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Mein Lebenswerk: Devendra Banhart

Manche Werke verändern unser Leben. Hier stellen Prominente diejenigen vor, die sie besonders geprägt haben. Diesmal: Devendra Banhart.

Text: Devendra Banhart | Foto: Marlene Mueller

Devendra Banhart gilt als Gründer des sogenannten Weird Folk. Er wurde in Houston geboren, zog dann mit seiner venezolanischen Mutter nach Südamerika und wuchs später in L.A. auf. Gerade erschien sein neuntes Album „Ape In Pink Marble“ (Nonesuch/Warner). Das Cover hat er wie immer selbst gezeichnet – er begreift sich nicht nur als Musiker, sondern als interdisziplinärer Künstler.

Nur ein Werk auszuwählen, das mich beeinflusst hat, fällt mir schwer. Seit mich NEON vor einigen Monaten angefragt hat, denke ich darüber nach. Fast hätte ich abgesagt. Dann wurde mir klar, dass ich etwas finden müsste, das diverse Künste und Disziplinen zusammenbringt: eine Person, die das verkörpert, was früher Harry Smith war.

Harry Smith ist dieser unglaubliche Typ, der in den Sechzigerjahren im Chelsea Hotel in New York lebte. Er war nicht nur ein Künstler, Anthropologe und Bohemien, sondern eine Vaterfigur und ein Berater für viele Charaktere dieser Zeit. Ohne ihn hätte es die Counterculture-Bewegung und die Beat Generation nicht gegeben – Foren, auf denen sich Künstler mit ihren Mitteln gegen den Staat, den Vietnamkrieg und den Kalten Krieg aussprachen. Allen Ginsberg, Bob Dylan, jeder hing mit Harry Smith in dessen Apartment ab. Er war einer dieser Menschen, die damals ein lebendiges Internet waren. Er war wie Google, eine Instanz, der Menschen Fragen stellten und bei der sie Rat suchten. Zudem hat Harry die einflussreichste Anthologie der amerikanischen Folk Music herausgebracht und somit viele Schallplatten vor der Zerstörung gerettet. Dank ihm hörte Bob Dylan Lead Belly und wurde, wer er ist. Genau an diesem Punkt habe ich auf der Suche nach meinem Lebenswerk angesetzt und mich gefragt: Verdammt, Devendra, wer ist dein Harry? Wer sampelt heute viele verschiedene Kunstdisziplinen? All diese Gedanken führten zu einer Person: Laurie.

Laurie Anderson.
Eigentlich würde es schon genügen zu erwähnen, dass sie der erste Artist in Residence der Nasa – ja, der Raumfahrtbehörde – war. Doch sie ist so viel mehr: Um zu erahnen, wer sie ist, muss man ihren Film „Heart of a Dog“ gesehen haben. Er ist ein wahnsinnig interdisziplinäres Meisterstück. Laurie hat die Zeichnungen zum Film gemacht, die Visuals und Animationen. Auch die Filmaufnahmen selbst, die Storyline und die cineastische Umsetzung sind grandios. Alles verwoben durch diese poetische und persönliche Erzählung Lauries. Ich habe mir den Film oft angesehen, und jedes Mal musste ich dabei weinen. Der Film ist eine Einladung zum Weinen.

Zum ersten Mal nahm ich Laurie auf dem College wahr. Viele meiner Freunde, etwa die Musikerin Joanna Newsom, gingen mit Laurie auf das Mills College und brachten mir so ihre Kunst nahe. Ich selbst war auf dem San Francisco Art Institute, das ihr die Ehrendoktorwürde verlieh. So war Laurie auf beiden Schulen präsent – und damit für uns überall. Sie war unser Harry Smith.

Als ich 18 Jahre alt war, legte ich zum ersten Mal Platten auf, der Laden in San Francisco hieß El Rio. Musiker, Maler, DJs, Künstler besuchten die Party. Ich fragte mich, mit welcher Musik ich sie berühren würde. Der erste Song, den ich an diesem Abend auflegte, war Lauries „O Superman“. Und ich erkannte: Jeder, wirklich jeder meiner Freunde liebt sie.

Als ein Kind des San Francisco Art Institutes habe ich Skulpturen geformt, Performances gemacht, gemalt, gezeichnet, gefilmt und viele Genres ausprobiert. Musiziert habe ich auch schon, damals aber nur zu Hause. Ich liebe all diese Disziplinen, aber das ist schwer zu vermitteln. Viele waren schockiert, als ich vergangenes Jahr mein Kunstbuch „I Left My Noodle on Ramen Street“ (Prestel) herausgebracht habe. Aus der Kunstwelt spürte ich einen großen Widerstand. Die Leute sagten: „Devendra, du bist doch Musiker, du kannst nicht plötzlich ein Maler oder Künstler sein.“ Mir geht es damit wie vielen meiner Freunde. Auch Adam Green wurde nicht ernst genommen, als er plötzlich Filme drehte. Trotz aller Freigeistigkeit ist es selbst auf dem College so, dass man sich zwar in vielen Dingen ausprobieren soll, sich am Ende jedoch auf eine Kunstform festlegen muss. Aber was ist, wenn man sich nicht für eine entscheiden kann? Diese Frage, die meine und wohl auch Lauries Arbeit prägt, stelle ich mir oft. Eine Künstlerin wie Laurie zu kennen, die mit all diesen Disziplinen experimentiert, ist wichtig für mich. Es hilft mir zu wissen, dass es jemanden gibt, der genau das tut, was ich tun will – und dass das auch okay ist.

In Momenten, in denen an meiner Kunst gezweifelt wird oder ich an ihr zweifle, wende ich mich immer wieder Lauries Werk zu. Ich habe ihr Buch „United States“ zu Hause auf meinem Tisch liegen, es war Teil einer ihrer Performances. Wenn ich manchmal nicht mehr weiterweiß, dann öffne ich es. Dieser kleine Akt fühlt sich für mich wie ein Spaziergang an. Einer, der meine Gedanken klärt. Plötzlich fliegen mir Träume, Projektionen, Erinnerungen und Eindrücke zu und fügen sich zu einem klaren Bild zusammen. Laurie hilft mir dann regelrecht, die Zeit anzuhalten und weiterzumachen. Einfach weil ich dann weiß, ich bin mit meinen Gedanken nicht allein.


Dieser Text ist in der Ausgabe 12/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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