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Mach, was du bist!

Seit unserer Kindheit erzählt man uns, wir könnten alles werden, was wir werden wollen. Mehr noch: Wir hätten auch das Zeug dazu, darin extrem gut zu sein. Das ist eine Lüge.

Programmierer: Ach, Nerd. Du hast es gut. Du hast Spaß an deinem Job. Und: Sicherheit. In den vergangenen fünf Jahren entstanden allein in Deutschland 125 000 neue Stellen für IT-Profis.

Wenn ein Verbrechen geschieht, hört Sarah Linden auf zu essen. Sie vergisst, sich um ihren Sohn zu kümmern, sie vergisst zu schlafen und zu duschen. Während der Ermittlungen entgleitet der Polizistin ihr ganzes Leben, aber am Ende löst sie den Fall immer. Linden, die Protagonistin der wahnsinnig guten, düsteren US-Krimiserie »The Killing« ist nicht nur fleißig und gewissenhaft. Sie ist ein genialer Cop. Und sie ist das ganz selbstverständlich, weil sie es eben: einfach ist.

Mit solchen souveränen Selbstverwirklichungsstorys mancher Menschen werden wir heute permanent konfrontiert nicht nur in TV-Serien. Hier das Interview mit Netflix-Gründer Reed Hastings, der mal eben die Medienindustrie umgekrempelt hat. Da der Tweet des smarten Astronauten Alexander Gerst, der den Song lobt, den die Plattenmillionäre Sido und Andreas Bourani ihm zu Ehren geschrieben haben. Dort das Porträt eines jungen, visionären Start-uppers aus Berlin, der für seine Big-Data-Analyseplattform vierzig Millionen Dollar Investitionskapital aus dem Silicon Valley bekommt. Und dazwischen suchen sie im Fernsehen unentwegt Superlative: Supermodels, Superstars, »The Biggest Loser«. Überall Gewinner, denen alles aufs Beste und dabei Leichteste zu gelingen scheint weil sie ihr Ding gefunden haben. Und machen.

Und dann gibt es da einen selbst: Nachdem man Sarah Linden drei Folgen lang bei der Arbeit zugeschaut hat, geht man am nächsten Morgen verändert ins Büro. Steht ein bisschen verschämt im Kopierraum, schaut ein bisschen verunsichert in den Kalender. Weil man plötzlich Folgendes realisiert: Wie weit das doch weg ist von einem selbst, das Außergewöhnliche. Wie selten man geniale Ideen hat und in dem Job aufgeht, den man macht. Wie präsent die immer gleichen Fragen sind, die man sich schon vor dem Abi, während des Studiums und nach den ersten Praktika dauernd gestellt hat: Bin ich da richtig, wo ich bin?

Große Fragen, die niemand mehr hören kann, weil wir sie eh dauernd mit Kollegen, Freunden, Eltern, Therapeuten besprechen. Nach einer aktuellen Umfrage ist jeder zweite Deutsche unzufrieden in seinem Job und erwägt, ihn in den nächsten zwölf Monaten zu wechseln. Als Gründe geben die Befragten neben dem Wunsch nach besserer Bezahlung an, »Abwechslung und mehr Anerkennung« zu wollen.

Die schlecht gelaunte Verunsicherung, für die irgendwann der schlimme Begriff der »Quarterlife-Crisis« erfunden wurde, geht allen auf die Nerven. Vor allem uns selbst, denn wir müssen sie ja aushalten. Zurückzuführen ist die Dauerunzufriedenheit auf eine Idee, die bereits nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde im »Jahrhundert der Umverteilung«, wie es der französische Historiker Pierre Rosanvallon nannte. Die Idee lautete: Wohlstand für alle! Also auch: Erfolg für alle! Und zwar kasten-, herkunfts- und religionsunabhängig. Als dieses Ziel weit gehend erreicht und die gesellschaftliche Grundversorgung gesichert war, wandten sich die Menschen inneren Problemen zu der weitgehenden Vollbeschäftigung sollte nun eine Vollselbstverwirklichung folgen. Mit den Jahren entwickelte sich dieser Anspruch aber zu einer der größten Lügen unserer Zeit. Der Anspruch: Wir haben die Möglichkeit, alles zu werden, was wir werden wollen.

Die Lüge: Und genau deshalb können wir auch gut in allem werden.

Offizier: In keinem Beruf kam man Anfang des 20. Jahrhunderts besser zu Ansehen als beim Militär die Offiziere galten als »Elite der Nation«. Zwei Kriege änderten das Bild radikal.

