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"Ich bin heute schon fertig, wenn ich zwei Tage hintereinander trinke"

Tatort-Star Jasna Fritzi Bauer erzählt im Interview, dass es gut ist, manchmal drei Tage wach zu sein und warum Schauspieler im Nachtleben besser durchdrehen können.

Teenage Wasteland: Tatort-Star Jasna Fritzi Bauer im Interview mit Neon

Tatort-Star Jasna Fritzi Bauer erzählt im Interview, dass es gut ist, manchmal drei Tage wach zu sein und warum Schauspieler im Nachtleben besser durchdrehen können.

Jasna Fritzi Bauer lehnt lässig am verabredeten Treffpunkt im Wiener Museumsquartier an der Hauswand, sie trägt eine Wollmütze und raucht. Wüsste man nicht, dass sie 27 Jahre alt ist, würde man sie fragen, welcher verantwortungslose Erwachsene ihr denn bitteschön die Zigaretten besorgt hat. Kein Wunder, dass die Regisseure sie lieben, wenn sie schwierige Teenager-Rollen zu besetzen haben: Jasna Fritzi Bauer geht vom Aussehen her noch problemlos als fünfzehn durch, hat aber so viel Schauspielerfahrung und Talent, um komplizierte Biografien glaubhaft und bewegend darzustellen. Im Kino war sie unter anderem zu sehen als Mädchen mit Tourette-Syndrom im Film "Ein Tick anders", in Christian Petzolds "Barbara" und in der Verfilmung des Romans "Scherbenpark" von Alina Bronsky. Außerdem war sie drei Jahre lang Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.


Du spielst in deinen Filmen meist ganz ähnliche Rollen: Teenager in Trouble, junge Frauen, die es schwer haben, die Außenseiter sind und ganz schön strampeln müssen, um im Leben zurechtzukommen. Fühlst du dich wohl in dieser Rollen-Schublade?

Es würde mich schon herausfordern, mal eine ganz andere Figur zu spielen. Aber ich kann meine Angebote den Casting-Leuten nicht verübeln: Wenn die drei Sozialdramen mit mir gesehen haben, wo ich entweder ein armes Kind einer Alkoholiker-Mutter spiele oder aus Russland immigriert bin, dann ist schnell eine Connection da. Wenn dann wieder so eine Rolle zu besetzen ist, denken die: Ach, da können wir ja Jasna fragen.

Wie findest du den Zugang zu diesen schwierigen Lebensgeschichten? Du bist im beschaulichen Wiesbaden aufgewachsen.
Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber: Wenn man sich das sogenannte Unterschichten-Fernsehen anguckt, also diese ganzen Reality-Soaps und Dokus im Privatfernsehen, kriegt man einen ganz guten Eindruck, wie man solche Figuren vielleicht spielen kann.

Und deine eigene Jugend war eher brav und langweilig?
Nee, eigentlich gar nicht. Aber in Wiesbaden konnte man halt nicht so viel machen. Die meiste Zeit waren wir im Schrebergarten von der Mutter von einem Kumpel. Man musste draußen rumhängen, weil man in die drei Läden, die es gab, noch nicht reingekommen ist. Außer, wenn man mit Älteren unterwegs war, dann haben die uns reingeschmuggelt: Die haben sich einen Stempel geholt und wir haben den dann schnell auf die eigene Hand gedrückt. Später sind wir viel nach Frankfurt oder Mainz zum Feiern gefahren, und ich habe in einer Bar gearbeitet.

Du hast die Schule kurz vorm Abi abgebrochen, wurdest dann direkt an der Ernst-Busch-Schauspielschule genommen und bist nach Berlin gezogen. Da kann man besser ausgehen als in Wiesbaden.
Die erste Zeit war ich mit den anderen Schauspielstudenten jede Woche mindestens drei Tage feiern. Das war richtig anstrengend. Aber auch geil.

So richtig Drei-Tage-wach-mäßig?
Manchmal ja. In der Bar 25: Freitagabend rein, Sonntagabend raus, geschlafen hat man entweder auf der Wiese oder auch gar nicht.

Weil man was eingeworfen hat?
Nein, nein. Weil man so jung ist und noch drei Tage wach sein kann.

