uns von Jahresvertrag zu Jahresvertrag oder basteln an unserer Selbstständigkeit. Das hat in den wenigstens Fällen etwas mit Karrieregeilheit zu tun. Es dauert einfach für viele von uns ein bisschen, bis wir bei uns selbst und bei einem dauerhaften Partner angekommen sind, und oft ist das auch der Punkt, an dem wir zum ersten Mal ernsthaft übers Kinderkriegen nachdenken. Was aber, wenn man zu diesem Zeitpunkt nicht 25, sondern eher 35 Jahre alt ist? Dann kann es schon eng werden mit dem Schwangerwerden auf natürlichem Wege. Wäre es nicht toll, wenn man da mit Mitte Zwanzig schon ein paar tolle, junge Eizellen zurückgelegt hätte? Als Versicherung, sozusagen?

Ich verstehe nicht, was daran so verwerflich sein soll, wenn man sich mit eingefrorenen Eizellen eine kleine zusätzliche Chance sichern möchte, einmal Mutter werden zu können, auch wenn das Leben nicht ganz so schnell und gradlinig verläuft, wie man sich das vielleicht einmal vorgestellt hat. Und ich spreche nicht davon, wie es sich manche Gegner gerne in den schrecklichsten Bildern ausmalen, dass man mit Mitte 50 sein erstes Kind bekommt und das Baby statt in den Kinderwagen gleich auf den Rollator setzen muss. Eingefrorene Eizellen können eine zusätzliche Möglichkeit für Frauen sein, bei denen der Körper schon mit Ende Dreißig an die Grenzen seiner Fruchtbarkeit gerät. (Und natürlich sind auch eingefrorene Zellen keine Garantie, um wirklich schwanger zu werden.) Und, weil das auch ein oft angeführtes Argument der Gegner des Social Freezings ist: Natürlich sollte man weiterhin alles dafür tun, dass Arbeitsleben und Familie besser vereinbar werden, dass Männer Verantwortung für ihre Vaterrolle übernehmen und vielleicht auch Teilzeit arbeiten. Natürlich sollten Elternpausen irgendwann nicht mehr bedeuten, dass man danach nur noch langweilige oder gar keine Jobs kriegt. Aber das Eine schließt doch das Andere gar nicht aus.

Es gibt tausend verschiedene, höchst individuelle Gründe, warum Menschen finden, dass jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt für Nachwuchs sei, der Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung ist nur ein einziger davon. Doch all die scheinen nicht zu gelten, weil es dieses übergeordnete, höchst problematisch aufgeladene Konzept der Mutterschaft gibt, das der einzige legitime Sinngeber sein darf. »Wie, du möchtest noch kein Kind, weil dir dein Job jetzt gerade echt wichtig ist und viel Spaß macht? Oder weil du Lust hast, nochmal ein Jahr ins Ausland zu gehen? Du armes, fehlgeleitetes, vom Kapitalismus gehirngewaschenes Ding, eines Tages wirst du schon merken, wie falsch diese Gedanken war.«

Was mich bei dieser ganzen Diskussion am meisten trifft, ist die Härte, mit der insbesondere Mütter über das Thema urteilen. Der ewig wiederholte Satz »Den richtigen Zeitpunkt für ein Kind gibt es doch eh nicht« ist nämlich keine Handlungsanweisung, mit der Kinderlose etwas anfangen können. Klar kriegt man es in den meisten Fälle dann doch irgendwie ganz gut hin, ein Kind aufzuziehen, auch wenn es noch nicht geplant war. Klar macht das auch glücklich und man wird sich in den seltensten Fällen wünschen, das Kind wäre jetzt lieber nicht da. Und natürlich erscheinen viele Prioritäten, Befindlichkeiten und Ängste, die man vor dem Kind hatte, nach der Geburt plötzlich vollkommen unwichtig. Das glaube ich alles gerne und ich habe es auch schon oft bei Freunden gesehen. Aber das reicht doch nicht, um für sich selbst zu entscheiden, sofort auf alle äußeren Umstände zu pfeifen und die Verhütung einzustellen. Oder soll man dann insgeheim hoffen, dass man, genau wie die ungeplanten, aber jetzt glücklichen Eltern, eine Verhütungspanne hat? Da ist er wieder, der Gedanke vom Schicksal, der offenbar so viel moralisch hochwertiger zu sein scheint als die bewusste Planung.

Ich verstehe einfach nicht, warum man Frauen verdammen sollte, die zusätzliche Möglichkeiten nutzen möchten, um ihren Kinderwunsch so umzusetzen, wie er am besten zu ihnen und ihrer individuellen Situation passt. Wir stolpern doch auch sonst nicht vollkommen ungeplant durch unser Leben, sondern haben eine Vorstellung davon, wie es in etwa laufen sollte, damit wir glücklich sind. Und wenn dazu gehört, dass man erst mit Ende Dreißig oder Anfang Vierzig ein Kind bekommen möchte, dann weiß ich nicht, warum man das jemandem vorwerfen sollte. Und was ist mit den Frauen, die vielleicht erst spät den richtigen Partner für die Familiengründung finden (laut dem zitierten FAZ-Artikel in Deutschland mit über 90% der häufigste Grund, warum Frauen sich fürs Einfrieren entscheiden) – soll man denen dann halt einfach sagen: Pech gehabt, hättest du dir halt mal schneller den passenden Mann gesucht?

Die eigentliche soziale Kälte hinter dieser ganzen Debatte steckt nicht in der Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen ihren Kinderwunsch aufschieben, sondern darin, wie stark ihnen noch immer das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen wird.

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