Die Erfahrung aber zeigt: Nur weil wir uns vorgenommen haben, als Tänzer, Chemikerin, Coder oder Pilotin für Furore zu sorgen, haben wir nicht unbedingt Erfolg. Marina Weisband, ehemalige Frontfrau der Piratenpartei, postete neulich auf ihrer Facebook-Seite: »Wir sind als Generation enttäuscht, weil unsere Eltern uns damals, aus ihrem Wohlstand heraus, gesagt haben, wir können alles werden, was wir wollen.« Der Beitrag bekam knapp 11 000 Likes, auch wegen dieses Nachsatzes: »Technisch gesehen haben sie nie behauptet, wir könnten Geld damit verdienen.« Manchmal helfen eben auch drei Masterabschlüsse, das Jahr im Ausland und all die vielversprechenden Xing-Kontakte nicht weiter. Am Ende können wir vielleicht doch nicht alles werden, was wir werden wollen, sondern nur das, was wir werden können. Also: was wir sind.

Das klingt so abstrakt, dass man eigentlich schon wieder bei Nietzsche ist. Der Philosoph hatte wenige Wochen vor seinem geistigen Zusammenbruch eine Autobiografie mit dem Titel »Ecce Homo. Wie man wird, was man ist« geschrieben. Offenbar ein Lebensthema: Schon 1874, vierzehn Jahre zuvor, stellte er in seinen »Unzeitgemäßen Betrachtungen« fest: »Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur auf zuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, welches ihm zuruft: ›sei du selbst!‹«

DER ALTE TRAUM VON DER SELBSTVERWIRKLICHUNG: Als Kind wünscht man sich, Lokomotivführer, Feuerwehrmann oder Ballerina zu werden – »wenn man groß ist«. Kinder ­träumen von ­Berufen, die Abenteuer, Action und Spaß versprechen.

Dieser Satz hängt uns bis heute nach. Dabei ist »Sei du selbst!« der unausgegorenste Slogan überhaupt. Weil man dazu erst einmal wissen müsste: Wer bin ich? Was ja nie viel mehr heißt als: Was zeichnet mich aus? Und: Was sind meine Talente?

Aber wie findet man heraus, ob sich hinter all dem Dauerzweifelnebel überhaupt eine besondere Begabung versteckt, die man nur entdecken müsste, um endlich mehr als gut zu sein? Der Karriereberater Horst G. Kaltenbach versucht es so: »Wenn wir alles vergessen würden, was wir gelernt haben, bliebe uns unser Talent. Talent als Veranlagung hat man, wie man kurze oder lange Beine hat.« Die Wissenschaft will sich mit dieser Definition nicht zufriedengeben und arbeitet an immer neuen Methoden, angeborene Begabungen messbar zu machen. So sind der Genforschung mindestens 52 Varianten von 36 Genen bekannt, die Auswirkungen auf unsere sportlichen Fähigkeiten haben. Aber auch intellektuelles und künstlerisches Talent lässt sich durch Gentests bestimmen. Untersuchungen zeigen zum Beispiel, dass bei hochbegabten Menschen eine erhöhte Aktivität in der entsprechenden Hirnregion messbar ist.

Arzt: Dauerbrenner unter den Traumberufen: Rund achtzig Prozent der Deutschen haben seit Jahrzehnten Respekt vor Medizinern. Kein wunder, dass der notwendige Abischnitt für einen Studienplatz bei 1,0 liegt.

Aber auch wer die Idee gruselig findet, einen Gentest über die Ausrichtung seines Lebens bestimmen zu lassen, sucht doch Orientierung. Anders ist nicht zu erklären, dass immer mehr Dienstleister auftauchen, die versprechen, die wahre Bestimmung ihrer Kunden zu definieren. Die Agentur »Entwicklungshelfer Ideenlabor«, die vom Düsseldorfer Beraterduo Barbara Rörtgen und Tim Prell gegründet wurde, zum Beispiel. Das Versprechen der beiden: Nach nur einem Tag Intensivberatung Kosten: 1900 Euro sagen sie ihren Klienten ganz konkret, welchen Job sie machen sollten. »Wir haben einen Fragenkatalog entwickelt, mit dem wir gezielt versteckte oder lang verdrängte Fähigkeiten aufdecken», sagt Tim Prell. Kunden, die sich zu Beginn des Gesprächs dreißig Stärken zuordnen würden, könnten danach im Schnitt 120 benennen. Seine ernüchternde Bilanz: Achtzig Prozent der Menschen haben den falschen Job. »Wir raten dann zum konsequenten Wechsel«, sagt Prell. Das heiße zwar nicht, dass dies immer der leichteste Weg sei, aber »wenn man seinem Potenzial und seiner Persönlichkeit entsprechend neu durchstartet, bekommt man das Gefühl, sich auf dem richtigen Weg zu befinden«, sagt Tim Prell. Das gelte im Job und im Leben überhaupt.