Machst du das heute nicht mehr?
Im Leben nicht! Ich bin heute schon fertig, wenn ich zwei Tage hintereinander trinken gehe. Ich komme dann nicht mehr aus dem Bett. Man merkt, wie es rapide bergab geht. Zwei Tage wach schaffe ich noch, drei aber echt nicht mehr.

Unsere Generation ist ja auch angeblich eher spießig als wild.
Ich kann das für mich jetzt wirklich nicht behaupten. Aber man merkt schon, das alles ein bisschen spießiger geworden ist. Ich habe Kollegen, die sind verheiratet und kriegen das zweite Kind – mit 27. Ist natürlich okay, wenn die da Bock drauf haben. Ich habe keinen Bock drauf.

Hast du keine Lust auf Kinder und Familie?

Ach, wenn es so wäre, dann könnte ich auch damit umgehen. Aber das schränkt einen ja schon total ein, wenn man Kinder hat. Ich könnte nicht jeden Abend machen, was ich will, oder, wie gestern, erst mittags frühstücken und einen Wein dazu trinken, weil ich gerade nicht arbeiten und mich um niemanden kümmern muss. Familie haben ist halt eine andere Lebensentscheidung. Das wird sicher auch nett, aber jetzt noch nicht. Irgendwann hockt man eh da und ist einfach alt, und dann denkt man, man hätte was verpasst. Wobei ich natürlich auch ein paar Sachen verpasst habe.

Was denn?
Das wird mir erst später klar werden. Wahrscheinlich hätte ich noch härter feiern gehen müssen. Mein Auslandsjahr habe ich auf jeden Fall verpasst – das geht jetzt nicht mehr. Das nervt mich sehr, dass ich das nach der Schule nicht gemacht habe.

Bald spielst du wieder einen Teenager mit Problemen – in der Verfilmung von Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill", bei der die Autorin selbst Regie führen wird. Wie kam es dazu?
Ich habe Helene vor vier Jahren auf einer Party kennengelernt, wo sie meinte: Ey, wir müssen uns unbedingt mal unterhalten. Da ging es wahrscheinlich schon um den Film, aber wir haben uns danach nie mehr gesehen. Dann hat sie mich über Facebook kontaktiert und mir das Drehbuch geschickt. Ich war begeistert und letztes Jahr im Herbst haben wir ein Casting gemacht. Seitdem hängen wir miteinander rum.

Hast du den Roman gelesen, als er neu rauskam?
Nee, immer noch nicht, ich kenne nur das Drehbuch. Das hat mich interessiert – weil es so krass ist, eigentlich ist das gar kein Drehbuch. Da sind Szenen drin, wo man nur denkt: Hä? Was? Das ist nichts, wo man denkt: Ah, das ist aber dramaturgisch wunderbar aufgebaut. Es ist so anders und das finde ich richtig geil, diesen Drive und den Ton. Die Rolle wird… tja, spannend. Mal gucken.

Mifti, die Hauptfigur in "Axolotl", geht ins Berghain und nimmt viele Drogen. Wärst du mit 16 ins Berghain gekommen?
Im Leben nicht, ich komm’ ja nicht mal jetzt ins Berghain. Ich bin aber auch ein bisschen faul geworden: Wenn ich nicht auf Gästelisten stehe, gehe ich fast nirgendwo mehr hin. Ich habe keine Lust, mich drei Stunden irgendwo anzustellen und dann gesagt zu gekommen: Nee, du heute nicht. Wenn ich in solche Clubs gehe, versuche ich, jemanden zu finden, der da mal gearbeitet hat und mich auf die Liste schreiben kann.

Bist du gut vernetzt in Berlin?
Geht so. Aber ja, ein paar Sachen klappen.

Und dann bist du drin und zwei Tage wach.
Das könnte möglich sein. Man weiß da drin ja auch gar nicht, wie viel Uhr es gerade ist. Bis irgendjemand sagt: Scheiße, Alter, es ist schon fünf. Also, nachmittags.

Wann hast du das letzte Mal zwei Tage durchgefeiert?
Durchgehend, ohne schlafen? Das ist schon länger her. Aber es gab ein paar Tage, wo ich nachts gar nicht geschlafen habe und am nächsten Tag arbeiten und zur Probe musste. Das war richtig schlimm. Das mache ich nicht, wenn ich abends Vorstellung habe, das schaffe ich nicht. Aber zu ein paar Stunden Probe kann man auch schon mal nicht so ausgeschlafen hingehen.

