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StudiVZ - der vielleicht traurigste Ort im Internet

Rund 17 Millionen aktive Mitglieder zählte StudiVZ einst, inzwischen hat Facebook dem deutschen sozialen Netzwerk den Rang abgelaufen. Aber StudiVZ existiert weiter - und gibt ein trauriges Bild ab.

2006 in : Das "Sommermärchen" Fußball-WM stand vor der Tür, ohne dass wir wussten, dass es bald so heißen wird, in unseren Taschen steckten Klotz-Handys von "Siemens" oder "Nokia" und im Radio spielten sie die gerade wieder vereinten "Take That" oder Castingstars wie Mike Leon Grosch.

Die Freizeit verbrachten wir auch damals schon vor dem Computer, allzu oft vor einer roten-weißen Seite mit einem eigenartigen blau-roten Stern als Logo: . Jene Internetseite, die für viele von uns die erste Berührung mit den heute selbstverständlichen sozialen Netzwerken war. Ausgenommen sind natürlich die damals progressiven MySpace-Nutzer, aber das ist eine andere Geschichte.

StudiVZ also. Das war die Seite, die uns zu Netzwerkern machte und, ja, bisweilen auch zu Stalkern. Die uns das seltsame Kofferwort aus "grüßen" und "kuscheln" - "gruscheln" - beibrachte und auf der wir über die Gruppenfunktion zeigen konnten, wie lässig, verzweifelt oder einzigartig wir waren: "Ich hab mich umgesehen, wir sind die geilsten hier.", "Du darfst mich ansprechen! Der VZ-Singletreff.", "Jetzt 'ne Stunde schlafen und dann ins Bett." 

StudiVZ hatte Millionen aktiver Nutzer

Wir prokrastinierten beim Betrachten der Fotos vom letzten , wir schrieben uns mit Kommilitonen und freuten uns über Pinnwandeinträge. Wir waren 17 Millionen und StudiVZ war cool - trotz allem.

Denn von Anfang an begleiteten kleinere und größere Probleme unseren digitalen sozialen Alltag bei StudiVZ. Hin und wieder waren die Server dem Ansturm nicht gewachsen und die Seite nicht erreichbar. Der Datenschutz war zeitweise völlig unzureichend, weil User mit wenigen Umwegen eigentlich als "privat" eingestufte Bilder anderer User sehen konnten. Es gab Sexismus-, Nazi- und Mobbbingskandale, was in diesem Umfang damals noch eine weitgehend neue Netz-Erscheinung war. Außerdem gab es Streitigkeiten mit dem gerade in den USA aufstrebenden , weil es frappierende Ähnlichkeiten bei Funktion und Design zwischen den beiden Netzwerken feststellte. Daneben sorgte der illustre Gründer Ehssan Dariani für Schlagzeilen, weil er die Einladung für eine Firmenfeier im Stile der NSDAP-Zeitung "Völkischer Beobachter" gestaltet oder Frauen auf der Toilette fotografiert haben soll.

Das alles verziehen die Nutzer offenbar, es wurde weiter gegruschelt, geschrieben und Zeit verplempert. Die Seite lief gut, am Horizont zog jedoch schon die Konkurrenz auf: Facebook, das Original aus Amerika. Spätestens, seitdem Mark Zuckerbergs 2008 auf Deutsch verfügbar war, war der Niedergang des Studiverzeichnisses nicht mehr aufzuhalten.

Die Konkurrenz durch Facebook war zu groß

Mehr und mehr wanderten die Nutzer zur blauen Konkurrenz ab, mehr und mehr kamen im StudiVZ-Postfach Abschieds-Nachrichten an ("Hi, ich lösche jetzt meinen Account hier, aber du findest mich bei Facebook."). Der Abnabelungsprozess der Mitglieder war mal schleichend, mal abrupt, aber klar war: StudiVZ war nicht mehr cool. Cool war jetzt Facebook, es gab mehr Funktionen, es war internationaler. Der Urlaubs-Flirt aus Italien oder die Gasteltern aus dem USA-Austausch - alle waren da. "Liken" statt "gruscheln" die neue Devise. StudiVZ erlebte einen Exodus.

Ein Besuch auf studivz.net jetzt, gut zehn Jahre nach dem Hype, zeigt zumindest: Die Seite lebt noch. Wobei "leben" möglicherweise der falsche Begriff ist, denn er suggeriert, dass noch irgendetwas passiert. Sagen wir einfach: Es gibt die Seite noch. Der Betreiber sprach zuletzt von rund 40.000 Besuchern am Tag (Facebook hat zurzeit über 20 Millionen deutsche Besucher täglich). Meine Kontakte gehören aber offenbar nicht zu den Besuchern. Letztmalig hat eine Bekannte ihr Profil im Jahr 2012 aktualisiert, sehe ich unter "Meine Freunde". Danach hat niemand von ihnen mehr seine Seite angerührt. Konservierte Selbstdarstellung.

Der Rundgang ist ernüchternd

Mein virtueller Rundgang führt mich auf "Meine Seite". Das Profilbild erinnert mich daran, dass ich älter geworden bin. StudiVZ dagegen sieht noch fast so aus wie am ersten Tag. Naja.

