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Der Stammkunde

Unser Kolumnist Pascal Schaefers erzählt jeden Monat, was ihm in seiner Arbeit als männlicher Escort so alles begegnet.

Aus dem Leben eines männlichen Escort: Die Illustration der Kolumne mit dem Schriftzug: "Obenrum Untenrum"

Aus dem Leben eines männlichen Escort: Die Kolumne "Obenrum Untenrum"

Illustration: Mrzyk & Moriceau

Einer meiner Stammkunden ist Patrick, Ende 40, Germanistikprofessor an der Universität. Sein weißes Haar hat er nach hinten gekämmt, er trägt Sandalen und gestärkte weiße Hemden. Bei jedem unserer Treffen öffnet er eine Flasche Champagner. Die Kronkorken sammelt er in einer Blumenvase. Patrick steht auf Kehlköpfe.

Er will sie berühren, anschauen, die Gurgel enger werden lassen. Nie wirklich stark. Aber stark genug, dass es ihn anmacht. Bei unserem ersten Treffen bringt er mir bei, zu artikulieren, was ich empfinde. Ich mache einfach mit, was er sagt. Beim zweiten und dritten Mal entwickle ich ein Gespür. Er fesselt mich nackt an einen Türrahmen in seiner Altbauwohnung. Ich erzähle im Detail, was er gerade an mir vollzieht: „Du fesselst meine Arme am Rücken, legst das Ende des Seils über meine Schulter, küsst mich und ziehst das Seil fester. Deine andere Hand berührt ganz sanft mit einem Bleistift meine Gurgel …“ Meine Stimme verändert sich immer wieder durch den Druck am Kehlkopf. Seine sensible Art mit mir umzugehen, während ich gefesselt bin, macht mich an. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mich eine devote Situation anmacht.

Ein Escort und ein Professor über Quantenphysik

Ich erzähle Patrick beim Kuscheln einige Geschichten aus meinem Sexleben. Auch er ist einer der vielen Männer, die es anmacht, dass ich mit Frauen schlafe.

Einmal engagiere ich eine Affäre für ein Treffen mit ihm. Wir haben vor ihm Sex. Er liegt halb unter uns, ich nehme sie von hinten. Ich schaue ihn an und spüre, dass ihm nicht ganz wohl ist. Patrick hat ein Problem in der intimen Gegenwart von Frauen, finde ich bei einem anderen Treffen im Casino von Wiesbaden heraus. Auch schämt er sich für seinen Fetisch gegenüber Frauen, gegenüber Männern weniger.

Wir belassen unsere weiteren Treffen in der Zweisamkeit, in der Fantasie malen wir uns aber die Szene zu Dritt weiter aus. Nach unseren Sessions sitzen wir beisammen und reden über Hölderlin, die philosophischen Implikationen der Quantenphysik oder meine aktuellen Seminararbeiten. Patrick gönnt sich aber nicht nur lange Abende mit mir, er zahlt auch immer mehr als verlangt wird, damit die Situation wirklich entspannt ist. Ich empfinde das als einen schlauen Zug. Einen anderen Escort finanziert er in Monatsraten.

Alle Episoden aus der „Obenrum untenrum“-Kolumne findet ihr hier.

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