An diesem Punkt setzt auch die junge Stiftung Millionways (millionways.org) an. Die dreizehn Mitarbeiter führen Telefoninterviews mit Menschen, die sich bei ihnen melden, und sie beraten sie dabei, wie und mit welchem Partner sie ungelebte Träume am besten umsetzen können. »Wir suchen in unserer Kartei nach Menschen, die gleiche Interessen, aber unterschiedliche Stärken haben, damit sie sich gegenseitig unterstützen können«, erklärt der 31-jährige Millionways-Gründer Martin Cordsmeier. Eine 91-jährige Hamburgerin, die sich unterfordert fühlte, stellt nach der Millionways-Beratung nun gemeinsam mit anderen Altenheimbewohnern Spielzeuge für ältere Menschen unter dem Label »Senior Made« her. Damit macht sie nicht das große Geld, tut aber etwas Erfüllendes. »Für die jungen Menschen, die zu uns kommen, steht dagegen meist der konkrete Nutzen im Vordergrund«, sagt Cordsmeier, »die Frage: Ist mein Talent wertvoll?«

Wir wollen in Wahrheit gar nicht wissen, wer wir sind. Wir fragen uns: Wie gut bin ich? Genau das aber ist der Punkt, der die toxische Dauerunzufriedenheit hervorbringt.

Journalist: Auf eine Zigarette zur Enthüllung: In Nachkriegszeiten und dank Watergate-Affäre hatten Journalisten nicht nur eine Menge zu tun, sondern auch den Glamour des coolen Reporters.

Und darauf gibt es heute nur eine Antwort: Nicht gut genug. Die »You are so special«-Rhetorik der Medien und unserer Eltern hat uns dermaßen den Kopf verdreht, dass wir falsche Ziele verfolgen und Erwartungen haben, die nicht zu erfüllen sind. Kein Wunder, dass alle so unglücklich sind. Der polnischbritische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman sagt, die Kultur des Konsumismus sei geprägt vom Druck, jemand anderes zu sein. Und es gehe dabei um den Erwerb von Eigenschaften, für die auf dem Markt eine Nachfrage besteht. Wir sind längst keine Selbstverwirklichungsjunkies mehr, wie uns oft vorgeworfen wird, sondern Selbstmaximierungsopfer. Ein Durchschnittsdasein ist für uns ungefähr so gut vorstellbar, wie nie wieder Musik hören zu dürfen. Grundgefühl: Man könnte weiterleben, natürlich, aber gleichzeitig wäre das Leben halt auch vorbei.

In Wahrheit ist es aber doch so: Jeder Mensch kann einige Dinge sehr gut und andere eher so mittel, jeder ist eine Mischung aus Talent und Durchschnitt. Und das ist überhaupt nicht so traurig, wie es klingt.

Erfinder: Jeder ist auf der Suche nach dem nächsten Superstart-up. Eine Umfrage ergab 2014, dass jeder vierte Mann am liebsten Erfinder wäre das Vorbild: Bill Gates.

Markus Reiter, der das schöne Buch »Lob des Mittelmaßes« geschrieben hat, sagt: »Mittelmaß meint die natürliche Ungerechtigkeit in der Verteilung von Intelligenz und Talent; Mittelmäßigkeit bedeutet, aus Mangel an Mut und Entschlossenheit unter seinen Möglichkeiten zu bleiben.« In der Antike war das Leben in der »goldenen Mitte« (Horaz) sogar ausgesprochen angesehen: Die »Nikomachische Ethik« des griechischen Philosophen Aristoteles sah das Mittelmaß gar als anzustrebenden Punkt zwischen zwei gefährlichen Extremen: Zwischen Tollkühnheit und Feigheit stand die Tapferkeit, zwischen Verschwendung und Geiz die Großzügigkeit. Nur wir haben verlernt, das Mittelmaß zu schätzen.

Wenn wir also aufhören wollen, uns in einer dauernörgelnden Rastlosigkeit zu verlieren oder in dem Ärger über sie, wenn wir wirklich zu uns finden wollen, müssen wir diese zwei Gedanken verinnerlichen:

  1. Talente sind schön, aber in den seltensten Fällen nützlich.
  2. Der Regelfall ist das Gewöhnliche.

Investmentbänker: Filme wie »wall Street« oder Tom Wolfes Roman »Fegefeuer der Eitelkeiten« feierten Banker als »Masters of the Universe«. Seit der Finanzkrise hat das Image drastisch gelitten.

Nietzsche hatte vermutlich unrecht, als er sagte, der Mensch müsse nur aufhören, gegen sich selbst bequem zu sein, um aus der Masse hervorzustechen, um also er selbst zu sein. Höchstwahrscheinlich hatten sogar unsere Eltern unrecht, als sie sagten, wir könnten alles werden, was wir werden wollen. Und ganz sicher liegen wir selbst falsch, wenn wir insgeheim immer wieder den Superlativ von uns erwarten. Wenn wir uns schlecht fühlen, weil wir in unserem Job keinen siebten Sinn haben, keine außergewöhnliche Gabe.

Es ist keine Schande, zur Masse zu gehören. Es ist nur eine Schande, mittelmäßig zu sein. Wenn wir das verstehen, haben wir gute Chancen, zu werden, wer wir sind. Nicht, wer wir sein sollten. Wer weiß, vielleicht macht uns das am Ende ja sogar zufrieden.


Dieser Text ist in der Ausgabe 10/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für Apple & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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