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Mein Lebenswerk: Ronja von Rönne

Manche Werke verändern unser Leben. Hier stellen Prominente diejenigen vor, die sie besonders geprägt haben. Diesmal: Ronja von Rönne.

Autorin Ronja von Rönne sitzt auf einer Decke und hält eine Zigarette in der Hand. Ihr Gesicht ist mit Kussmündern bedeckt.

Der Autor, der Ronja von Rönne am meisten geprägt hat, kam nur widerwillig in ihre Hände.

Ronja von Rönne, 24, Autorin, hat erstmals durch ihren Blog „Sudelheft“ auf sich aufmerksam gemacht. Nun schreibt sie Kolumnen und Bücher („Wir kommen“, Aufbau Verlag). Sie kommt aus Grassau am Chiemsee und lebt in Berlin.

 
Ronja von Rönne und die Bücher

"Meine Lieblingsbücher früher, ich war etwa zehn Jahre alt, waren schrottige Gruselromane aus einer Reihe namens „Gänsehaut“. Das waren rot-grüne Bände mit Titeln wie „Es wächst weiter“ oder „Der Werwolf aus den Fiebersümpfen“. Ich fand sie großartig. Doch es waren die Neunzigerjahre, Computer waren auf dem Vormarsch, und meine Mutter war überzeugt, dass diese Bändchen von genau diesen Computern verfasst worden wären: „Das hat kein Mensch geschrieben. Das ist so dermaßen schlecht“, höre ich sie heute noch sagen.

„Gänsehaut“ war das Einzige, für das ich mein Taschengeld nicht ausgeben durfte, und wenn meine Mutter neben meinem Bett „Gib Acht, die Mumie erwacht“ entdeckte, wanderte es direkt in den Papiermüll. Aber Süchtige finden ihren Stoff, da helfen alle pädagogischen Maßnahmen nichts. Deswegen habe ich, als ich alle Bände aus der Dorfbücherei gelesen hatte, einfach begonnen, die Bücher von Freunden zu klauen. Mir war natürlich bewusst, dass man unter zwölf nicht strafbar ist. Falls ich doch erwischt werden sollte, kriegen halt meine Eltern Ärger, dachte ich mir, und dass sie das davon haben, wenn sie mir den Zugang zur Literatur verbieten. Die Streits eskalierten immer wieder und fanden ihren Höhepunkt darin, dass meine Mutter mir eine „Gänsehaut“-Ausgabe namens „Es atmet“ aus der Hand riss und mir einen Band aus der Reihe „Küsschen, Küsschen“ von Roald ins Zimmer warf.

„Da, falls du mal was richtig Gruseliges lesen willst“

sagte sie, und ich starrte voller Hass auf das grässliche Taschenbuch mit diesem unmöglichen Titel. „, Küsschen“, das klang nach Liebesgeschichte für Vorstadtmütter, irgendwas mit einem verwitweten Arzt und einer Frau, die viel seufzt. Außerdem war die Schrift so klein und eng gesetzt, draußen war Sommer, draußen war mein oberbayerisches Heimatdorf, und ich verachtete Roald Dahl aus vollem Herzen. Roald Dahl, der sich mit meiner Mutter verbündet hatte, Roald Dahl und sie, ein Pakt gegen alles Schöne im Leben. Roald Dahl, das Böse.

Aber wer vom Dorf kommt und liest, liest irgendwann alles, was herumliegt. Ich las quasi „Die schönsten Wanderrouten im Chiemgau“. Ich las „Homöopathie für alle Lebenslagen“. Ich las „Die Erziehung des schwierigen Kindes“. Irgendwann hatte ich jedes Buch im Haus gelesen. Nur „Küsschen, Küsschen“ lag noch herum. Eines Tags ertappte ich mich dabei, dass ich es heimlich las, immer nur nachts. Meine Mutter sollte sich bloß nicht einbilden, ich hätte auch nur das leiseste Interesse an Dahl! „Küsschen, Küsschen“ wurde dennoch mein Lieblingsbuch und ist es bis heute geblieben. Die Geschichte von dem Jungen, der vegetarisch aufgewachsen ist und später in einem Schlachthaus stirbt, oder die von der Frau, die in ihrer Herberge die Gäste ausstopft, brannten sich in meinen Hinterkopf. Seit Roald Dahl habe ich nie wieder ein „Gänsehaut“-Buch angefasst.

Heute glaube ich, als Kind kann man Literatur besser beurteilen, als wenn man älter ist.

Als Kind ist einem völlig egal, warum man einen Text gut findet.

 Doch seit ich selbst schreibe, ist das Lesen komplett neurotisch geworden. Bei jedem Roman analysiere ich Erzähltechnik und Dramaturgie. Die Unschuld schwindet oder ist bereits verschwunden. Denke ich heute an Dahl, weiß ich immer noch, wie die Figuren damals für mich aussahen, wie groß die Trauer war, wenn die Seiten weniger wurden und nur so zwischen den Fingern zerrannen.

Ich verehre Dahl heute noch – und ich weiß mittlerweile, weshalb.

Es gibt wenige Autoren, die sich die Heiterkeit bewahren, ihren Witz wie einen Schatz hüten.

Dahl war Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg, sah seine Freunde vom Himmel fallen. Er war also ein Mensch, dem sich das Böse persönlich vorgestellt hat. Trotzdem blieb er Philanthrop. Deshalb ist Dahl nicht nur literarisches, sondern auch menschliches Vorbild für mich. Ich schreibe stilistisch nicht wie er, aber ich hoffe, immer eine ähnliche Zärtlichkeit durch meine Zeilen schimmern zu lassen.


Mich beschämt es, dass ich selbst aggressiv werde, wenn im Schokobrötchen doch nur Rosinen sind, während es Autoren wie Dahl gab, die wahres Grauen erlebt haben und trotzdem imstande waren, Bücher für Kinder zu verfassen. Das klingt esoterisch bemüht, aber: Weise ist der, der das Böse überwunden hat, nicht wer ein Leben lang am Leid knabbert wie an einer trockenen Scheibe Toastbrot. Dieses Trotzdem macht Dahl groß. Dieses Trotzdem schöpft aus schwierigen Umständen ganz besondere Romane. Dieses Trotzdem ist für mich Roald Dahl, und, mehr noch, es ist für mich die einzige Existenzberechtigung von Kunst. Ein großer Schlusssatz, ich schiebe einen kleinen hinterher: Gebäck mit Rosinen drin ist das Letzte!"


Dieser Text ist in der Ausgabe 01/2017 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen. 


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