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Wie wir leben wollen

Hamburg war einst ein Ort, der die Popkultur prägte. Dass die Stadt der »Läden, Schuppen und Kaschemmen« sich immer schneller wandelt, erzürnt viele – Clubbetreiberin Julia Staron treibt es an.

Julia Staron. Foto: Angela Gruber

Udo Lindenberg nuschelt ein paar Worte ins Mikrofon, dann drückt er das Knöpfchen. Es wird Licht, hinter ihm. Lindenberg hat hier auf der Hamburger Reeperbahn als einziger Künstler einen Stern mit seinem Namen im Asphalt, und er hat die »geile Meile« St. Paulis in einem seiner Lieder besungen. Dass Lindenberg auf dem Reeperbahnfestival 2015 die Lichtinstallation des neuen St. Pauli Klubhauses eröffnen darf, ist also beste Symbolpolitik in einer Stadt, die sowieso viel von Marketing versteht.

2024 sollen die Olympischen Spiele in die Stadt kommen, die Musicalbühnen sind schon da. Viele Hamburger halten die Spiele, gelinde gesagt, für eine Schnapsidee und Muscialfans sind sie auch nicht. Sie nehmen es den Verantwortlichen übel, die Stadt an der Elbe immer mehr in eine strahlende Event-Location verwandeln zu wollen.

Wer heute in seinen Zwanzigern und in Hamburg aufgewachsen ist, der erzählt, dass die Eltern früher noch verboten haben, nach St. Pauli zu gehen oder auf die Schanze. Heute ist das Viertel Showcase einer Entwicklung, die es in vielen Städten Deutschlands gibt: St. Pauli wird durchgentrifiziert, sagen die, die vorher schon da waren. Die Mieten steigen, der Siff verschwindet. Die Esso-Häuser sind schon weg, nach langem Kampf. Die Süddeutsche Zeitung zitierte neulich Rocko Schamoni, den Gründer des legendären Hamburger Clubs Golden Pudel, mit den Worten: »Städte brauchen ihren Dreck. Dreck ist der Bodensatz der Kunst.« Schamoni denke über einen Umzug nach Bayern nach, war zu lesen.

Das geliftete Gesicht der Stadt gefällt nicht allen Hamburgern, weiß auch Clubbetreiberin Julia Staron. »Aber der ständige Wandel ist auch das, was St. Pauli immer schon ausgemacht hat«, sagt Staron. Seit Jahren prägen sie und ihr Mann Olaf die Hamburger Kulturszene. Das neue Klubhaus, dessen Fassade nun dank des Lindenberg’schen Drückers in pulsierenden Farben erstrahlt, ist die Heimat von Starons’ an diesem Abend eröffneten Clubs, dem Kukuun. Mitten auf der Reeperbahn zwischen den Docks und dem Schmidt-Theater wollen die Starons dem Nischigen eine Heimat geben. Es ist eine Wiederauferstehung an altem Ort. Bis 2012 war das alte Cocoon Anlaufstelle für Künstler, Musiker und andere Crossover-Projekte. Dann wurde das Gebäude abgerissen.

Jetzt ist Staron wieder hier und läuft hinter der leuchtenden Medienfassade zur Hochform auf, stößt mit Gästen an und klebt nebenbei schnell noch das flatternde Ende einer Getränkekarte wieder an der Bar fest, während auf der Bühne nach den gefälligen Indie-Poppern Pool der Pianist Martin Kohlstedt Kontrastprogramm liefert. Für Staron ist das Reeperbahnfestival die Chance, das Kukuun-Konzept einer breiten Masse vorzustellen, schmackhaft zu machen.

Starons Einsatz für St. Pauli hat sich ausgezahlt, sie blieb auch nach dem Auszug dran, kümmerte sich um Bauideen für das Grundstück und konnte mit dem Kukuun an die Reeperbahn zurückkehren, wurde nicht verdrängt. Staron sagt: »Wenn jemand von »seinem« St. Pauli spricht, werde ich immer hellhörig. Der Stadtteil gehört niemandem.«

Weil das so ist, gehört St. Pauli folglich aber auch nicht den Touristen-Horden und Wild-Pinklern. Gegen die hat Staron kürzlich öffentlichkeitswirksam einen speziellen Lack vorgestellt, der den Feiernden ihr Wildpinkeln mit gleicher Münze heimzahlen soll. »St. Pauli pinkelt zurück« titelten Medien feixend. Denn der Lack schafft es, dass Flüssigkeiten an ihm abperlen. So machen sich die Übeltäter selbst Hose und Schuhe nass. St. Paulier Wehrhaftigkeit.

Schrieb Christoph Twickel in seiner »Hamburger Popkulturgeschichte« noch von »Läden, Schuppen und Kaschemmen«, prägen heute die Tanzenden Türme am Ende der Reeperbahn mit ihrer Glasfassade die Sicht. Ein misslungenes Bauprojekt, sagt Staron: »Das ist völlig vom Kiez abgeschottet, das fügt sich nicht ein«, sagt sie. Letzlich litten unter der verfehlten Baupolitik aber die Betreiber und Gastronomiebetriebe des Hochhauses selbst. »Pauli braucht ein belebtes Erdgeschoss, das muss einladend sein.« Dann verschwindet sie im Gemenge des Kukuuns, hinaus auf die Terasse. Von dort aus hat man einen guten Überblick über den Wahsinn, der sich unter einem abspielt. Reeperbahn eben.

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