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Festival der Fahrlässigkeit: Besucher ziehen bittere Bilanz nach Lollapalooza in Berlin

Das Lollapalooza sei eine "Imagepleite" für Berlin gewesen, urteilen Medien und Besucher über das Musikfestival mit rund 85.000 Besuchern. Auch in diesem Jahr hat die Großveranstaltung vor allem mit etlichen Pannen für Schlagzeilen gesorgt. 

Viel undankbarer konnte die Situation für The XX wohl nicht gewesen sein. Als das britische Pop-Trio am Sonntagabend die Bühne des Lollapalooza in Berlin betritt – auch noch unmittelbar nach dem "muskulösen Unterhaltungsauftritt" ("Rolling Stone") der Foo Fighters – brechen die meisten Zuschauer bereits auf. Es ist gerade mal 23 Uhr. Und für einen Großteil der 85.000 Festivalbesucher damit Zeit zu gehen. The xx werden vom Headliner zum Rausschmeißer degradiert.

Am Tag zuvor war es bei der Abreise zu chaotischen Zuständen vor dem S-Bahnhof in Hoppegarten gekommen. Rund 3000 Menschen hatten mehrere Stunden vor der Station ausgeharrt, um in die Innenstadt fahren zu können. Die Abreise habe insgesamt bis zu vier Stunden gedauert, berichteten Besucher der NEON. Etwa 30 Festivalbesucher kollabierten in dem Gedränge und mussten von Rettungskräften behandelt werden. Zahlreiche zogen eine katastrophale Bilanz in den sozialen Netzwerken. 

Logisch, dass kaum ein Festivalbesucher Gefahr laufen wollte, dieses Chaos am Sonntag (noch einmal) mitzuerleben – ebenso wenig der Veranstalter selbst. Für den zweiten Festivaltag hatte man daher auf Facebook "inständig" gebeten, dass man auf "die Informationen auf den LEDs an den Bühnen und die Durchsagen unseres Sicherheitspersonals achtet", schreibt das Lollapalooza-Team am Sonntagmorgen in einer öffentlichen Entschuldigung. 

Festival der Fahrlässigkeit: Besucher ziehen bittere Bilanz nach Lollapalooza in Berlin

Die Veranstalter warnten die Besucher am Sonntag vor "mittleren" und "längeren Wartezeiten" bei der Abreise


Abreise top, sanitäre Anlagen (wieder) ein Flop

Mit Erfolg? Nach ersten Erkenntnissen der Bundespolizei verlief die Abreise der Besucher deutlich besser als am Samstagabend. Auch nach Angaben des Veranstalters Tommy Nick war die Lage am Sonntag wesentlich entspannter. Mehrere Zuschauer teilten zudem über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass die Heimreise mit Shuttlebussen und S-Bahnen am Sonntag besser funktioniert habe und sie schnell zu Hause angekommen seien. 

Allerdings konnte dieser Umstand über andere, altbekannte Mängel nicht hinwegtäuschen. Besucher kritisierten zu wenig sanitäre Anlagen für die 85.000 Besucher, auch vor den Foodtrucks und den "Lolla Cashless"-Aufladestationen – Besucher mussten bargeldlos und mit einem Guthabenchip bezahlen – bildeten sich absurd lange Schlangen.  

Zahlreiche Festivalgänger diskutierten zwischen den Auftritten von Top-Acts wie Cro und Mumford & Sons die Frage: Ist es sinnvoll, ein großes Festival am Berliner Stadtrand zu veranstalten? Die meisten Festivals mit so vielen Zuschauern finden irgendwo in der Pampa statt, haben einen Campingplatz und die Menschen reisen nicht alle gleichzeitig ab. Es schien, als fänden das Lollapalooza und Berlin auch im dritten Jahr nicht zusammen. Nachdem es im Vorjahr viele Proteste von Anwohnern des Treptower Parks gab, scheiterte es in Hoppegarten am Verkehr und altbekannten Problemen.

Lollapalooza: "Imagepleite" und "peinliche Nummer"

"Auch bei früheren Ausgaben des Lollapaloozas, etwa auf dem Tempelhofer Flugfeld, kam es zu langen Wartezeiten, chaotischen Szenen vor den Toiletten und aberwitzig langen Schlangen vor Essens- und Getränkeständen", kritisiert auch die "Berliner Morgenpost". Andere Festivals seien besser organisiert. "Für die kreative Bundeshauptstadt mit all ihren Festen war das, trotz guter Bands und Konzerte, keine Glanzleistung", urteilt das Blatt. Der "Tagesspiegel" aus Berlin attestiert der Hauptstadt sogar "eine peinliche Nummer" und "Imagepleite". 

Auch die Berliner Senatsverkehrsverwaltung warf den Festivalveranstaltern und der Genehmigungsbehörde eine fahrlässige Planung vor. "Die Veranstalter und der Landkreis hätten rechtzeitig Vorsorge für eine sichere Heimreise der vielen tausend Besucherinnen und Besucher treffen und entsprechende Verträge mit den Verkehrsunternehmen schließen müssen", heißt es in einer Mitteilung vom Montag. Aufgabe sei es nun, die Ursachen für die "chaotischen Zustände" zu ermitteln und die An- und Abreise für zukünftig sicher zu organisieren. Die Senatsverwaltung wolle dazu das Gespräch mit den Beteiligten suchen und bot an, sich bei künftigen Großveranstaltungen an der Verkehrsplanung und Koordinierung zu beteiligen.

Bei all der Kritik scheint zumindest eines kollektiver Konsens zu sein: Die Organisation des Lollapaloozas muss neu gedacht werden. Damit Festivalbilanzen wie diese nicht noch einmal gezogen werden:

Wie der "Rolling Stone" berichtet, wird das Lollapalooza Berlin in seinem vierten Jahr zum vierten Mal umziehen. Nach dem Flughafen Tempelhof, Treptower Park und Hoppegarten wird das Musikfestival am 8. und 9. September 2018 im Olympiapark stattfinden. Zum Areal gehören unter anderem das Olympiastadion, in dem immer wieder sportliche und musikalische Großereignisse stattfinden, sowie die Waldbühne. In welchen Teilen des Olympiaparks das vierte Lollapalooza stattfinden wird, sei noch nicht bekannt. Der Umzug dürfte Fans des Musikfestivals aber neue Hoffnung schenken.

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fs/Mit Material der DPA

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