Wie wild feierst du denn? Mit knutschen und rummachen?
Ürgs, nee. Das macht man nicht mehr. Nee. Und schon gar nicht in Wien, hier gibt’s gar nicht die richtigen Läden dafür. Hier zu feiern finde ich echt nicht so geil. Die Anlagen in den Clubs sind scheiße, die Leute sind bisschen komisch. Dann hocke ich mich lieber in eine Bar und trinke da. Außerdem habe ich einen Freund, da wird nicht mit anderen geknutscht.

Was macht denn für dich einen guten Club aus?
Eine geile Anlage. Ich habe keinen Bock, dass man sich auf der Tanzfläche noch normal unterhalten kann. Wenn ich schon weggehe, dann will ich auch den Bass im Körper spüren und beim Rausgehen pfeifende Ohren haben. So muss es sein, wenn man feiern geht.

Tanzt du stundenlang oder bist du Eckensteher?
Oft Eckensteher und gucken, was so geht. Ich tanze leider relativ scheiße. Das kommt aber auch auf den Betrunkenheitsgrad an.

Gehört Exzess zum Ausgehen dazu?
Ja, voll. Als Ausgleich zum Arbeiten. Man kann nicht immer nur zuhause rumhängen und fernsehen, das ist langweilig. Lieber gehe ich mit Freunden oder auch Kollegen in eine Bar, zum Saufen. Aber schreib’ nicht saufen, das klingt so asozial. Nach den Theatervorstellungen gehen wir meistens noch einen Absacker trinken. Der Absacker dauert dann meistens auch länger.

Fällst du nach solchen Abenden betrunken auf die Straße und weißt nicht mehr, wie du heimkommst?
Ich muss leider zugeben, dass ich ein relativ fester Trinker bin. Aber ich trinke auch tatsächlich nicht so viel. Manchmal aber dann doch auch viel.

Was ist dein Drink?
Wein oder Gin Tonic, Moscow Mule. Neulich hatte ich einen schlimmen Averna-Sour-Kater. Aber ich trinke Wasser zwischendurch, ich will ja auch nicht am nächsten Tag zuhause sitzen und kotzen. Das passiert sicher auch manchmal, und sicher weiß ich manchmal auch nicht, wie ich eigentlich genau nach Hause gekommen bin. Aber nicht immer.

Hast Du ein Kater-Rezept?
Keinen Meter. Ich leide echt ziemlich krass, kann mich nicht mehr bewegen, liege im Bett und mache gar nichts. Ich gucke ganz oft im Internet nach Kater-Rezepten. Da steht dann: Ein Spaziergang tut gut, wenn ihr das nicht schafft, setzt euch ans offene Fenster, frische Luft. Das mache ich auch, aber das bringt halt alles nicht so viel. Am besten ist wahrscheinlich, eine Bloody Mary zu trinken. Aber dann müsste man jeden Tag weiter Katersaufen, das geht ja auch nicht.

Was war deine wildeste Nacht überhaupt?
Ich weiß nicht, ob ich das erzählen will. Nur so viel: Es gab eine Nacht in München nach dem Filmfest, in der ich mit befreundeten Schauspielern unterwegs war und wir dreimal von der Polizei kontrolliert wurden. Einmal im Auto, einmal zu Fuß, einmal mittags um zwölf im Park. Drogenkontrolle, aber sie haben natürlich nichts gefunden. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wie wir von Ort zu Ort gekommen sind. Wir waren erst bei ein paar Partys und dann noch in einem Club, im Bob Beaman, dann waren wir angeblich bei irgendjemandem zuhause und dann waren wir im Park vor der Pinakothek. Wie ich nachhause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich mit dem Taxi.

Können Schauspieler besser feiern?
Wahrscheinlich schon. Weil wir leider Gottes trinkfester sind. Und ein bisschen gestörter, ein bisschen expressiver. Wir können besser durchdrehen.


Dieser Text ist in der Ausgabe 07/2015 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine im iTunes StorePlay Store und bei Amazon. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen

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