Ein Blick auf die Pinnwand, zentrales Kommunikationstool der Plattform, ist genauso ernüchternd. Der letzte echte Eintrag ist von 2010. Danach hat mir nur noch "VZ-Moderatorin" Lea beharrlich in jedem Jahr zum Geburtstag gratuliert. Es ist immer der gleiche Text: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Hab einen tollen Tag, lass Dich ordentlich feiern und viel Glück, Erfolg oder Was-auch-immer-Du-Dir-wünschst im neuen Lebensjahr. Liebe Grüße, Dein studiVZ-Team." Danke. Danke. Danke. Danke.

Ich gucke mich weiter um: Der Chat, der hier "Plauderkasten" heißt: leer. Mein Veranstaltungskalender: leer. Mein Posteingang: Gut gefüllt. Eine der letzten Nachrichten kam 2010 von "gelöschte Person": "Wir sollten mal wieder einen Kaffee trinken." Wer diese "gelöschte Person" ist, lässt sich nicht rekonstruieren. In der StudiVZ-Mailbox sind viele Nachrichten von "gelöschten Personen".

Nichts mehr los - auch nicht in den Gruppen

Nächste Station: "Meine Fotos", ein Album ist noch online, allerdings sehe ich dort, wo früher Fotos waren, nur noch Fehlergrafiken. Immerhin: In den Alben meiner Freunde sind noch einige Bilder da. WG-Party 2007, Ostsee-Urlaub 2008, das Festival 2009. Grobkörnige Erinnerungen, damals vermutlich umständlich erst von 3,5-Megapixel-Digitalkamera auf den Computer und dann von dort ins StudiVZ übertragen. Gab es den Begriff "Cloud" damals eigentlich schon?

Wichtig waren auch die Gruppen. Auch hier: nichts mehr los. Letzter Beitrag von 2008 - der Versuch, ein Klassentreffen zu organisieren. Ist bis heute nichts geworden, auch mit Facebook nicht. Es gibt auch Apps und Spiele bei StudiVZ - die habe ich nie genutzt. Jetzt damit anzufangen, wäre wahrscheinlich sinn- und spaßlos.

Fazit: StudiVZ ist eine digitale Geisterstadt geworden. Eine in die Jahre gekommene Stadt, in der niemand ist und in der nichts passiert. Nur Ruhe. Kein unablässiger Nachrichtenstrom, kein "XY gefällt dies und das", kein "XY hat dieses oder jenes kommentiert". 

Was heute noch überzeugt: Ruhe und simple Bedienung

Was heute noch überzeugt: Die simple Bedienung. Sogar seine Mitgliedschaft kann man mit zwei, drei Klicks beenden. Versucht das mal bei Facebook. Trotzdem: Auf "Account löschen" klicke ich nicht. Der Besuch bei StudiVZ ist wie der Fund einer alten Erinnerungskiste im Keller. Vielleicht holt man sie in ein paar Jahren wieder hervor.

Ob es das Studiverzeichnis dann noch gibt? wannstirbtstudivz.net sagte den endgültigen Tod der Seite für 2013 voraus. Doch sie hält sich. Sie ist quasi die Telefonzelle des Internets. Noch existent, aber nicht genutzt. Wobei eine Telefonzelle noch das Handy ersetzen kann, wenn der Akku leer ist. Sollte Facebook nicht erreichbar sein oder WhatsApp ausfallen, StudiVZ taugt selbst dann nicht als Rückfallebene.

Wie geht es weiter mit StudiVZ? Geht es überhaupt weiter? Der Verkauf des Unternehmens an die "Verlagsgruppe Holtzbrinck" 2007 machte Gründer Dariani zum Mulitmillionär. Er schaffte rechtzeitig den Absprung. Das soziale Netzwerk wurde zur Verschiebemasse im Konzern, Innovationen wurden angekündigt, blieben aber aus. Inzwischen gehört StudiVZ zu "Poolworks", einer früheren "Holtzbrinck"-Tochter. Die Unternehmens-Seite verrät Spannendes: 300 Mitarbeiter, Job-Angebote, hunderttausende Nutzer "in den Abendstunden". Am Seitenende der Haken an der Sache: "Stand: November 2011."

"Kein Anschluss unter dieser Nummer"

Ein Anruf bei "Poolworks": Bevor die Frage "Was haben Sie mit StudiVZ vor?" gestellt werden kann, gibt es schon die Antwort von der Telekom-Dame: "Kein Anschluss unter dieser Nummer." Eine E-Mail bleibt unbeantwortet. Immerhin: Im Blog von StudiVZ warnten die Betreiber im vergangen Monat vor einer Spam-Attacke. Hinweise darauf, dass sich bei StudiVZ noch einmal irgendwas ändert, gibt es nicht. Die Kategorie "Innovationen" umfasst drei Beiträge, der jüngste ist drei Jahre alt.

Inzwischen ist Deutschland Weltmeister, Take That sind nur noch zu dritt, Mike Leon Grosch genießt sein Vater-Dasein und in den Taschen haben wir Smartphones - beim Studiverzeichnis geschieht nichts. Fast nichts: Denn "Poolworks" wurde kürzlich von einem US-Unternehmen übernommen. Was aus StudiVZ wird? Unklar. So können wir hoffen, dass wir auch in ein paar Jahren mal wieder einen Gang ins digitale Freunde-Museum machen können. Dahin, wo die Zeit stehen geblieben ist.

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